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Zustände in Brasilien : Die WM – ein weißes Ufo

Proteste richten sich vor allem gegen Kosten für die WM

Die Proteste richten sich weiterhin vor allem gegen die Kosten für die WM, die von den angekündigten 2,6 Milliarden Euro auf 8,6 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt sind. Vor allem die Hybris der Regierung Lula, die in zwölf Städten des Landes WM-Spiele austragen lassen wollte statt nur in acht, wie die Fifa vorgeschlagen hatte, hat zur Kostenexplosion beigetragen. Vier Austragungsorte, Cuiabá, Manaus, Natal und die Hauptstadt Brasília, haben nicht einmal einen Erstligaverein, der die riesigen Stadien nach der WM auch nur annähernd füllen könnte. Für einen großen Teil dieser Baukosten müssen nun doch durch Kreditgarantien und Finanzspritzen staatlicher Banken die brasilianischen Steuerzahler geradestehen, obwohl es zuvor geheißen hatte, die Sportstätten würden ausschließlich von privaten Investoren finanziert. Dafür wurden von den 56 Verkehrsprojekten, die bis zur WM abgeschlossen werden sollten, nur sieben fristgerecht fertiggestellt.

Die Unzufriedenheit der Brasilianer geht aber tiefer, denn das Land ist in den letzten vier Jahren weit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückgeblieben: Der lateinamerikanische „Tiger“ ist erlahmt. Das kräftige Wirtschaftswachstum von 2003 bis Ende 2010 war wesentlich dem gesteigerten Binnenkonsum der Unter- und Mittelschicht geschuldet, die in den Genuss umfangreicher Transferzahlungen der Regierung Lula gekommen war. Jetzt aber ist die Kreditkarte vieler Konsumenten überzogen, die Kauflust hat merklich nachgelassen. Seit dem Amtsantritt von Präsidentin Rousseff im Januar 2011 wächst die Wirtschaft nur noch um kaum 2 Prozent jährlich. Während der Lula-Jahre waren es durchschnittlich gut vier Prozent im Jahr. Zugleich zieht die Inflation an, auf derzeit mehr als 6 Prozent. Dadurch verliert gerade die „Klasse C“ an Kaufkraft und muss den Konsum wieder auf das Nötigste beschränken.

Hindernisse durch Bürokratie und Korruption sind hoch

Investitionen und Kredite fließen spärlicher, Insolvenzen häufen sich. Im Vergleich zu anderen Schwellenländern hat Brasiliens Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten nur geringfügig an Produktivität gewonnen. Dafür sind Steuern und Abgaben sowie die Hindernisse durch Bürokratie und Korruption so hoch wie kaum irgendwo sonst: Die Steuerlast für Bürger, Geschäftsleute und Unternehmer steigt immerzu, auf mittlerweile gut 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Doch die Leistungen eines aufgeblähten und ineffizienten Verwaltungsapparats sind auf fast allen Ebenen erbärmlich. In der jüngsten Rangliste zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit maßgeblicher Volkswirtschaften, die von der Lausanner Wirtschaftsuniversität IMD erstellt wird, ist Brasilien 2014 das vierte Jahr in Folge zurückgefallen: Rang 54 ist der schlechteste Platz aller BRICS-Staaten.

Die PT-Regierungen Lula und Dilma Rousseff mögen Historisches geleistet haben bei der Reduzierung von extremer Armut und sozialer Ungleichheit in Brasilien. Heute beziehen rund 50 Millionen Brasilianer, ein Viertel der Einwohner des Landes, Zahlungen aus dem 2003 von Lula geschaffenen Sozialprogramm „Bolsa Família“. Durchschnittlich erhält eine berechtigte Familie aus dem Programm monatlich umgerechnet knapp 50 Euro. Das hat für einige Jahre den Konsum vorangetrieben, nicht aber die überfällige Modernisierung der brasilianischen Wirtschaftsordnung. Die unzulänglichen öffentlichen Verkehrsmittel in Brasiliens Ballungsräumen ächzen unter dem immer größeren Andrang; annähernd 90 Prozent der Brasilianer leben inzwischen in Städten. Immer mehr Autos verstopfen die Metropolen, während fast der gesamte Güterverkehr über holprige Fernstraßen rumpelt, denn es gibt kaum Schienen- und Wasserwege. Die Investitionen Brasiliens in die Infrastruktur belaufen sich auf nur rund zwei Prozent seiner Wirtschaftskraft; im Durchschnitt der entwickelten Staaten sind es mehr als 5 Prozent. Was für die Infrastruktur gilt, trifft auch für das Bildungs- und das Gesundheitswesen, für die Bürokratie, das Steuerwesen und die Produktivität zu: Das Land braucht den großen Sprung in die Zukunft, hängt aber noch in der Vergangenheit fest.

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