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: Zwischen Ölpest und Garnelenfang

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Jesse Morris will sich nicht beklagen. Die Ölpest im Golf von Mexiko hat den 66 Jahre alten Fischer aus dem Hafenort Venice vom gewohnten Garnelenfang abgehalten, aber sie hat ihn nicht arm gemacht. Im Gegenteil: Morris wurde wie ...

          VENICE (LOUISIANA), 15. April

          Jesse Morris will sich nicht beklagen. Die Ölpest im Golf von Mexiko hat den 66 Jahre alten Fischer aus dem Hafenort Venice vom gewohnten Garnelenfang abgehalten, aber sie hat ihn nicht arm gemacht. Im Gegenteil: Morris wurde wie viele andere Fischer aus der Region vom Ölkonzern BP angeheuert, mit ihren Booten bei den Aufräumarbeiten zu helfen. 120 Tage lang ist er mit einer 14 Mann starken Besatzung in den Golf hinausgefahren. Als Bootskapitän bekam er einen Tagessatz von 2100 Dollar. Insgesamt sprangen also mehr als 250 000 Dollar heraus. Für eine solche Summe müsste er lange Garnelen fangen: Mehr als 100 000 Dollar hat Morris noch nie in einem Jahr mit der Fischerei eingenommen. Das Geld von BP hat Morris zum Teil in sein Boot gesteckt und einen neuen Motor gekauft. Heute hat ihn der Alltag als Fischer wieder: Er steht am Hafen von Venice und bringt sein Boot in Schuss, denn in ein paar Wochen beginnt hier die Garnelensaison. Sein persönliches Fazit der Katastrophe in seiner Heimatregion fällt pragmatisch aus: "Die Ölpest war für mich finanziell eine gute Sache", sagt er.

          Nur ein paar Meter von Morris entfernt sind von Leon Bourgeois ganz andere Töne zu hören. Bourgeois hatte nicht das Glück, mit seinem Boot von BP rekrutiert zu werden, und er saß nach der Ölkatastrophe erst einmal untätig herum. Zwar hat auch bei ihm BP-Geld akute Finanznot verhindert: Er bekam 70 000 Dollar Nothilfe, womit er neben seinen Ausgaben für den täglichen Bedarf sogar alte Schulden abbezahlen konnte. Weitere 25 000 Dollar will er aus dem von BP eingerichteten Entschädigungsfonds annehmen und im Gegenzug darauf verzichten, den Ölkonzern zu verklagen. Aber das tut der 63 Jahre alte Bourgeois nur, weil er einen langwierigen Rechtsstreit mit BP vermeiden will, und nicht, weil er den Schaden für beglichen hält. Ihn plagen Sorgen um die Zukunft: Wie wird die kommende Garnelensaison ausfallen, und wie wird es in den nächsten Jahren aussehen? Hat die Ölpest die Bestände dauerhaft geschädigt? Wird sein Enkel, der ihm auf seinem Boot aushilft, die Familientradition fortsetzen und seinen Lebensunterhalt mit dem Fischfang bestreiten können? Bourgeois hat keine Antworten darauf, aber er hat ein ungutes Gefühl: "Da draußen ist noch immer so viel Öl. Wir können heute gar nicht sicher sein, was das mit unserem Fisch gemacht hat."

          780 Millionen Liter Rohöl ergossen sich ins Meer

          Am Mittwoch jährt sich zum ersten Mal der Unfall, der zur schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten geführt hat. Auslöser war eine Explosion auf der im Auftrag von BP betriebenen Tiefseebohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko. Elf Menschen starben, die Plattform ging unter, und es entstand ein Ölleck, das monatelang nicht geschlossen werden konnte. Rund 780 Millionen Liter Rohöl sind nach Schätzungen der amerikanischen Regierung ins Meer geströmt. Das zwei Autostunden südlich von New Orleans gelegene Venice und der Rest der Golfküste standen unter Schock. Das Einkommen der meisten Menschen hier hängt von der Ölindustrie oder der Fischerei ab. Nach dem Unglück wurden die ölverseuchten Gewässer aber erst einmal für den Fischfang gesperrt. Die Ölindustrie wurde von einem Moratorium der amerikanischen Regierung gebremst, das bestimmte Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko untersagte.

