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50+-Umweltgipfel in Stockholm : Scharfe Evergreens für die Weltrettung

Einsatz für die Erde: Klimastreik in Berlin, das Stockholmer Motto „Eine Erde“ ganz vorne mit dabei Bild: Julia Zimmermann

Die vorgrünen Öko-Propheten: Wie der Alt-Bundespräsident in Fridays-for-Future-Laune geriet und Kanzler Brandt das „Umwelt-Gruseln“ entdeckte. Fünfzig Jahre im UN-Umwelttheater.

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          Wie prägend das Jahr 1972 für die Menschheit werden würde, wie entscheidend es noch zu werden verspricht, das ist längst vergessen. Verdrängt. Vor fünfzig Jahren hatte die Weltgemeinschaft mit ihrem Versuch begonnen, der Natur um sie herum und dem Planeten unter ihr respektvoller zu begegnen. Fünfzig Jahre ökologische Beziehungstherapie. Eine Tragödie in fünfzig Akten, sagen die einen, die lange Geburt eines globalen Umweltbewusstseins, die anderen. Die Bühne lieferte die schwedische Hauptstadt Stockholm, genau hier, wo sich damals 1200 Regierungsdelegierte aus 112 Ländern zur „UNO-Weltkonferenz für die menschliche Umwelt“ trafen und wo mitten in einer Hitzeperiode vor vier Jahren die damals fünfzehnjährige Greta Thunberg vor dem schwedischen Reichstag, auf dem Boden kauernd und mit einem Schild im Arm, ihren „Schulstreik für das Klima“ begann.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Fünfzig verlorene Jahre für die Erde, so klang es auch jetzt wieder aus jungen Aktivisten-Kehlen, als neunzig Minister und fast ein Dutzend Staatschefs zur Jubiläumskonferenz „Stockholm+50“ anreisten, um zu beschwören und zu erneuern, was die Politik in Vielfachkrisenzeiten wie diesen stets für besonders sinnstiftend hält: die „Zeitenwende“. Die Umweltrhetorik ist seit Stockholm 1972 gespickt mit bedeutungsschweren Begriffen wie diesem. Und eines der beeindruckendsten Zeugnisse dafür fand vier Monate nach dem Beginn der Stockholmer Weltumweltkonferenz Eingang in die Annalen der deutschen Geistes- und Politikgeschichte.

          Gustav Heinemann, dritter Bundespräsident, Mitbegründer der CDU und später ein Sozialdemokrat der ersten Reihe, wandte sich mit vielfältigen Verweisen und sichtlich unter dem Eindruck „einer weltweiten Unruhe unserer Tage, zumal unter der jungen Generation“, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels nicht weniger als an die Weltgemeinschaft. „Die Schicksalsfrage, ob wir auf richtigem Wege sind, greift über uns Deutsche und unsere besonderen Probleme weit hinaus. Sie betrifft die Zukunft der Menschheit im ganzen und das Miteinander oder Gegeneinander der heute lebenden Generation im Angesicht des Zukünftigen.“ Heinemann zitierte auch den zu Beginn des Jahres 1972 erschienenen Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ mit der Forderung nach einer „geistigen Umwälzung kopernikanischen Ausmaßes“, um „zu den notwendigen praktischen Handlungen“, um einen „Gleichgewichtszustand“ zu erreichen. Ökologie war als Begriff noch nicht gesellschaftsfähig, so wenig wie die politische Farbe Grün.

          Doch umweltpolitisch scheint der damalige Bundespräsident in der Paulskirchenrede seiner Zeit aus heutiger Sicht geradezu grotesk weit voraus. Er erinnert an die Warnungen „in steigender Dringlichkeit, daß wir in aller Welt den Raubbau an den Schätzen der Natur nicht fortsetzen dürfen, daß wir an Vergiftung der Umwelt und der Nahrungsmittel zu ersticken drohen, daß Hungersnot unter Millionen von Menschen uns in weltweite Konflikte treiben werde“. Am meisten jedoch beschäftigte ihn in seiner Zeitdiagnose, wie sich die verschlechternde Weltlage auf die „Unruhe der Jugend“ auswirke. Ein fünfzehnjähriger Texaner, dessen Klage die berühmte amerikanische Sozialforscherin Margaret Mead in ihrem aktuellen Buch aufnahm, zitierte Heinemann in einer langen Passage. „Können wir ihn verstehen, wenn er sagt: ‚In den Köpfen meiner Generation herrscht völliges Durcheinander, weil wir versuchen, für uns selbst und um uns herum eine Lösung zu finden‘, und hinzufügt: ‚Wenn aus uns eine Generation werden soll, die alles nur wiederholt, wird der Zustand nur noch schlimmer.‘?“

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