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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Der einsamste Baum

Auf Campbell Island vor Neuseeland ist das Wetter so mies, dass es kein Baum aushält. Gar keiner? Doch! Einer trotzt der Witterung. Wie lebt es sich, als einziges Gehölz im Umkreis von hunderten von Kilometern?

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          Wen der nun begonnene Herbst in Melancholie versetzt, sollte sich einmal in die Lage des Baums von Campbell Island versetzen. Diese Insel, etwas größer als Sylt, liegt im Südpazifik knapp sechshundert Kilometer südlich von Neuseeland. Das Wetter dort ist ungefähr so mies wie aktuell im Raum Frankfurt – nur, dass es fast nie besser wird und die Winde an hundert Tagen im Jahr hundert Kilometer pro Stunde überschreiten. Einwohner gibt es keine. Die deprimierenden Wetterdaten funkt seit 1995 eine automatischen Station nach Wellington. Und richtig, es ist der Baum auf Campbell Island. Es gibt nur diesen einzigen auf der ganzen Insel.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die knapp neun Meter hohe Fichte der Art Picea sitchensis ist damit der einzige Baum im Umkreis von 250 Kilometern. Und diese Einsamkeit erträgt sie schon seit mehr als hundert Jahren. Damals sind die letzten ihrer einstigen Gefährtinnen in den subantarktischen Winden erfroren. Angepflanzt hatte man sie auf Geheiß von Uchter John Mark Knox, dem fünften Earl of Ranfurly und Gouverneur von Neuseeland von 1897 bis 1904. Dieser hatte seinen Posten derart erst genommen, dass er jede einzelne der ihm anvertrauten Besitzungen ihrer Majestät besuchte und auf Campbell Island befahl, das nur von Gras bewachsene Eiland aufzuforsten, auf das sein Holz fürderhin einen Beitrag zum Empire leiste. Daraus wurde nichts. Nur der eine Baum überlebte, dank eines vergleichsweise geschützten Standortes und vielleicht auch zufällig besonders geeigneter Gene.

          Doch noch diesem einsamsten aller Bäume war beschieden, Menschen Trost und Orientierung zu spenden. Bis 1958 sägte sich die Besatzung der Wetterstation alljährlich im Dezember einen Ast ab, um ihre Hütte zumindest ein bisschen weihnachtlich zu schmücken. Die Fichte steckte das ebenso weg wie die Bohrung, die ihr vor ein paar Jahren Forscher um Chris Turney von der University of New South Wales in Sydney beibrachten. Sie wollten das Holz ihrer Jahresringe auf Gehalt an Kohlenstoff-14 analysieren. Dieses Radioisotop wurde in größeren Mengen von den Kernwaffentest seit 1945 auf der Nordhalbkugel freigesetzt, und wie Turney und Kollegen 2018 in Scientific Reports berichteten, ist es seit 1965 auch im Holz der einsamen Fichte im tiefen Süden nachweisbar. Daher wurde vorgeschlagen, dies als geologische Marke für den Beginn des Anthropozäns anzusehen, also des Erdzeitalters, in dem die Menschheit sich die Erde so weit untertan gemacht hat, dass ihre erdgeschichtlichen Spuren nicht in Äonen untergehen.

          Zwar gibt es auch gute Gründe dafür, den Anfang des Anthropozäns bereits im frühen 17. Jahrhundert zu suchen, doch politisch denkende Wissenschaftler fürchten um die Signalwirkung, wenn der Beginn des bleibenden menschlichen Eingriffs nicht mit uns Heutigen in Verbindung gebracht wird. Das Problem ist nur, dass solch eine erdgeschichtliche Marke auch in ferner Zukunft noch nachweisbar sein sollte. Dass die Fichte auf Campbell Island aber über geologische Zeiträume durchhält, scheint zweifelhaft. Den Titel des einsamsten Baumes trägt sie erst seit 1973. Zuvor durfte sich eine Schirmakazie der Art Acacia tortilis in einer zur Sahara gehörenden Sandwüste im Norden der Republik Niger damit schmücken. Sie war dort im Umkreis von 400 Kilometern allein und der einzige Baum, der je auf einer Karte im Maßstab eins zu vier Millionen eingezeichnet war. Dann fuhr sie ein betrunkener Lastwagenfahrer um.

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