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Alles im grünen Bereich : Die Mutter aller Flaschenkürbisse

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Mit seinem manchmal abstrus geformten Körper ist der Flaschenkürbis ein Hingucker, der die Phantasie beflügelt. Bild: Charlotte Wagner

Wie konnte sich der Kürbis über die ganze Welt verbreiten? Und vor allem: warum?

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          Vergangene Woche war die Rede vom Kürbis. Wäre die Welt ohne ihn ärmer? Absolut gesehen schon. Aber die Menschheit könnte relativ leicht auf ihn verzichten, denn zur Grundernährung trägt er nicht viel bei.

          Umso erstaunlicher ist, dass er zu den allerersten Gewächsen zählt, die überhaupt kultiviert wurden. Archäologische Funde in Nord- und Südamerika legen nahe, dass Flaschenkürbisse (Lagenaria siceraria) bereits zu Beginn des Holozäns vor rund zehntausend Jahren angebaut wurden. Lange Zeit war es ein Rätsel, wie sie dort hingekommen sein mochten, denn ihre Heimat liegt in Afrika. Einige Forscher spekulierten, er könne mit der Erstbesiedlung Amerikas über die Beringstraße in die Neue Welt gelangt sein. Doch der Flaschenkürbis wächst, wie die meisten seiner Verwandten, nur in tropischem oder subtropischem Klima; es gibt auch keinerlei Hinweise auf eventuelle Vorkommen entlang des Weges von Sibirien nach Alaska, den die frühen Siedler wohl genommen haben.

          Amerikanische Wissenschaftler haben vor vier Jahren in PNAS eine Studie veröffentlicht, nach der es wahrscheinlicher erscheint, dass der Flaschenkürbis ganz von allein über den Atlantik gefunden hat. Seine Schale ist außerordentlich haltbar und zudem wasserdicht, Versuche haben gezeigt, dass die darin enthaltenen Samen ein Jahr Aufenthalt im Salzwasser mühelos überstehen. In dieser Zeit hätten sie von Wind und Wellen getrieben jederzeit die amerikanischen Küsten erreichen können. Zum Keimen mussten sie dann freilich ins Inland weiterreisen: Kürbisse sind salzempfindlich und gedeihen nur in Gebieten mit Süßwasser; vielleicht haben Tiere sie flussaufwärts verschleppt.

          Die Wildform schmeckte zum Speien. Dafür hatte sie andere Vorzüge.

          Flaschenkürbisse können bizarre Formen annehmen, aber in den meisten Fällen ähneln sie den primären Geschlechtsmerkmalen des Mannes. Man kann sich vorstellen, dass die indigenen Völker Amerikas das mit Interesse zur Kenntnis genommen haben. In kulinarischer Hinsicht war die Wildform anfangs ein Reinfall, denn sie schmeckte gallebitter. Auch heute noch kann es passieren, dass gezüchtete Kürbisse sich spontan an die genetische Ausstattung ihrer Vorfahren erinnern und größere Mengen toxischer Cucurbitacine produzieren. Die ausgeprägte Bitterkeit dieser Stoffe sollte dem menschlichen Verzehr eigentlich entgegenstehen, hin und wieder kommt es trotzdem zu tödlichen Vergiftungen.

          Als Brechmittel mag der Flaschenkürbis in der Volksmedizin eine gewisse Rolle gespielt haben, doch seine Attraktivität lag auf anderem Gebiet. Aus Flaschenkürbissen lassen sich ohne großes Geschick Gefäße aller Art herstellen, in denen Flüssigkeiten aufbewahrt und transportiert werden können.

          Als Suppenschale, als Löffel oder Kopfbedeckung leisteten sie unschätzbare Dienste, man konnte sie als Auftriebshilfen für Fischernetze verwenden oder als Kalebassenpfeife. Größere Exemplare dienten als Trommel oder Resonanzkörper für Streichinstrumente wie die indische Sitar und den Berimbau, der den brasilianischen Kampftanz Capoeira begleitet. Als Krönung der Flaschenkürbiskunst gelten die luxuriösen Behausungen, die reiche Chinesen für ihre Kampf- und Singgrillen anfertigen ließen. Dass man unreif geernteten Flaschenkürbis sogar essen kann, war häufig nur ein Randaspekt. Von römischen Schriftstellern sind etliche Rezepte überliefert. Das Wasser im Mund läuft einem dabei freilich nicht zusammen.

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