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Natur- und Geisteswissenschaften : Die zwei Kulturen? Eine Korrektur

  • -Aktualisiert am

Naturwissenschaftler müssen ihr Labor verlassen... Bild: AP

Schon immer scheint ein unüberbrückbarer Graben literarische Intellektuelle und Naturwissenschaftler geistig voneinander zu trennen. Doch es ist ein Mythos, dass Natur- und Geisteswissenschaften einander nicht verstehen - vielmehr führt die eine Disziplin zur anderen.

          Am 6. Oktober 1956 hatte Charles Percy Snow im „New Statesman“ einen Artikel mit dem Titel „The Two Cultures“ publiziert; drei Jahre später arbeitete er die These in einer Vorlesung an der Universität von Cambridge aus, die am Tag nach dem Vortrag als Broschüre vom dortigen Universitätsverlag publiziert wurde. 1963 schließlich erweiterte er den mittlerweile vielfach nachgedruckten Text zu einem kleinen Buch von etwas mehr als einhundert Seiten. Charles Percy Snow war bis 1940 ein Physiker am Christ's College, Cambridge, gewesen. Der Krieg unterbrach dies, und danach trat er vor allem als Romanautor, Publizist und später als Wissenschaftsberater unter Harold Wilson auf.

          Wie sieht seine Diagnose der zwei Kulturen aus? Snow nahm eine völlige Trennung und ein wechselseitiges Nichtverstehen wahr: zwischen der Kultur der literarischen Intellektuellen, samt Kritikern und Philologen, einerseits und der Kultur der Naturwissenschaftler und der Techniker andererseits. Man bewege sich von einem Quartier, in dem Intellektuelle verkehren, zu einem Quartier, das von Naturwissenschaftlern bevölkert ist, und es sei so, als habe man den Ozean überquert und die Bevölkerung auf der anderen Seite spreche Tibetisch.

          „Oh, das sind Mathematiker. Wir sprechen nie mit ihnen.“

          Snow illustriert seine These mit unterhaltsamen Beispielen: Naturwissenschaftler, die nach literarischen Kenntnissen befragt, zu Protokoll geben: „I have tried a bit of Dickens“, so als sei dies ein esoterischer Autor, wie - so Snows Urteil - Rainer Maria Rilke. Oder umgekehrt die Konsternation, die man unter Intellektuellen hervorruft, wenn man sie bittet, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu erläutern. Vielleicht die beste Geschichte ist die von jenem Oxforder Professor, der 1890 im St. John's College in Cambridge diniert und sich erfolglos mit zwei Tischnachbarn zu unterhalten versucht. Erst der Vorsteher des College löst die Irritation, indem er erklärt: „Oh, das sind Mathematiker. Wir sprechen nie mit ihnen.“

          ...und Geisteswissenschaftler ihre Bibliotheken: Der interdisziplinäre Dialog ist gefragt

          Aber diese amüsanten Beispiele beantworten nicht die Frage: Ist die These Snows richtig, und ist sie erhellend? Ein wichtiger, wenn nicht gar entscheidender Aspekt ist dabei, von wie vielen Kulturen der Wissenschaft wir reden wollen. Ist zwei eigentlich eine gute und eine treffende Zahl - und wie verändert sich die Diagnose, wenn wir an dieser Zahl etwas ändern? Wir könnten statt zwei auch dreißig bis vierzig disziplinäre Kulturen postulieren und würden uns dann noch auf die großen etablierten wissenschaftlichen Disziplinen wie Informatik, Anglistik, Molekularbiologie und Archäologie beschränken. Diese Option des Studiums der Eigenwelt der Disziplinen würde uns mit Fächern vertraut machen, deren Zuordnung zu den zwei Kulturen schwierig wäre. Betrachten wir nur Archäologie und Informatik - beide sind in bestimmten Hinsichten Geistes- und in anderen Hinsichten Naturwissenschaften.

