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Zuwanderung : Wenn der Kandidat 100 Punkte hat

Offen für Zuwanderer aus Drittstaaten, nicht offen für Flüchtlinge: Über das neue Projekt soll ein zusätzlicher Weg für die Einwanderung von Fachkräften nach Deutschland getestet werden. Bild: dpa

Deutschland diskutiert über die Flüchtlinge – und testet bald in einem Bundesland ein Zuwanderungssystem, das explizit nicht für Flüchtlinge gedacht ist. Wie passt das zusammen?

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          Ausgerechnet jetzt: Zum ersten Mal versucht sich Deutschland im Rahmen eines Pilotprojektes im Bundesland Baden-Württemberg an einem Punktesystem für die gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften. Seit etwa anderthalb Wochen ist das bekannt, doch über der Flüchtlingsdebatte ging die Nachricht beinahe unter. Kein Wunder: Die Welt schaut nach Griechenland, wo Flüchtlinge festsitzen, die eigentlich nach Deutschland streben. Beim EU-Gipfeltreffen ging es um nichts als die Flüchtlingsfrage. Und in Deutschland reden Politiker sich die Köpfe heiß, ob angesichts der Flüchtlinge die schwarze Null noch zu wahren sei. Im selben Moment schaffen Arbeitsministerium und Bundesagentur für Arbeit (BA) ein Zuwanderungssystem, das explizit nicht für die Flüchtlinge ist. Nicht für sie gedacht und nicht für sie offen.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ab Herbst soll es im Rahmen eines Modellprojektes namens „Puma“ nun erstmals das geben, was Arbeitsmarktexperten seit langem fordern: Gesteuerte Zuwanderung von ausgebildeten Kräften, die ihre Eignung für den deutschen Arbeitsmarkt wie etwa Deutschkenntnisse und Integrationsfähigkeit über harte Kriterien (Punkte) nachweisen müssen. Es geht darum, die Probleme aufzufangen, die durch die Alterung der deutschen Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt herrschen und in Zukunft noch entstehen könnten. Es geht um ein rein wirtschaftliches Kalkül - und nicht um Flüchtlingsfragen. Kanada und Neuseeland haben schon gute Erfahrungen mit solchen Systemen gemacht. Die Details zu dem Modellprojekt in Baden-Württemberg, das schon in rund sechs Monaten anlaufen soll, sind indes gar nicht so klar wie es auf den ersten Blick schien. Auf viele Fragen der konkreten Ausgestaltung des Systems hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) noch gar keine Antworten.

          Ausbildung wird vorausgesetzt, bringt aber keine Punkte

          Klar ist bislang nur: Es können sich Bewerber aus Nicht-EU-Ländern für das Projekt melden, wenn sie eine Berufsausbildung (kein Hochschulstudium) absolviert haben. Ihr Abschluss muss in Deutschland anerkannt sein, mindestens zum Teil. Dann werden Punkte vergeben: Für Deutschkenntnisse, für Verwandte, die schon in Deutschland leben, für andere Fremdsprachenkenntnisse oder für eine sonstige Verbindung zu Deutschland; das kann zum Beispiel ein längerer Aufenthalt hierzulande in der Vergangenheit sein.

          Flüchtlinge : Schwieriger Berufseinstieg in Deutschland

          Wer 100 Punkte gesammelt hat, kommt in einen so genannten Bewerberpool, der die Kandidaten mit interessierten Arbeitgebern zusammenbringen soll. Erst wenn es ein konkretes Arbeitsplatzangebot gibt, das den Bedingungen für einen EU-Arbeitnehmer entspricht, kann der Zuwanderer eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

          +++ Hier hat die BA die heute schon geklärten Fragen und Antworten zusammengestellt +++

          Andere Kriterien als Sprachkenntnisse und Integrationsfähigkeit fließen nicht in die Punktevergabe ein. Das Alter der Bewerber etwa ist egal - anders, als das in anderen Ländern der Fall ist, die jüngeren Bewerbern mehr Punkte geben als älteren, weil sie dem Arbeitsmarkt potentiell länger zur Verfügung stehen. „Das Pilotprojekt soll bewusst nicht restriktiv sein“, sagt eine BA-Sprecherin, vielmehr solle es für möglichst viele Kandidaten offen sein. Schließlich könne sich in der anschließenden Evaluation zeigen, dass ältere Bewerber aufgrund größerer Berufserfahrung sogar besser einsetzbar sind als jüngere.

          Auch die Kriterien „Ausbildung“ und „konkretes Jobangebot“ bleiben anders als zum Beispiel in Kanada in der Punktevergabe außen vor. Statt dessen sind sie Voraussetzungen für den Erhalt einer Arbeitserlaubnis, die neben dem Punktesystem gelten. Das im Projekt getestete System ist somit kein reines Punktemodell, sondern streng genommen ein Hybrid aus Punktevergabe für manche Kriterien und Vorgaben von außen für andere Kriterien.

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