          Zwölf Monate nach der Katastrophe bleiben die wirtschaftlichen Konsequenzen für Region schwer einzuschätzen. Der Fischfang ist wieder freigegeben, und seit Februar werden auch wieder Bohrlizenzen verteilt, Anlass zur Entwarnung besteht aber nicht: So erholen sich manche Bereiche der Fischerei wie die Austernzucht nur langsam und sind noch weit von ihrem Stand vor der Ölpest entfernt. Es ist heute auch kaum zu beantworten, welche längerfristigen Schäden das Öl und die zur Beseitigung des Öls eingesetzten Chemikalien in der Fischwelt hinterlassen. Die betroffene Küste in Louisiana ist ohnehin eine hochsensible Gegend und leidet seit Jahren unter einem rasanten Schwund von Feuchtgebieten, für den die Öl- und Gasindustrie mitverantwortlich gemacht wird.

          Und doch hat die Ölpest hier zumindest bislang weniger Menschen als vielleicht zunächst erwartet in eine akute finanzielle Notlage gebracht. Dafür hat das Geld von BP gesorgt, das auf zwei Wegen kommt: Zum einen, indem das Unternehmen die Menschen für die Säuberungsaktionen bezahlt. Zum anderen über den Entschädigungsfonds von 20 Milliarden Dollar, den BP auf Druck der amerikanischen Regierung eingerichtet hat und der vom Anwalt Kenneth Feinberg verwaltet wird. Bislang sind aus dem BP-Fonds 3,8 Milliarden Dollar an mehr als 175 000 Antragsteller geflossen. "Wir können hier alle froh sein, dass der Unfall einem so reichen Unternehmen wie BP passiert ist", sagt Nick Bezmalinovich, ein Austerngroßhändler aus Belle Chasse.

          Die finanzielle Entschädigung hat die Menschen nicht mit BP versöhnt

          Das heißt aber längst nicht, dass BP die Menschen hier versöhnt hat. Sie werfen dem Unternehmen Willkür und übermäßige Bürokratie vor. John Tesvich, Inhaber des Austernverarbeitungsunternehmens Ameripure, schüttelt den Kopf darüber, welche Summen manche seiner 80 Mitarbeiter von Feinberg zugesprochen bekamen. "Beim einen waren es 18 000 Dollar, beim nächsten 2700 Dollar - auch wenn beide die Gleiche Arbeit bei mir machen und das gleiche verdienen." BP wird beschuldigt, den einen zu wenig gegeben zu haben und den anderen zu viel - was bei den Menschen in der Region auch für Unfrieden untereinander gesorgt hat. "Selbst Kellner und Barkeeper haben hier Tausende von Dollar eingestrichen, obwohl sie keinen Schaden hatten. Die Restaurants haben mit der Ölpest das Geschäft ihres Lebens gemacht, weil in der Zeit so viele Leute hierhergekommen sind", sagt Tesvich.

          Auch mit der Auswahl der Kräfte für die Aufräumaktion hat sich BP Zorn zugezogen. Viele Fischer fühlten sich übergangen. Sie werfen BP auch vor, Jobs zu oft an Auswärtige gegeben zu haben. Tony Frickey von der Hafengesellschaft in Venice erzählt: "Ich habe viel Gier gesehen. Die Leute haben gemerkt, dass hier Geld zu holen ist. Wahrscheinlich sind um die 30 Prozent der BP-Jobs an Leute gegangen, die nicht von der Ölpest betroffen waren." Diejenigen, die einen der begehrten Posten ergattern, staunen oft selbst, wie lukrativ die Arbeit ist. So wie der 31 Jahre alte Mann, der im Hafen des Venice-Nachbarorts Buras eine kleine Flotte von Booten überwacht, die für BP im Golf unterwegs ist. Er will seinen Namen nicht nennen, aber er sagt, so viel Geld wie im Moment habe er noch nie verdient. Inklusive Überstunden komme er auf 3000 Dollar in der Woche. BP hat heute längst nicht mehr so viele externe Helfer im Einsatz wie noch im vergangenen Jahr, aber es dürften nach Schätzung von Frickey noch immer bis zu 500 sein.