          Ein unüberbrückbarer Graben

          Man kann aber auch wesentlich größere Zahlen als dreißig oder vierzig annehmen. Es gibt die Möglichkeit, Spezialgebiete in der Wissenschaft zu identifizieren, deren Zusammenhalt darin sichtbar wird, dass die Veröffentlichungen in den jeweiligen Spezialgebieten häufig aufeinander verweisen und dass sie deutlich seltener auf Veröffentlichungen in anderen Spezialgebieten zurückgreifen. Auf diese Weise konnte man schon 1989 zeigen, dass die Zahl der einigermaßen selbständigen und von anderen kommunikativ getrennten Spezialgebiete allein in der Naturwissenschaft deutlich über 8000 liegt. Auch Snow wusste von dieser Möglichkeit der Identifizierbarkeit einer sehr großen Zahl voneinander unabhängiger wissenschaftlicher Kulturen. Er tut sie leichthin als jene Denkschule ab, die „two thousand and two cultures“ postuliere.

          Nun könnte es sein, dass es gar nicht so sehr auf die exakte Zahl ankommt. Die Rede von den zwei Kulturen produziert den Eindruck eines unüberbrückbaren Grabens zwischen beiden Seiten, ein Eindruck, der sich aber nicht mehr hält, wenn man die Möglichkeit einer signifikant größeren Zahl wissenschaftlicher und intellektueller Kulturen konzediert. An die Stelle tritt dann fast automatisch das Bild vielfältiger Nachbarschaften und Überlappungen, die eine jede wissenschaftlich-disziplinäre Kultur für sich praktiziert, so dass der Zusammenhalt der Wissenschaft lokal immer durch solche Nachbarschaften und Kontakte gesichert ist, ohne dass es einen Ort gäbe oder auch nur geben müsste, von dem aus das Ganze in den Blick kommen könnte.

          Nur zwei Kulturen - diese Sicht ist drastisch beschränkt

          Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker und Psychologe Donald T. Campbell hat für eine solche Beschreibung der Wissenschaft die treffende Metapher eines „Fischschuppenmodells der Allwissenheit“ geprägt. Das heißt, dass universales Wissen nicht mehr in einem einzelnen Kopf oder in einem privilegierten Denksystem, wie etwa der Philosophie, vorkommen kann und schließlich auch nicht durch ausgewogene Erziehung gesichert werden kann. Vielmehr haben wir es mit Mustern lokaler Integration des Wissens und lokaler Verknüpfung mit kognitiven Nachbarn zu tun, so dass der eigentliche Ort des Wissens in der modernen Gesellschaft das System aller dieser Verknüpfungen ist.

          Eine andere Möglichkeit ist von Snow zum Schaden seines Arguments verworfen worden. Sie betrifft die Frage, ob man vielleicht über das Konzept der „Zwei Kulturen“ einen, aber auch nur einen Schritt hinausgehen sollte. An zwei Stellen seines Essays zitiert Snow Sozialhistoriker und Soziologen, die ihn gedrängt hätten, eine dritte wissenschaftliche Kultur anzunehmen, die man unter anderem daran erkenne, dass sie auf gutem Fuß mit der naturwissenschaftlichen Kultur stehe, was offensichtlich das kommunikative Geflecht fundamental verändern würde. Systematisch aber nimmt Snow diese Möglichkeit nicht auf, und der hauptsächliche Grund, warum er dies nicht tut, verrät die drastischste Sichtbeschränkung seines Essays, die deshalb nicht von nur historischem Interesse ist, weil sie auch heute immer wieder zu beobachten ist.

          Die sozialen Ordnungen sind der Schlüssel zum Erfolg

          Im Nachtrag von 1963 notiert Snow, sein Essay hätte eigentlich einen anderen Titel tragen müssen: „Die Reichen und die Armen“. In der Tat zieht sich die Frage, wie die armen Regionen der Welt am wirtschaftlichen Aufstieg des Westens partizipieren können, durch seinen gesamten Text. Und es beeindruckt die Einseitigkeit der Lösung, die er als einzig mögliche Antwort auf Unterentwicklung sieht: die Ausbildung von hinreichend vielen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. Weil Snow so denkt, sieht er die Sowjetunion auf der gleichen Ebene mit Nordamerika und Europa, ja sogar mit Vorteilen, da in der Sowjetunion mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure ausgebildet würden als im Westen. Und er glaubt an den unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, von dem er nicht weiß, dass im gleichen Jahr, in dem er seinen Vortrag hält, jene durch den „Großen Sprung“ ausgelöste Hungersnot beginnt, die in zwei Jahren vermutlich zwanzig bis vierzig Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

          Diese extreme Sichtbeschränkung hat damit zu tun, dass Snow nicht einen Augenblick auf die Idee kommt, dass sich die reichen Länder des Westens nicht durch die Zahl von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern von anderen Weltregionen unterscheiden, sondern durch ihre Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnungen, die man nicht mittels der szientifisch-technischen Kultur zu errichten imstande ist. Darum auch nimmt Snow jene dritte Kultur nicht ernst. Schließlich besteht die Funktion der Sozialwissenschaften für ihn nur darin, nachträglich die Folgen jener „industriellen Revolution“ zu reflektieren, deren Heraufkunft wir ihm zufolge allein den technisch-naturwissenschaftlichen Umbrüchen verdanken.

