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Bild: Illustration: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Der Fünffache Lotos

Die Pflanzen des Homer zweiter Teil: Was aßen die Lotophagen, denen Odysseus Männer einen Besuch abstatteten. War es vielleicht sogar Buddhas heilige Blume?

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          Anfang März hatten wir uns an dieser Stelle mit drei Frühblühern befasst, die eine nicht ganz jugendfreie Szene in der „Ilias“ des Homer garnieren. Eine davon ist dort als „Lotos“ bezeichnet, wobei es sich dabei, wie seinerzeit ausgeführt, nicht um einen Vertreter der modernen Gattung Lotus, also einen Hornklee, handelt, sondern wohl um das Scharbockskraut Ranunculus ficaria. Trotzdem müssen wir noch einmal auf den Lotos zurückkommen.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im klassischen Griechisch steht das Wort für vier sehr verschiedene Pflanzengruppen. Seine lateinische Variante „Lotus“ bezeichnete bei Plinius zudem einen Baum, vermutlich die Lotospflaume (Diospyros lotus), eine Verwandte des asiatischen Diospyros kaki, auf dem die heute in jedem Supermarkt feilgebotenen Kaki- oder Sharonfrüchte wachsen.

          Doch zurück zum griechischen Lotos. Damit kann neben dem Scharbockskraut und ähnlich aussehender Futterpflanzen als Zweites der Zürgelbaum Celtis australis gemeint sein sowie zwei Pflanzen, die darum konkurrieren, hinter der wohl bekanntesten Verwendung des Wortes im Altertum zu stehen. Die findet sich ebenfalls bei Homer, diesmal in der Odyssee, in deren neuntem Gesang es das Schiff des Titelhelden in das Land der Lotophagen verschlägt, „die Blütenspeise verzehren“, wie es in der Übersetzung Kurt Steinmanns heißt. Diese Kost aber hat unerwünschte Effekte auf einen ausgesandten Erkundungstrupp, woraufhin Odysseus die sofortige Weiterreise anordnet. Denn „wer die honigsüße Frucht des Lotos gegessen, wünschte nicht mehr, zurück Meldung zu bringen, wünschte nicht Heimkehr, sondern wollte dort bei den lotophagischen Männern Lotos sich rupfen und bleiben und die Heimkehr vergessen“.

          Pflanzen, die die Sinne trüben

          Was die Lotophagen da rupften, ist unklar. Lange herrschte die Ansicht vor, mit den „honigsüßen Früchten“ seien die des Kreuzdorngewächses Ziziphus lotus gemeint, die von Theophrast beschrieben werden, dem wichtigsten antiken Botaniker. Laut Claudia Erbar von der Universität Heidelberg neigt man inzwischen aber der blauen Ägyptischen Seerose Nymphaea caerulea zu – nicht zuletzt wegen gewisser Ähnlichkeiten in Blattschnitt und Wurzelform mit dem bei den Griechen heimischen Scharbockskraut, dessen Namen sie daher auf die exotische Wasserpflanze übertragen haben könnten.

          Sowohl Theophrast als auch Herodot, der im 5. Jahrhundert vor Christus Land und Leute Ägyptens beschrieb, nennen die dortigen Seerosen „Lotos“ – neben der blauen Art gibt es noch eine weiße, den Tigerlotus Nymphaea lotus. Für die Ägypter hatten beide Pflanzenarten nicht nur enorme kultische und ästhetische Bedeutung – bis hin zum Design von Säulen –, sie aßen sie auch, und zwar die getrockneten Blüten ebenso wie die Wurzeln, denen Herodot einen süßen Geschmack attestiert. Die möglicherweise bewusstseinsverändernden alkaloiden Inhaltsstoffe wie Chinolizidin oder Sesquiterpene passen zudem zu der Stelle in der Odyssee.

          All das hat freilich nichts mit einer fünften und heute vielleicht prominentesten Bedeutung von „Lotos“ zu tun: jener Blume Asiens, auf deren Blüte der Buddha oft dargestellt wird, der in Neu Delhi ein ganzer Tempel nachempfunden ist und von der beim „Lotoseffekt“ die Rede ist. Diese indische Lotosblume Nelumbo nucifera ist zwar ebenfalls eine essbare Wasserpflanze, gehört aber zu einer noch einmal ganz anderen Ordnung im Pflanzenreich. Eigentümlicherweise umfasst die Gattung Nelumbo nur zwei Arten, von denen die eine in Asien, die andere, Nelumbo lutea, im östlichen Nordamerika und der Karibik vorkommt. Essbar ist auch diese.

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