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Die Kreation der Klone : Der Stallgeruch des neuen Biozeitalters

Neue Verfügbarkeit: Genforscher Craig Venter war einer der ersten, der sein persönliches Genom öffentlich gemacht hat Bild: JCVI

Die Nachricht von der Geburt des Klonschafs „Dolly“ war der vielleicht größte biotechnische Coup und Fluchtpunkt neuer medizinischer Machbarkeitsphantasien: Die Jagd nach dem Jungbrunnen war eröffnet.

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          Wir sind heute schon so eng vertraut mit dem Gedanken, dass der Mensch über die Gene eines Lebewesens beinahe nach Belieben verfügen und sie also auch gewissermaßen umprogrammieren kann, dass es schwer fällt, sich in die biotechnische „Unschuld“ der fünfziger Jahre zurückzuversetzen. Vor fünfzig Jahren, fünf Jahre nach der Entdeckung der Doppelhelix-Struktur des Erbmaterials DNS durch Francis Crick und James Watson, war die gezielte Manipulation des Genoms ein kühner Traum einiger Spezialwissenschaftler.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kaum fünfzehn Jahre später waren die Grundlagen der Gentechnik gelegt, die Verbindung von Erbmaterial aus verschiedenen Organismen zu „rekombinanter DNS“. Erst aber die Geburt des geklonten Schafes „Dolly“ in Schottland vor rund zwölf Jahren und die Bekanntmachung dieser Methode in einem kurzen Brief der Zeitschrift „Nature“ Anfang 1997 hat die ganze Dimension dieses neuen „Zeitalters biologischer Kontrolle“, wie es die Klonschöpfer um Ian Wilmut und Keith Campbell später formulierten, allen vor Augen geführt. Durch die Übertragung eines Zellkerns in eine zuvor entkernte Eizelle mit der anschließenden „Aktivierung“ bis zur Ausbildung des Embryos lag die Steuerung des genetischen Lebensprogramms plötzlich in der Hand von Labortechnikern.

          Dolly hat die Biologie auf den Kopf gestellt

          Das Klonen von Lebewesen war bis da noch keine große Sache. Die Forschung daran ging bis ins neunzehnte Jahrhundert zurück und konnte sogar als deutsche Spezialität gelten. Theodor Boveri etwa hatte in Würzburg schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts Kerne aus Eizellen unterschiedlicher Seeigelarten im Reagenzglas zusammengewürfelt. Doch Dolly, dieses zutrauliche Finn-Dorset-Schaf aus dem Stall des Roslin-Institutes bei Edinburgh, hat die Biologie buchstäblich auf den Kopf gestellt. Aus dem Erbmaterial einer differenzierten, fertig ausgebildeten und demnach hoch spezialisierten Zelle – einer Milchdrüsenzelle –, die man einem längst verstorbenen Schaf entnommen hatte, wurde ein vollständiger neuer Organismus geschaffen. Die biologische Uhr war zurückgedreht worden. Der Jungbrunnen - kaum noch ferne Utopie. Und selbst für eingefleischte Lebenswissenschaftler eine faustdicke Überraschung, eine wissenschaftliche Sensation.

          Tatsächlich hatte es für Biologen gute Gründe gegeben, an der vollständigen Reprogrammierung des Genoms ausgereifter Körperzellen grundsätzlich zu zweifeln. Die Entwicklung vom embryonalen in den differenzierten Zustand bringt es für die Zellen gewöhnlich mit sich, dass molekulare Veränderungen am Erbmaterial vorgenommen werden. Viele Gene werden an-, andere Gene abgeschaltet.

          Eine Frage der richtigen Technik

          Die meisten dieser genetisch gesteuerten nachträglichen Prägungen hielt man für irrversibel. Eine embryonale Zelle, der noch alle Entwicklungsrichtungen offen stehen, sollte sich grundsätzlich von der spezialisierten Körperzelle unterscheiden. Und die Klonierungsbemühungen an unterschiedlichen Tieren vom Frosch bis zur Maus und Kaninchen in den sechziger, vor allem aber der siebziger und achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, schienen diese These zu bestätigen. Reprogrammierungen durch Kerntransfer gelangen in der Regel nur, wenn man die Zellen aus möglichst früh entwickelten Embryonen entfernte und anschließend in die Empfängerzelle transplantierte.

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