          Intellektuelle werden lernen, mit Naturwissenschaftler zu reden

          In den Jahrzehnten seither ist dieses Konzept einer dritten Kultur wiederholt vorgeschlagen worden. Sachlich am richtigsten in einem Buch von Wolf Lepenies von 1985, das unter dem Titel „Die drei Kulturen“ eine vergleichende Geschichte der Soziologie in Frankreich, England und Deutschland in ihrer Zwischenstellung zwischen Literaturwissenschaft und Naturwissenschaft bietet. Faktisch ist dieses Buch relativ wirkungslos geblieben, vielleicht weil es zu sehr auf die Konkurrenz der Soziologie mit der literarischen Intelligenz fokussiert ist. Die interessantere Zone des intellektuellen Austauschs und Konflikts, zwischen den Sozialwissenschaften einerseits und den Naturwissenschaften und der Technik andererseits, hat Lepenies nicht untersucht.

          Einflussreicher ist ein Band, den John Brockman 1995 unter dem Titel „The Third Culture: Beyond the Scientific Revolution“ herausgegeben hat. Brockman zitiert in dem auf Interviews mit großen Popularisatoren der Naturwissenschaft beruhenden Buch auch Snow, und zwar jene Stellen, in denen dieser von einer dritten Kultur spricht. Aber er zitiert sie falsch. Dort, wo Snow die dritte Kultur als eine möglicherweise gerade entstehende beschreibt, die von Historikern und Sozialwissenschaftlern getragen werden wird, glaubt Brockman gelesen zu haben, dass für diese dritte Kultur charakteristisch sein werde, dass in ihr die literarischen Intellektuellen gelernt haben werden, mit den Naturwissenschaftlern zu sprechen.

          Wer eine dritte Kultur sucht, findet sie in der Soziologie

          Gerade dies aber sei in den vergangenen Jahrzehnten unterblieben. Stattdessen sei zu beobachten, dass Naturwissenschaftler die Fähigkeit erworben hätten, sich unmittelbar der Öffentlichkeit zuzuwenden. Diese Fähigkeit einer unmittelbaren Adressierung des Publikums nennt Brockman die „dritte Kultur“. Mit einer ähnlichen Zuspitzung formuliert der Physiker Lee Smolin die Kulturendifferenz als eine von Gesprächsunfähigkeit auf der humanistischen und Publikumsnähe auf der naturwissenschaftlichen Seite: „Die Leute in diesen Fächern“, gemeint sind die Geisteswissenschaften, „sprechen nicht miteinander. Sie sitzen zu Hause und in ihren Büros und feilen an ihren Sätzen. Naturwissenschaftler sprechen miteinander. Unsere Kultur ist in erster Linie eine mündliche, und darum wissen wir, wie man zum Publikum spricht.“

          Wie aber sieht die Wirklichkeit zwischen den Disziplinen aus? Die Autoren, die John Brockman so effektiv vermarktet - Namen wie Jared Diamond, Richard Dawkins, Steven Pinker und Stephen Jay Gould - sind zweifellos Träger einer bedeutenden intellektuellen Entwicklung. Aber sie verkörpern keine dritte Kultur jenseits literarischer Intelligenz und Naturwissenschaft. Diese dritte Kultur ist in den systematischen Wissenschaften der Kultur, in den Wirtschafts- und in den Rechtswissenschaften und in dem breiten Spektrum der Sozialwissenschaften in den letzten einhundert Jahren auf eindrucksvolle Weise entstanden. Das, was wir dank ihrer wissen und was uns dank ihrer an gestaltendem Eingriff möglich ist, verbietet die Reduktion des Sozialen und der Kultur auf Anwendungsprobleme des technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritts, eine Reduktion, die wir als Kategorienfehler bei Snow beobachten und die wir danach bis in die Wissenschaftspolitik des frühen 21. Jahrhunderts hinein immer wieder finden.