          In der Golfregion wird heute oft über die "Spillionaires" geschimpft - die Krisengewinner, die von der Ölpest (dem "Oil Spill") profitieren. Mike Bush sieht das nüchtern: "Jede Katastrophe eröffnet nun einmal auch Chancen", sagt der Leiter der lokalen Mississippi River Bank in Belle Chasse. Bush sieht in seinem Arbeitsalltag keinen Anlass für Missgunst unter den Menschen. Er beteuert, er könne keine Horrorgeschichten von Kunden liefern, die wegen der Ölpest am Rande des Ruins stehen. Vielmehr seien die Kundenguthaben seiner Bank in der zweiten Jahreshälfte 2010 insgesamt deutlich angestiegen - dank der Zahlungen von BP. Ihn besorgt eher, dass die Menschen das erhaltene Geld zu leichtfertig ausgeben. "Wir warnen unsere Kunden bei der Beratung davor, sich jetzt nicht zu unnötigen Anschaffungen verführen zu lassen." In vielen Fällen siegt offenbar der Drang, sich etwas zu gönnen: "Manche waren vernünftig und haben gespart oder in ihre Boote investiert, andere haben sich einen Mercedes gekauft", sagt Hafenmanager Frickey.

          Manche kauften sich vom Geld ein Boot, manche einen Mercedes

          Byron Marinovich, der in Buras eine eigenwillige Kombination aus Restaurant und Waffengeschäft betreibt, wunderte sich bisweilen, wie locker das Geld saß: "Hier kamen Leute herein und wollten gleich fünf Gewehre auf einmal kaufen." Seine Erklärung: Die meisten Menschen in der Region sind als einfache Arbeiter nicht daran gewöhnt, größere Geldbeträge auf einmal zur Verfügung zu haben, und entsprechend schlecht können sie damit umgehen. "Wenn sie aber in einem Jahr das Geld wirklich bräuchten, ist nichts mehr da." Die Gefahr, dass die Dinge in einem Jahr viel schlechter aussehen als heute, hält Marinovich für sehr reell. Er fürchtet, dass sich jenseits der unmittelbaren Folgen der Ölpest, wie man sie zum Beispiel mit den vielen verendeten Pelikanen zu sehen bekam, ein schleichender Prozess im Golf abspielt, der noch schlimme Folgen für die Fischerei haben könnte.

          Staatliche Labortests bescheinigen den Fischen aus der Golfregion bisher Unbedenklichkeit, aber Marinovich hat seine Zweifel: "Es ist ja nicht so, dass das Öl und die Chemikalien sich einfach komplett in Luft aufgelöst haben wie Houdini." Manche Einheimische wissen selbst nicht so recht, ob sie den hiesigen Fisch guten Gewissens empfehlen können. Marinovich bezieht die Austern für sein Lokal "Black Velvet Oyster Bar & Grill" nur von einer kleinen Zahl ausgewählter Orte, die er selbst gut kennt. "Es muss nur ein Mensch krank werden, wenn er Fisch aus dem Golf isst, und das wird uns auf Jahre verfolgen."

          Diese Unsicherheit macht es auch schwierig für die Menschen, ihren persönlichen finanziellen Schaden einzuschätzen und zu entscheiden, ob sie sich auf einen Vergleich mit dem Feinberg-Fonds einlassen sollen. Billy Johnson etwa, der 27 Jahre alte Neffe von Fischer Leon Bourgeois, hat anders als sein Onkel noch nicht zugegriffen: "Ich will erst einmal abwarten, wie die Garnelensaison läuft, und das lässt sich heute einfach überhaupt nicht sagen." Austernverarbeiter Tesvich ist sich fast sicher, dass er es auf eine Klage ankommen lässt. Er hat seinen Betrieb, der normalerweise einen Jahresumsatz von 8 bis 10 Millionen Dollar bringt, wegen der Ölpest für sechs Monate ganz geschlossen. Er hat 30 bis 40 Prozent seines Geschäfts verloren.

          Seit der Katastrophe gibt es weniger Austern in der Region, und selbst die geschrumpfte Ernte ist schwer an den Mann zu bringen, weil Menschen in ganz Amerika Bedenken haben, Austern vom Golf zu essen. Tesvich hat ganze Restaurantketten als Kunden verloren, die Austern von der Speisekarte genommen haben. Die Expansionspläne, die er vor der Ölpest hatte - ein zweites Verarbeitungswerk mit weiteren 75 Arbeitsplätzen - hat er auf Eis gelegt. Feinberg müsste ihm schon um die 10 Millionen Dollar anbieten, damit er sich auf einen Vergleich einlässt, aber das kann sich Tesvich nicht vorstellen: "BP ist großzügig, solange es um überschaubare Beträge geht. Bei großen Fällen wie meinem sieht es anders aus." Tesvich hat gleich mehrere Anwälte angeheuert, die eine Klage gegen BP prüfen. Er hat keine Angst davor, es vor Gericht mit dem Ölgiganten aufzunehmen: "Ich traue meinen Anwälten zu, dass sie BP in den Hintern treten."

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