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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Dosenbier und Diamanten

Unsere Autorin schwelgt in der Flora von Mallorca, und stößt aufs neue Superfood, die Früchte des Johannisbrotbaums. Was das mit Diamanten und der Bibel zu tun hat, beschreibt sie hier.

          2 Min.

          Ja, ich gebe es zu. Ich habe es getan, urteilen Sie nicht zu streng über mich. Ich war Teil des Ansturms auf die Insel. So betitelten Medien die Meute, welche die, gemäß Recherchen der „Mallorca Zeitung“, 830 internationalen Flieger am Pfingstwochenende in Palma de Mallorca ausspuckten. Wir kamen aus Frankfurt, Leipzig und Paderborn, trugen Strohhüte und schämten uns, ein wenig, im Gedrängel vor dem Gesundheitscheck. Wo doch das RKI von nicht notwendigen touristischen Reisen auf die Balearen abrät. Was eine notwendige touristische Reise nach Mallorca definiert, bleibt unklar, doch ich ahne, dass Sonnenlust oder Sangriadurst keine valide Legitimation darstellen.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zugute sei mir gehalten, dass ich, anders als unsere berüchtigten Landsleute, nicht am Ballermann Dosen stach, sondern im Nordwesten der Insel wanderte, im Tal der Orangen, um das Dorf Sóller. Und schon der Flora wegen bereue ich nichts: Haushohe pinke und rote Oleanderhecken säumten die Gassen, es blühten lila Passionsblumen, und ein Meer aus Orangen- und Zitronenbäumen schmückte den Blick ins Tal. Entlang der Wanderwege sah man zahlreiche knorrige Olivenbäume, seit die Mandelbäume der Insel vom Bakterium Xylella fastidiosa geplagt werden, verlegen sich Bauern vermehrt aufs Geschäft mit dem Öl. Und auch an dem scheinbar kargsten Fleckchen Erde wuchs dieser Baum mit den kuriosen Schoten und leuchtend grünen Blättern – der Johannisbrotbaum ist eine uralte Kulturpflanze und ziemlich anspruchslos, auch auf trockenen und steinigen Böden gedeiht er, fast überall im Mittelmeerraum.

          Der Legende nach hat sich schon Johannes der Täufer in der Wüste von den Früchten von Ceratonia siliqua ernährt, woher sein deutscher Name rührt. Bislang landeten die meist in Futtertrögen, doch heute gilt die Hülsenfrucht als neues Superfood, ist sie doch reich an Proteinen und Ballaststoffen und taugt dank seines hohen Zuckergehalts als kalorienarmer Schokoladenersatz. Manche Kochsendungen wagten sich schon an Mousse au Johannisbrot.

          Das Auge war eine zuverlässige Waage

          Man kann auch Tee aus den getrockneten, zerkleinerten Schoten zubereiten. Die schmecken allerdings – wie ich herausfinden musste – erst, wenn sie reif sind, also dunkelbraun und bis zu 20 Zentimeter groß, Erntezeit ist im Frühherbst. Mein Versuch, Tee aus grünen Früchten zu kochen, endete mit einer trüben, pelzig-bitter schmeckenden Brühe. Das Mehl aus Kernen der Johannisbrotfrucht ist jedoch geschmacksneutral und eignet sich zum Andicken. Es versteckt sich hinter der Lebensmittelzusatzstoff-Nummer E410.

          Diese Kerne dienten einst Edelsteinhändlern als Gewichtsmaß – denn durch ein Wunder der Natur sollen sie stets gleich schwer sein, etwa 200 Milligramm. So entstand die Bezeichnung Karat, denn die Früchte des Baums heißen auch Karuben. Mit diesem Mythos räumte jedoch ein Forscherteam der Universität Zürich und eines Forschungsinstituts auf Mallorca 2006 auf. In „Biology Letters“ stellten sie klar, dass die Kerne ebenso variabel viel wiegen wie jeder andere Samen. Die Schmuckhändler von einst müssen sich jedoch nicht aus dem Jenseits grämen, denn der Karubensamen zeichnet sich durchs Augenscheinlichsein aus: Die Wissenschaftler baten Probanden, zu schätzen, welche Samen schwerer waren, und tatsächlich erkannten sie mit bloßem Auge noch Gewichtsunterschiede von etwa fünf Prozent. So entstand wohl die Zuverlässigkeit der Maßeinheit vom Johannisbrot-Karat.

          Auf Mallorca wächst der Baum oft wild, am spanischen Festland oder in Portugal wird er im größeren Stil angebaut. Einige lokal erzeugte Produkte gibt es auch hier, Likör oder Kaffee aus Karuben. Letzterer ist koffeinfrei und gesund, also auch für die Bierkönige im Süden ein geeignetes Souvenir nach einer Woche Malle.

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