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Im Sommer haben „Nasen“ ihre liebe Not, wenn auf dem Weg so viele wundersame Düfte zum Verweilen verführen, zuhause aber alle aufs Frühstück warten. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Der Duft der Hecken

Auch ein Mann kann Rosen lieben, und sie heimlich verfluchen, wenn die Töchter ihre Nasen ebenfalls in jede Blüte stecken wollen. Besonders eilig darf man es dann jedenfalls nicht haben.

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          Regelmäßig werde ich in meinem Freundeskreis zum Gespött. Dafür gibt es einige Gründe, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, aber einer führt in dieser Ansammlung von traditioneller Männlichkeit wiederkehrend zu Lachern und billigen Kommentaren. Es ist nämlich so: Ich rieche gerne an Blumen, Bäumen und Sträuchern, an allem, was gerade blüht. Für mich ist der Sommer vor allem ein olfaktorisches Phänomen, ein Duftwunder, das man mit der Nase genießen muss.

          Andreas Frey
          Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Problem dieser Angewohnheit ist weniger der Spott, sondern die Zeit, die ich mit diesem Hobby mittlerweile verbringe. Eine normale Strecke zum Bäcker zum Beispiel wird unterbrochen von unserer Ligusterhecke im Vorgarten, den Rosenstöcken am Straßeneck, dem Duftjasmin in der Nebenstraße und den alten Linden vor dem Bäcker, an die man mit der Nase freilich nicht gut herankommt. Zu Hause müssen die zunehmend Unterzuckerten deshalb auf ihr Frühstück warten, aber die Zeit um die Sommersonnenwende ist meiner Meinung nach nun einmal die schönste Duftzeit des Jahres.

          Mit der Nase tief im Blütenkelch

          Mittlerweile teilen meine Töchter die Passion, ihre Nasen in fremde Sträucher zu stecken. Die Wege werden dadurch beschwerlicher, aber die Freude steigt. Die Jüngste möchte am liebsten an jedem Blütenkelch schnuppern, vor allem an Rosen, allerdings kommt sie nicht allein hoch. Daher hat sich die tägliche Strecke zum Kindergarten – und zurück – in einen schweißtreibenden Workout verwandelt, der nur mit viel Ablenkung oder eben Geschrei umgangen werden kann. Kind hoch, Kind runter. Und dann noch eine Wiederholung mit der Älteren, sonst droht ein Eifersuchtsdrama. Und ich fange an, Rosen heimlich zu verfluchen.

          Seit ich mir die Grundstücke der Nachbarn genauer ansehe, fällt mir auf, wie ideenlos die meisten Vorgärten noch immer aussehen. Thuja, Eibe und Kirschlorbeer markieren die Grundstücksgrenzen, am besten blickdicht, damit wohl niemand die große Langeweile dahinter erspäht. Läuft man an solchen Grundstücken vorbei, riecht nichts und lebt nichts, bis auf den Kirschlorbeer, der aber sowieso eine ökologische Katastrophe ist.

          Die Vorteile von Liguster

          Da sind mir tote Schottergärten fast lieber, weil ehrlicher. Dabei bieten die Gartencenter heute eine schier unendliche Vielfalt an Dufthecken, mit denen man sein Grundstück begrenzen und zugleich etwas für Nase, Auge und Tierwelt machen kann. Den Liguster im Vorgarten habe ich in diesem Jahr wieder schätzen gelernt: Im Winter stand da ein knorriges Gerippe mit schwarzen Blättern, das man am liebsten herausgerissen hätte.

          Im Juni allerdings hat sich unsere Hecke in ein Idyll mitten in der Stadt verwandelt, an der die Bienen und Hummeln um die weißen Blüten streiten, die in Rispen angeordnet sind. Deutlich schöner anzusehen ist die Blutjohannisbeere, die ich kürzlich in einem anderen Stadtteil als Hecke gesehen habe. Ihr Geruch ist jedoch intensiv und nicht für jedermanns Nase geeignet. Der Gemeine Flieder und die Kornelkirsche sind ebenfalls wahre Zierden wie Dufterlebnisse, der Favorit für meine Nase ist aber der Duftjasmin in Nachbars Garten. Und für alle, die ihre Waschbetonplatten auf dem Rasenrechteck endlich loswerden wollen, ein Tipp: Thymian ist trittfest und sehr aromatisch.

          Langsam verblühen die Rosenstöcke am Straßeneck. Dafür stehen derzeit vier Rosen bei uns auf dem Balkon in voller Pracht, wunderbar in Gelb-Orange. Als ich kürzlich den ersten Geruchstest machen wollte, summte mich plötzlich eine Biene sehr unfreundlich an und flog mir ins Gesicht. Der Stich blieb aus, aber immerhin weiß ich jetzt, wie ich die beiden jüngsten Nasen vom Schnuppern abhalten kann, wenn’s pressiert.

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