          Netzwerke erleichtern den Dialog

          Die Herausbildung dieser dritten Kultur hat eine intensive kognitive und konzeptuelle Dynamik zwischen Human- und Naturwissenschaften freigesetzt, die in ihrer Intensität und Produktivität historisch neu ist und die alle Ideologeme der Abgrenzung, der prinzipiellen epistemischen Differenz und der angeblichen Überlegenheit der einen oder der anderen Seite entbehrlich macht. Ich will diese Dynamik abschließend illustrieren und beschränke mich auf vier Stichworte.

          1. Information

          Die Formulierung der Informationstheorie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geht auf einen Mathematiker, Norbert Wiener, und einen Ingenieur, Claude E. Shannon, zurück. Sie ist eine der großen Entdeckungen unserer Zeit. Sie verortet sich im Kern der Naturwissenschaften, was man daran sieht, dass diese beiden wichtigsten Erfinder mit ähnlicher Emphase die Gleichsetzung von Information und Entropie betont haben - und damit die Nähe des Konzepts der Information zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, also zu jenem Satz, von dem Charles Percy Snow behauptete, dass kein Humanwissenschaftler ihn zu erläutern imstande sei. Andererseits definiert Shannon Information als Auswahl aus Alternativen. Je mehr Alternativen in einem Auswahlprozess verfügbar sind, desto informativer ist die Auswahlentscheidung, wenn sie denn einmal getroffen worden ist. Das war ein Verständnis von Information, das sich kaum von dem Sinnbegriff unterscheidet, den ungefähr gleichzeitig die phänomenologische Tradition der Philosophie und der Sozialwissenschaften für die Theorie des Bewusstseins und der Kommunikation entwickelte. Auch Sinn wurde als eine Wahl unter Alternativen beschrieben, an der auffällt, dass sie das, was sie nicht gewählt hat, als eine fortdauernde Möglichkeit erinnert. Hier liegen zwei Abstraktionen vor, die so nahe miteinander verwandt sind, dass man auf produktive Weise die Informationsverarbeitung in Maschinen, das Erkenntnisverhalten tierischer Organismen, das sinnhafte Prozessieren des Bewusstseins und der Kommunikation miteinander vergleichen kann.

          2. Kommunikation und Beobachtung

          Die Informations- und die Sinntheorien der Natur- und der Humanwissenschaften haben fast unmittelbar die Entstehung moderner Theorien der Kommunikation motiviert. Der Begriff der Kommunikation fügt nur den Unterschied hinzu, dass man eine Information nicht einfach nur absichtslos mitteilt, dass man sich vielmehr zur Mitteilung der Information entschließt und dass dieser Entschluss wiederum durch andere Teilnehmer an Kommunikation beobachtet werden kann. Auch in diesem Fall drängen sich Namen interdisziplinärer Grenzgänger auf, die für die Entstehung von Theorien der Kommunikation als Theorien sozialer Systeme verantwortlich sind. Ein gutes Beispiel ist Gregory Bateson, Sohn eines großen Genetikers, selbst als Ethnologe ausgebildet, aber schließlich berühmt geworden als Psychiater und wegen seiner kommunikationstheoretischen Reformulierung der Grundlagen der Psychiatrie. Lange schienen Theorien der Kommunikation und der Beobachtung auf menschliche Sozialsysteme beschränkt zu bleiben. Nur Studien über andere Primaten bildeten eine gewisse Ausnahme, und seit dem Anfang der neunziger Jahre existieren Untersuchungen, die für bestimmte Affen (beispielsweise Meerkatzen) komplexe Systeme symbolvermittelter Kommunikation und sogar der intentionalen Täuschung mittels manipulativer Handhabung solcher Symbole nachwiesen.

