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: Zwischen Ölpest und Garnelenfang

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Zwölf Monate nach der Katastrophe bleiben die wirtschaftlichen Konsequenzen für Region schwer einzuschätzen. Der Fischfang ist wieder freigegeben, und seit Februar werden auch wieder Bohrlizenzen verteilt, Anlass zur Entwarnung besteht aber nicht: So erholen sich manche Bereiche der Fischerei wie die Austernzucht nur langsam und sind noch weit von ihrem Stand vor der Ölpest entfernt. Es ist heute auch kaum zu beantworten, welche längerfristigen Schäden das Öl und die zur Beseitigung des Öls eingesetzten Chemikalien in der Fischwelt hinterlassen. Die betroffene Küste in Louisiana ist ohnehin eine hochsensible Gegend und leidet seit Jahren unter einem rasanten Schwund von Feuchtgebieten, für den die Öl- und Gasindustrie mitverantwortlich gemacht wird.

Und doch hat die Ölpest hier zumindest bislang weniger Menschen als vielleicht zunächst erwartet in eine akute finanzielle Notlage gebracht. Dafür hat das Geld von BP gesorgt, das auf zwei Wegen kommt: Zum einen, indem das Unternehmen die Menschen für die Säuberungsaktionen bezahlt. Zum anderen über den Entschädigungsfonds von 20 Milliarden Dollar, den BP auf Druck der amerikanischen Regierung eingerichtet hat und der vom Anwalt Kenneth Feinberg verwaltet wird. Bislang sind aus dem BP-Fonds 3,8 Milliarden Dollar an mehr als 175 000 Antragsteller geflossen. "Wir können hier alle froh sein, dass der Unfall einem so reichen Unternehmen wie BP passiert ist", sagt Nick Bezmalinovich, ein Austerngroßhändler aus Belle Chasse.

Die finanzielle Entschädigung hat die Menschen nicht mit BP versöhnt

Das heißt aber längst nicht, dass BP die Menschen hier versöhnt hat. Sie werfen dem Unternehmen Willkür und übermäßige Bürokratie vor. John Tesvich, Inhaber des Austernverarbeitungsunternehmens Ameripure, schüttelt den Kopf darüber, welche Summen manche seiner 80 Mitarbeiter von Feinberg zugesprochen bekamen. "Beim einen waren es 18 000 Dollar, beim nächsten 2700 Dollar - auch wenn beide die Gleiche Arbeit bei mir machen und das gleiche verdienen." BP wird beschuldigt, den einen zu wenig gegeben zu haben und den anderen zu viel - was bei den Menschen in der Region auch für Unfrieden untereinander gesorgt hat. "Selbst Kellner und Barkeeper haben hier Tausende von Dollar eingestrichen, obwohl sie keinen Schaden hatten. Die Restaurants haben mit der Ölpest das Geschäft ihres Lebens gemacht, weil in der Zeit so viele Leute hierhergekommen sind", sagt Tesvich.

Auch mit der Auswahl der Kräfte für die Aufräumaktion hat sich BP Zorn zugezogen. Viele Fischer fühlten sich übergangen. Sie werfen BP auch vor, Jobs zu oft an Auswärtige gegeben zu haben. Tony Frickey von der Hafengesellschaft in Venice erzählt: "Ich habe viel Gier gesehen. Die Leute haben gemerkt, dass hier Geld zu holen ist. Wahrscheinlich sind um die 30 Prozent der BP-Jobs an Leute gegangen, die nicht von der Ölpest betroffen waren." Diejenigen, die einen der begehrten Posten ergattern, staunen oft selbst, wie lukrativ die Arbeit ist. So wie der 31 Jahre alte Mann, der im Hafen des Venice-Nachbarorts Buras eine kleine Flotte von Booten überwacht, die für BP im Golf unterwegs ist. Er will seinen Namen nicht nennen, aber er sagt, so viel Geld wie im Moment habe er noch nie verdient. Inklusive Überstunden komme er auf 3000 Dollar in der Woche. BP hat heute längst nicht mehr so viele externe Helfer im Einsatz wie noch im vergangenen Jahr, aber es dürften nach Schätzung von Frickey noch immer bis zu 500 sein.

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