https://www.faz.net/-gqe-9n75a

Pläne des Umweltministeriums : So viel sollen Kaffeebecher künftig kosten

  • -Aktualisiert am

Wiederverwendbare Kaffeebecher stehen auf einem Tisch. Bild: dpa

Umweltministerin Schulze will mit einem Preisaufschlag auf Kaffeebecher die Wegwerfkultur in den Städten bekämpfen. Ersetzen soll sie ein Mehrwegsystem mit Pfandbechern.

          Einwegbecher für Kaffee und andere „To-Go-Getränke“ werden in vielen Städten zunehmend zur Plage. Laut Umweltbundesamt werden jedes Jahr 2,8 Milliarden Becher und 1,3 Millionen Kunststoffdeckel gebraucht. Die türmen sich zu einem Müllberg von 400.000 Kubikmetern. Das entspricht etwa acht Millionen 50-Liter-Mülleimern. Eine andere Rechnung präsentierte die Deutsche Umwelthilfe: „5300 verbrauchte Einwegbecher pro Minute“. Sie forderte ein verbindliches Reduktionsziel „zum Stopp der Kaffeebecherflut“.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), will den Müll und den damit verbundenen Einsatz von Ressourcen nicht länger tolerieren. „Wir werden die Hersteller von Wegwerfbechern künftig stärker zur Kasse bitten“, kündigte sie an. Wie das gehen könnte, hat ihr das Umweltbundesamt (UBA) aufgeschrieben. Es rät dazu, zweigleisig vorzugehen: mit einer nationalen Vereinbarung mit den Wirtschafts- und Umweltverbänden und der Androhung schärferer Gesetze.

          „Jeder Einwegbecher, der genutzt wird, ist einer zu viel“, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Ziel einer freiwilligen Vereinbarung für mehr Mehrweg- statt Einwegbecher müsste die Halbierung des Müllaufkommens binnen zwei bis drei Jahren sein. Um das zu erreichen, gebe es mehrere Maßnahmen. Dazu gehört ein Preisaufschlag je Einwegbecher, der in einen Fonds zur Müllbeseitigung fließen soll. Heute müssten die Haushalte die Kosten für die Müllbeseitigung tragen. Ein Pfand auf Mehrwegbecher könne deren „Umlaufzahl“ erhöhen, Handel und Cafés sollten Mehrwegbecher als Regelangebot, Einwegbecher nur auf Nachfrage anbieten. Das müsse ergänzt werden durch Personalschulung und Werbekampagnen für das Umweltbewusstsein.

          „Nur Verteuern ist kein Konzept“

          Die Autoren machen Vorschläge für gesetzgeberische Schritte – und setzen damit Standards für die zuvor genannten „freiwilligen“ Verabredungen. So dürfe das aktuelle Niveau von 34 Bechern je Bürger im Jahr nicht überschritten werden, die Becher-Zahl müsse bis 2020 um ein Viertel fallen. Dafür solle ein Mehrwegsystem samt Rückführung und Reinigung entwickelt werden. Die Gutachter haben klare Vorstellungen über die Höhe der Aufschläge: 10 Cent je Plastikdeckel, 20 Cent je Einwegbecher. Becher, die öfter verwendet werden können, sollten mit einem Pfand von 25 Cent versehen werden. Ziel müsse eine Umlaufzahl von 25 Nutzungen seien; werde beim Spülen Ökostrom eingesetzt, falle die Umweltbilanz schon nach zehn Nutzungen positiv aus.

          Schulze warb für Mehrweglösungen. Sie pries das mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ geehrte und aus einer Schülerinitiative hervorgegangene Start-up „FairCup“. Dessen Mehrwegbecher könnten in den Leergutautomaten von Supermärkten zurückgegeben werden – Tests liefen in Göttingen und Hildesheim. Das zeige, dass „umweltfreundlicher Konsum auch bei Kaffee möglich ist, ohne das To-Go-Lebensgefühl aufzugeben“.

          Die Regierung werde rasch klären, wie Mehrwegangebote gestärkt werden könnten, sagte Schulze. Die am Dienstag verabschiedete neue EU-Richtlinien gegen Einwegverpackungen gebe den nationalen Regierungen dazu neuen Spielraum. Es sei nur folgerichtig, Einweggeschirr, -bestecke und andere Wegwerfprodukte aus Plastik rasch zu verbieten.

          Widerspruch kam indes vom Koalitionspartner. „Das muss man sich anschauen, nur Verteuern ist kein Konzept“, sagte der Vize-Fraktionsvorsitzende der Union, Georg Nüßlein (CSU) der F.A.Z. Mit CDU und CSU sei darüber bislang nicht gesprochen worden. „Das ist die übliche unkoordinierte Vorgehensweise“, kritisiert er Schulze. Wenn sie nur PR machen wolle, gehe das vielleicht. „Wenn sie was umsetzen möchte, empfehle ich, mit dem Koalitionspartner zu sprechen.“

          Weitere Themen

          650.000 Seiten Klageschrift

          Ein Lastwagen voller Papier : 650.000 Seiten Klageschrift

          Eine Lastwagenladung mit 650.000 Seiten Papier hat am Montag das Büro der Kanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart erreicht. Die Anwälte vertreten Daimler im Prozess um ein Lkw-Kartell.

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Zwei Appelle : Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

          Die Demonstrationen und Aufrufe zum Massenstreik in Hongkong gehen weiter. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt ihren Lauf. Zwei Autoren aus Hongkong formulieren ihre Forderungen an China und die EU.

          Ärger bei Frauenfußball-WM : „Ich schäme mich zutiefst“

          Der Videobeweis sorgt bei der Fußball-WM der Frauen für viel Aufregung. Beim Spiel von Kamerun gibt es einen Streik, weinende Spielerinnen und 17 Minuten Nachspielzeit. Englands Trainer findet deutliche Worte dafür.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.