          Diese Situation hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Immer mehr Populationen tierischer Organismen werden mentale Strukturen zugeschrieben, und dies hat ein vergleichendes Studium solcher mentaler Eigentümlichkeiten motiviert. Es sei nur eine fast zufällig herausgegriffene Publikation zitiert: ein Artikel einer australischen Biologin und eines Zoologen aus Neuchâtel, publiziert vor zwei Jahren in „Nature“. Es geht hier um die Interaktion zwischen einem Putzerlippfisch und einer Brasse im Indopazifik. Der Putzerfisch kann sich von den Parasiten der Brasse ernähren. Er kann die Brasse aber auch betrügen und statt dessen den Hautschleim der Brasse zu sich nehmen, den er eigentlich auch präferiert. Wie sichert sich nun die Brasse gegen diesen Missbrauch und diese Verletzung, oder wie bildet sich, und unter diesem Titel stellt „Nature“ in einem Kommentar den Artikel vor, „Vertrauen unter Fischen“ („trust in fish“). Die Antwort des Artikels lautet, dass Brassen die Putzerlippfische bei der Arbeit an anderen Brassen beobachten - die Autoren nennen dies „Abhören“ - und dass die bei der Arbeit beobachteten Putzerlippfische durch korrektes Verhalten Image und Reputation aufbauen, um sich auf diese Weise den künftigen Zugang zu anderen Brassen zu sichern. Diese Begriffssprache ist signifikant. Es geht um Kommunikation in Netzwerken, um Information, die in diesen Netzwerken transferiert wird, um Reputation, und es geht um andere ohne einen sozialwissenschaftlichen Theoriehintergrund undenkbare Begriffe wie Vertrauen und Spiel.

          3. Spiel und Spieltheorie

          Die Spieltheorie steht in gewisser Hinsicht komplementär zu den Entwicklungen, die ich gerade mit Blick auf Beobachtung und Kommunikation diskutiert habe. Es geht in ihr um Verhalten, für das die meisten der gerade genannten Bedingungen nicht erfüllt sind: Es gibt keine hinreichende Information über das, was ein anderer tut oder tun wird; Kommunikation vor der Verhaltenswahl ist typischerweise nicht möglich; nichtkooperative Situationen strategischen Verhaltens dominieren die Modelle der Spieltheorie. Erneut beeindruckt die Multidisziplinarität der Anwendungen. Bei der Entstehung der Spieltheorie in den vierziger Jahren traten zunächst Mathematiker als diejenigen hervor, die formale Modelle von Spielen entwarfen. In den Sozialwissenschaften engagierten sich in der Folge am intensivsten und kreativsten jene Wissenschaften, die mit strategischen, individuellen Wahlhandlungen und mit der Maximierung von Interessenverwirklichung zu tun haben, also die Wirtschaftswissenschaft und die Politikwissenschaft, im Unterschied beispielsweise zur Soziologie - und seit den siebziger Jahren schließlich vollzieht sich die Erfolgsgeschichte der Spieltheorie in den Modellen der Evolutionsbiologen.

          4. Netzwerke

          Das ist ein sehr abstrakter Begriff, der etwas beschreibt, was überall beobachtbar zu sein scheint. Es gibt Elemente in einem System und Verknüpfungen unter solchen Elementen. Die auf diese Weise entstehenden Systeme können klein oder groß sein, die Verknüpfungen sind stark oder schwach. Für Netzwerke in diesem Sinn interessierten sich zunächst Ethnologen, die kleine Sozialsysteme mit dieser Terminologie und Methode beschrieben, und außerdem Sozialpsychologen, die Zuneigungen und Abneigungen in einer Kleingruppe als Netzwerk verstanden. Vereinzelt fiel auch auf, dass es sehr große Netzwerke mit vielen Mitgliedern geben kann, in denen ungeachtet der großen Zahl der Mitglieder relativ kurze Wege von zufällig gewählten einzelnen Mitgliedern zu zufällig gewählten anderen Mitgliedern führten. Aber die Strukturen, die dies ermöglichten, waren ungeklärt.

