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: Zwischen Ölpest und Garnelenfang

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In der Golfregion wird heute oft über die "Spillionaires" geschimpft - die Krisengewinner, die von der Ölpest (dem "Oil Spill") profitieren. Mike Bush sieht das nüchtern: "Jede Katastrophe eröffnet nun einmal auch Chancen", sagt der Leiter der lokalen Mississippi River Bank in Belle Chasse. Bush sieht in seinem Arbeitsalltag keinen Anlass für Missgunst unter den Menschen. Er beteuert, er könne keine Horrorgeschichten von Kunden liefern, die wegen der Ölpest am Rande des Ruins stehen. Vielmehr seien die Kundenguthaben seiner Bank in der zweiten Jahreshälfte 2010 insgesamt deutlich angestiegen - dank der Zahlungen von BP. Ihn besorgt eher, dass die Menschen das erhaltene Geld zu leichtfertig ausgeben. "Wir warnen unsere Kunden bei der Beratung davor, sich jetzt nicht zu unnötigen Anschaffungen verführen zu lassen." In vielen Fällen siegt offenbar der Drang, sich etwas zu gönnen: "Manche waren vernünftig und haben gespart oder in ihre Boote investiert, andere haben sich einen Mercedes gekauft", sagt Hafenmanager Frickey.

Manche kauften sich vom Geld ein Boot, manche einen Mercedes

Byron Marinovich, der in Buras eine eigenwillige Kombination aus Restaurant und Waffengeschäft betreibt, wunderte sich bisweilen, wie locker das Geld saß: "Hier kamen Leute herein und wollten gleich fünf Gewehre auf einmal kaufen." Seine Erklärung: Die meisten Menschen in der Region sind als einfache Arbeiter nicht daran gewöhnt, größere Geldbeträge auf einmal zur Verfügung zu haben, und entsprechend schlecht können sie damit umgehen. "Wenn sie aber in einem Jahr das Geld wirklich bräuchten, ist nichts mehr da." Die Gefahr, dass die Dinge in einem Jahr viel schlechter aussehen als heute, hält Marinovich für sehr reell. Er fürchtet, dass sich jenseits der unmittelbaren Folgen der Ölpest, wie man sie zum Beispiel mit den vielen verendeten Pelikanen zu sehen bekam, ein schleichender Prozess im Golf abspielt, der noch schlimme Folgen für die Fischerei haben könnte.

Staatliche Labortests bescheinigen den Fischen aus der Golfregion bisher Unbedenklichkeit, aber Marinovich hat seine Zweifel: "Es ist ja nicht so, dass das Öl und die Chemikalien sich einfach komplett in Luft aufgelöst haben wie Houdini." Manche Einheimische wissen selbst nicht so recht, ob sie den hiesigen Fisch guten Gewissens empfehlen können. Marinovich bezieht die Austern für sein Lokal "Black Velvet Oyster Bar & Grill" nur von einer kleinen Zahl ausgewählter Orte, die er selbst gut kennt. "Es muss nur ein Mensch krank werden, wenn er Fisch aus dem Golf isst, und das wird uns auf Jahre verfolgen."

Diese Unsicherheit macht es auch schwierig für die Menschen, ihren persönlichen finanziellen Schaden einzuschätzen und zu entscheiden, ob sie sich auf einen Vergleich mit dem Feinberg-Fonds einlassen sollen. Billy Johnson etwa, der 27 Jahre alte Neffe von Fischer Leon Bourgeois, hat anders als sein Onkel noch nicht zugegriffen: "Ich will erst einmal abwarten, wie die Garnelensaison läuft, und das lässt sich heute einfach überhaupt nicht sagen." Austernverarbeiter Tesvich ist sich fast sicher, dass er es auf eine Klage ankommen lässt. Er hat seinen Betrieb, der normalerweise einen Jahresumsatz von 8 bis 10 Millionen Dollar bringt, wegen der Ölpest für sechs Monate ganz geschlossen. Er hat 30 bis 40 Prozent seines Geschäfts verloren.

Seit der Katastrophe gibt es weniger Austern in der Region, und selbst die geschrumpfte Ernte ist schwer an den Mann zu bringen, weil Menschen in ganz Amerika Bedenken haben, Austern vom Golf zu essen. Tesvich hat ganze Restaurantketten als Kunden verloren, die Austern von der Speisekarte genommen haben. Die Expansionspläne, die er vor der Ölpest hatte - ein zweites Verarbeitungswerk mit weiteren 75 Arbeitsplätzen - hat er auf Eis gelegt. Feinberg müsste ihm schon um die 10 Millionen Dollar anbieten, damit er sich auf einen Vergleich einlässt, aber das kann sich Tesvich nicht vorstellen: "BP ist großzügig, solange es um überschaubare Beträge geht. Bei großen Fällen wie meinem sieht es anders aus." Tesvich hat gleich mehrere Anwälte angeheuert, die eine Klage gegen BP prüfen. Er hat keine Angst davor, es vor Gericht mit dem Ölgiganten aufzunehmen: "Ich traue meinen Anwälten zu, dass sie BP in den Hintern treten."

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