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Wissenschaftsgeschichte : Nur wer sich öffnet, kann sich behaupten

  • -Aktualisiert am

Herausforderung der UdSSR an den Westen: Sputnik I Bild: AP

Die Wissenschaft ist ein halbes Jahrhundert durch dick und dünn gegangen, bis sie gelernt hat, was ihr lange fehlte: den Willen zum Dialog, die Grundvoraussetzungen für gemeinsame Fruchtbarkeit. Szenen eines unverzagten Wissenschaftlerlebens.

          7 Min.

          Vor fünfzig Jahren: Sputnik I, die Herausforderung der UdSSR an den Westen, ist in der Atmosphäre verglüht, Explorer 1 in den Weltraum gestartet, die Nasa gegründet. In den Gymnasien der noch jungen Bundesrepublik diskutieren Primaner Heisenbergs „Weltformel“, über die sie aus der Presse wissen.

          Die dreißig westdeutschen Universitäten mit ihrer im Mittel dreihundertjährigen Geschichte sind für weniger als zweihunderttausend Studenten Stätten relativ ruhiger Gelehrsamkeit. Man lernt eifrig und glaubt an eine gute Zukunft. Das deutsche Forschungssystem fängt an, Form zu gewinnen: die Fraunhofer-Gesellschaft für angewandte Forschung sucht sich ihren Platz, die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben den ihren bereits.

          „Der Weltraum ist noch größer“

          Die seit drei Jahren souveräne Bundesrepublik darf sich wieder mit Kerntechnik befassen und tut es auch. Drei große Forschungszentren werden gegründet und beginnen arbeitsteilig nuklear zu forschen. Kurt Rudzinski, ein auch von Werner Heisenberg, dem Papst der deutschen Wissenschaftsszene, als satisfaktionsfähig eingeschätzter Wissenschaftsjournalist startet die Seite „Natur und Wissenschaft“ in der F.A.Z. mit einem Artikel unter der Überschrift „Der Weltraum ist noch größer“. Darin berichtet er von jüngsten Beobachtungen, die den Durchmesser des optisch erfassbaren Weltraums auf eher acht als vier Milliarden Lichtjahre und das Alter des Kosmos auf eher zehn als fünf Milliarden Jahre festlegen.

          Die DFG gibt eine Denkschrift „Zur Lage der Physik“ heraus, in der Departments als Alternative zu Fakultäten propagiert werden, eine Idee, die durch den späteren Nobelpreisträger Mössbauer ihren entscheidenden Schub erhalten wird. Viel Zukunftsglaube in der Wissenschaft! Langsam keimen Ängste auf angesichts der Entwicklung des Vietnam-Krieges, dessen Ausweitung zum atomaren Krieg niemand mit Sicherheit auszuschließen wagt. Der Philosoph Karl Jaspers liegt mit seinem gerade veröffentlichten Buch „Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit“ auf den Weihnachtstischen der Abiturienten.

          Institutsbesetzungen sind an der Tagesordnung

          Seine Einleitung ist auch aus heutiger Sicht hochinteressant: „Eine schlechthin neue Situation ist durch die Atombombe geschaffen. Entweder wird die gesamte Menschheit physisch zugrunde gehen, oder der Mensch wird sich in seinem sittlich-politischen Zustand wandeln. (. . .) Aber Philosophie und Politik sollten sich treffen.“ Die Realität ist stärker. Der sittlich-politische Wandel steht aus. Aber immerhin: Das Gleichgewicht des Schreckens sorgt für die Verhinderung des Einsatzes atomarer Waffen.

          Das ist nicht genug für die Jugend, die sich gegen Tradition und Autorität, gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung aufzulehnen beginnt. Die Achtundsechziger treiben den Muff von tausend Jahren aus den Talaren und den Hörsälen. An den hessischen Traditionsuniversitäten in Marburg und Frankfurt treibt die „Revolution“ fast noch wildere Blüten als an der FU Berlin. Institutsbesetzungen sind an der Tagesordnung, gesprengte Vorlesungen Normalität. Die Bell Labs, weltberühmte Nobelpreis-Schmiede und adelnde Durchgangsstation so mancher deutschen Physikerkarriere, wird als „Mutter der Kriegsforschung“ (Bell = bellum) verunglimpft, eine geradezu atemberaubende, aber immer wieder verbreitete Assoziation. Daniel Cohn-Bendit zu erleben ist ein Erlebnis. Adorno sieht das anders.

          Tschernobyl, Waldsterben und der Treibhauseffekt

          Der frische, oft raue, manchmal heftig verletzende Wind bewegt etwas, was bewegt werden muss. Die Zahl der deutschen Universitäten erhöht sich in den folgenden zehn Jahren um mehr als das Doppelte. Viele Neugründungen entwickeln sich im Geiste eines neuen pragmatischen Liberalismus, halten die eingeführte „Drittelparität“ gut aus, kreieren moderne Studiengänge, verkürzen die Studiendauer, zeigen erste Ansätze interdisziplinärer Begegnung. Max-Planck-Institute werden in Departmentstruktur gegründet, Großforschungseinrichtungen verstärken unter dem neidisch-wachsamen Auge der Hochschulen ihre Verbindung zu ebendiesen. Eine gute Entwicklung, aber eine andere Gefahr droht: Die Wissenschaftsgläubigkeit der Nachkriegszeit schlägt um in eine Vertrauenskrise.

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