          Von angewandter Mathematik zu synchronem Klatschen

          Seit den fünfziger Jahren gab es Texte von Mathematikern, die demonstrierten, dass es sehr große Netzwerke mit den beschriebenen kurzen Pfadlängen zwischen beliebigen Netzwerkknoten und dennoch mit Millionen von Mitgliedern geben kann, wenn man annimmt, dass die Verknüpfungen unter den Elementen zufällig entstehen. Aber dem stellte sich immer der Einwand entgegen, Zufall sei keine plausible Erklärung für die Entstehung von Verknüpfungen in realen Netzwerken. Also waren große Netzwerke dieses Typs nicht überzeugend zu beschreiben oder zu erklären. Ein Durchbruch gelang vor knapp zehn Jahren einem jungen Ingenieurwissenschaftler, der eine Doktorarbeit in angewandter Mathematik schrieb. Sein Erklärungsproblem bestand zunächst darin, dass er Vorgänge der Synchronisation in natürlichen Systemen zu erklären versuchte: Wie gelingt es großen Populationen von Grillen, ihr Zirpen zu synchronisieren? Wie synchronisieren Millionen von Glühwürmchen in südostasiatischen Urwäldern ihr Leuchten? Und wie kommt es zu der (immer nur vorübergehenden) Synchronisation von Applaus am Ende von Theatervorstellungen? Diese Fragen führten den Doktoranden auf sozialwissenschaftliche Netzwerkvorstellungen hin, die bisher in diesem Bereich nicht angewendet worden waren.

          Auf dieser Basis entdeckte der Doktorand, er heißt Duncan Watts, zusammen mit seinem Betreuer, dem Mathematiker Steven Strogatz, eine sehr einfache und zugleich sehr allgemeine, bis dahin nicht beschriebene Netzwerkstruktur für große „small worlds“. Man muss postulieren, dass jedes Systemelement in einen lokalen Zusammenhang weniger anderer Systemelemente eng eingebunden ist. Diese lokale Struktur heißt ein „Cluster“. Und man muss zusätzlich in dieser riesigen Population, die das Gesamtsystem bildet, eine überraschend kleine Zahl von Systemelementen postulieren, die außer lokalen auch entfernte Vernetzungen aufweisen, also mit ihren Verknüpfungen in entfernte Regionen des Systems hineinreichen. Mit einer solchen Struktur aus lokalen Zusammenhängen, in die die meisten Elemente eingebunden sind, und wenigen einzelnen Elementen, die auf viele andere, gerade auch auf entfernte Elemente einwirken, kann man sehr große Netzwerke mit kurzen Pfadlängen erklären, die bis dahin schwer verständlich waren.

          Der Übergang zwischen den Disziplinen ist fließend

          Dieser neue Typus von Netzwerk kann in extrem verschiedenen Welten beobachtet werden: bei der Herstellung von Verknüpfungen im Gehirn; bei komplexen chemischen Reaktionen unter Molekülen; in Sozialsystemen, die Millionen und Milliarden von Elementen aufnehmen können, also beispielsweise das Internet. Nach wie vor ist aber offen, welche Rolle diese „small worlds“ für die Entstehung der vielfältigen Synchronisationen in natürlichen Systemen spielen. Man kann an diesem Beispielfall also gut studieren, wie unberechenbar heute der Weg von theoretischen Konzepten und Methoden zwischen voneinander weit entfernten Disziplinen ist. Jener junge Ingenieur mit dem ungewöhnlichen Dissertationsauftrag ist heute weder als Biologe noch als Mathematiker, noch als Ingenieur tätig, sondern als Professor für Soziologie an der New Yorker Columbia University.

          Es zeigt sich also, dass es die Welt der zwei Kulturen heute nicht mehr gibt. Zwar mögen die Beteiligten in bestimmten Situationen - beispielsweise in Situationen der Ressourcenkonkurrenz - die Sachlage so empfinden, als liege ein unüberbrückbarer Graben zwischen verschiedenen disziplinären Kulturen. Aber eine solche Situation kann im nächsten Augenblick durch einen der überraschenden, hier in Umrissen skizzierten Kontakt zwischen entfernten disziplinären Kulturen völlig verändert werden. Dies tritt in der gegenwärtigen Wissenschaft an die Stelle eines unüberbrückbaren Abgrunds zwischen füreinander undurchdringlichen Welten, und zwar sowohl auf der Basis einer Diversifizierung der disziplinären Kulturen wie auf der Basis der Entstehung einer dritten Kultur der systematischen Kulturwissenschaften, der Wirtschafts- und der Sozialwissenschaften. Dieses interdisziplinäre Milieu des unablässigen Austauschs von Konzepten, Abstraktionen, Theorien und Methoden ist weit interessanter und überraschungsreicher, als jene durch ideologische Grabenkämpfe beschriebene Welt, deren Existenz ohne wirkliche Kenntnis der Wissenschaften auch heute vielfach noch behauptet wird.

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