https://www.faz.net/aktuell/wissen/ab-in-die-botanik/alles-im-gruenen-bereich-ein-kommen-und-ein-gehen-15565435.html

Alles im grünen Bereich : Ein Kommen und ein Gehen

  • -Aktualisiert am

Bild: Charlotte Wagner

Kaum ein Begriff ist irreführender als der vom ökologischen Gleichgewicht. In Wahrheit geht es da drunter und drüber.

          2 Min.

          An Ratschlägen, wie man seinen Garten „bio“ gestaltet, herrscht kein Mangel. Man soll ein Insektenhotel und Nistkästen für die Vögel aufhängen, eine Wildblumenwiese aussäen, eine Trockenmauer bauen, einen Teich anlegen, Hecken aus heimischen Gehölzen pflanzen, Totholz aufschichten und fleißig kompostieren. Schwupps, ist das ökologische Gleichgewicht wiederhergestellt. Der Biogärtner lehnt sich zurück und hat ein gutes Gewissen.

          Etwas mehr Arbeit hat sich die britische Zoologin Jennifer Owen gemacht. Zurückgekehrt von Feldforschungen in Uganda und Sierra Leone, erwarb sie 1971 mit ihrer Familie ein Haus in einem Vorort von Leicester, zu dem auch ein siebenhundert Quadratmeter großer verwilderter Garten gehörte, den sie erst einmal auslichten musste. Dann begann sie Listen zu führen. Jahr für Jahr hielt sie fest, was bei ihr gedieh und welche Tiere sich einstellten. Owen setzte keine Pestizide ein und achtete darauf, dass der Garten nicht zu aufgeräumt wirkte, ansonsten hielt sie es wie jeder andere Freizeitgärtner, der ein normales Grundstück zu beackern hat.

          Jennifer Owens Beobachtungen wuchsen sich zu einer einzigartigen Langzeitstudie aus. Obwohl sie an multipler Sklerose erkrankte, hielt sie drei Jahrzehnte durch. Bilanz zog sie erstmals 1991 in dem Buch „The ecology of a garden“ (Cambridge University Press), 2010 erschien schließlich „Wildlife of a garden“ (Royal Horticultural Society). Im Laufe der Zeit hatten sich 474 verschiedene Pflanzenarten angesiedelt, ein Viertel davon ohne ihr Zutun. Die Zoologin, deren Spezialgebiet Schwebfliegen sind, bestimmte 1997 verschiedene Insekten, 138 weitere Wirbellose wie Spinnen und Schnecken sowie 64 Wirbeltiere, darunter 54 Vogelarten. Der Artenreichtum ließ sich rein quantitativ mit einem in der Nähe gelegenen Naturschutzgebiet vergleichen, manche Spezies tauchten allerdings nur selten auf, Flora und Fauna unterlagen einem steten Wechsel.

          Im Garten geht es zu wie auf einer Insel im Ozean

          Das führt zu der Frage, welchen ökologischen Wert ein solcher Garten hat. Man kann dabei die sogenannte Inseltheorie heranziehen, die in den sechziger Jahren von den amerikanischen Biologen Robert MacArthur und Edward Wilson entwickelt worden ist. Sie beschreibt das Gleichgewicht, das sich unter isolierten Gesamtpopulationen einstellt, wenn sich das Aussterben alter und die Zuwanderung neuer Arten in etwa die Waage halten. Ähnlich wie Inseln, die der Ozean trennt, kann man sich Gärten als kleine Oasen vorstellen, die verstreut in einer Städte- und Agrarlandschaft liegen. Nimmt die Größe des fraglichen Habitats ab, sterben immer mehr Arten aus, obwohl sich die Qualität der verbleibenden Fläche gar nicht mal verschlechtert haben muss. Das ist auch der Fall, wenn die einzelnen Habitate so weit auseinanderliegen, dass zuwandernde Arten keine Chance mehr haben.

          Die Inseltheorie hat ihren Niederschlag unter dem Begriff „Biotopverbund“ gefunden. Dahinter steht der Gedanke, dass es nicht reicht, isolierte Schutzgebiete auszuweisen. Das Schlagwort lautet wie so oft „Vernetzung“ und ist in der Theorie gut verankert. In der Praxis weniger: Seit 2002 steht zwar im Bundesnaturschutzgesetz, dass mindestens zehn Prozent der Landesfläche zu einem Bioverbundsystem entwickelt werden sollen. Doch wann es so weit ist, steht in den Sternen.

          Weitere Themen

          Der Vogel mit drei Beinen

          Kletternde Papageien : Der Vogel mit drei Beinen

          Papageien sind begnadete Kletterer. Für ihre waghalsigen Manöver nutzen sie nicht nur ihre Füße. Auch Schwanz, Kopf und Schnabel kommen zum Einsatz – und das in erstaunlich ausgereifter Weise.

          Topmeldungen

          Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping am 30. Juni in Hongkong

          Xi Jinping zu Besuch : Polizeistaat Hongkong

          China kann die einst liberale Stadt Hongkong nur mit Zwang integrieren. Das sagt etwas über die Strahlkraft des chinesischen Entwicklungsmodells.
          In nur zehn Minuten beim Kunden: Das Start-up Gorillas bietet Lebensmittel per Lieferdienst

          Unprofitables Liefergeschäft : Es wird eng für Gorillas

          Lebensmittel in zehn Minuten – dieses Geschäftsmodell hat der Lieferdienst etabliert. Doch nun könnte ihm das Geld ausgehen. Hinter den Kulissen wird offenbar an einem Verkauf des Unternehmens gearbeitet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.