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Zustände in Brasilien : Die WM – ein weißes Ufo

Das Land versucht sich zu schmücken, aber Begeisterung sieht anders aus. Bild: dpa

Streikende Lehrer, Busfahrer, Feuerwehrleute und sogar Polizisten, dazu Obdachlose und Ureinwohner, die einfach nur ein menschenwürdiges Dasein fordern: das ist Brasilien vor Beginn der WM.

          Der frische Asphalt ist schon vernarbt. Die weiße Fahrbahnmarkierung ist geschmolzen. Hier haben vor ein paar Tagen Reifen gebrannt, dicker Qualm stieg in den Himmel. Es waren die Leute vom „Movimento dos Trabalhadores Sem Teto“ (MTST), der Bewegung obdachloser Arbeiter, die hier vor der „Arena Corinthians“ ihren Zorn zum Ausdruck brachten und die Straße blockierten. Das Stadion, in dem am 12. Juni das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und Kroatien ausgetragen wird, liegt wie ein riesiges weißes Ufo auf einer Anhöhe. Um den Stadion-Hügel herum gibt es ein paar fertige Straßen, aber noch mehr Brücken und Passerellen, die im Nichts enden. Und vor allem gibt es viel rotbraune Erde. An ein paar Stellen ist Rollrasen verlegt, aber der ist meist braun, weil er noch nicht anwachsen konnte. Wie alle anderen Stadien hätte auch die „Arena Corinthians“ dem Welt-Fußballverband Fifa schon Ende letzten Jahres übergeben werden sollen – für Testspiele und allerlei technische Generalproben. Und wie die meisten der neu gebauten Stadien in den zwölf Austragungsorten der 64 WM-Spiele ist auch die mächtige Arena in der Wirtschaftsmetropole São Paulo kurz vor Turnierbeginn noch immer eine Baustelle.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Von der „Arena Corinthians“ sind es nur ein paar Kilometer bis zum neuen Basislager der Obdachlosenbewegung MTST in der Ostzone von São Paulo. Auf einem leicht abschüssigen Brachfeld, das seit Jahr und Tag hätte bebaut werden sollen, haben Anfang Mai etwa 5000 Obdachlose ein Lager aus Brettern, Wellblech und Plastikplanen errichtet. Das Lager auf dem etwa 15 Hektar großen Areal an der Rua Malmequer de Campo haben sie „Copa do Povo“ (WM des Volkes) getauft – als eine Art Gegenveranstaltung zur „WM der Fifa“. Strom gibt es nicht, fließendes Wasser bloß an den Toiletten und Waschstellen, die über das Gelände verteilt sind. In der Gemeinschaftsküche bereitet ein Dutzend Frauen das Mittagessen zu, Mädchen gehen ihnen zur Hand. Die Männer und ein paar Buben machen Ausbesserungen an den Hütten, legen Bretter und Pappe auf die nach tagelangen Regenfällen verschlammten Wege zwischen den Behausungen.

          Die meisten Landbesetzer der „Copa do Povo“ sind aus den nahegelegenen Favelas, aber auch aus den Wohnquartieren der unteren Mittelschicht des Stadtviertels Itaquera. In dem Stadtteil mit gut 200000 Einwohnern sind die Mietpreise nach Erhebungen des Instituts für Wirtschaftsforschung (Fipe) in den vergangenen sechs Jahren um 165 Prozent gestiegen. Mit diesem Anstieg konnte die Einkommensentwicklung vieler Familien nicht mithalten. Die Mehrzahl der Leute in Itaquera wird zur sogenannten „Klasse C“ gerechnet, zur unteren Mittelschicht, die über ein Haushaltseinkommen von umgerechnet 750 bis 1500 Euro im Monat verfügt. Eine Mieterhöhung kann rasch das Dach über dem Kopf kosten. Wegen des Stadionbaus haben rund 4500 Familien in der Umgebung ihre Häuser verloren.

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