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Zustände in Brasilien : Die WM – ein weißes Ufo

Dona Cidinéia ist 52 Jahre alt und hat derzeit keine feste Arbeit. Zuletzt hat sie mit rund zwanzig Leuten in einem Haus mit vier Zimmern gelebt, das ihre Eltern vor vielen Jahren gebaut haben. Sie gehört zu den Besetzern der ersten Stunde und hofft, dass dort, wo seit den frühen Morgenstunden des 3. Mai Zelte und Hütten stehen, später einmal Sozialwohnungen gebaut werden, von denen ihr dann eine zugeteilt wird. Und wo wird sie hingehen, wenn der Eigentümer des Brachlandes per Gerichtsbeschluss bald die Räumung des Zeltlagers durchsetzt? „Das weiß nur Gott“, sagt sie. Die „WM des Volkes“ ist nicht das einzige Lager, das die Obdachlosenbewegung MTST in São Paulo errichtet hat. In der Südzone der Stadt gibt es zwei weitere Lager, sie heißen „Gazastreifen“ und „Neu-Palästina“. Ziel ist es, die Stadtregierung dazu zu bewegen, das besetzte Land von den privaten Eigentümern – in Itaquera ein großes Bauunternehmen – zu kaufen, als Sonderzone für den sozialen Wohnungsbau auszuweisen und dort Wohnblocks für einkommensschwache Familien zu bauen. Manches spricht dafür, dass diese Strategie der MTST gerade beim jüngsten Zeltlager im armen Osten von São Paulo aufgehen wird. Bürgermeister Fernando Haddad hat schon durchblicken lassen, die Stadt könnte das Grundstück kaufen und dort für die Besetzer Wohnungen durch das staatliche Bauprogramm „Minha Casa Minha Vida“ (Mein Haus, mein Leben) errichten lassen. Allein in São Paulo, wo gut elf Millionen Menschen leben, fehlen mehr als 230000 Wohnungen. Bürgermeister Haddad gehört wie Präsidentin Dilma Rousseff der linken Arbeiterpartei (PT) an, und die Regierungspartei kann kurz vor einem internationalen Großereignis nicht wollen, dass Fernsehbilder von der gewaltsamen Räumung eines von den Ärmsten der Armen errichteten Zeltlagers in Sichtweite eines viel zu teuren WM-Stadions um die Welt gehen. Außerdem finden im Oktober Präsidenten- und Parlamentswahlen statt, und Leute wie Dona Cidinéia und die anderen Landbesetzer der „Copa do Povo“ waren bisher die Stammwähler der PT.

Überdruss in der Bevölkerung weiter gewachsen

Der anschwellende Unmut der kleinen Leute verschlechtert für die PT nicht nur die Aussichten für die Wahlen im Oktober. Er bedroht auch das wirtschafts- und gesellschaftspolitische Vermächtnis des früheren Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva, der von Januar 2003 bis Ende 2010 regierte. Der erste Schock für die PT kam beim Turnier der Fußball-Konföderationen im Sommer 2013, der Generalprobe für die WM. Damals gingen in Brasiliens Städten Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die hohen Kosten für die Stadien sowie auch gegen den beklagenswerten Zustand des staatlichen Gesundheits- und Bildungswesens und der Nahverkehrsmittel zu protestieren. Zwar ist die Protestwelle inzwischen abgeflaut, aber der Überdruss in der Bevölkerung über Kostenexplosion und blumige Versprechen im Zusammenhang mit der WM ist weiter gewachsen. In jüngsten Umfragen äußern nur noch 48 Prozent ihre Zustimmung zur WM.

In diesem Jahr sind an die Stelle der historischen Massendemos Aktionen von Interessengruppen getreten, die kumulativ aber den gleichen Effekt haben. Allein seit März hat es in den zehn größten Ballungszentren des Landes mehr als 300 Demonstrationen und gut 150 Streiks gegeben. In São Paulo genügte Mitte Mai der wilde Streik einer Fraktion der Busfahrergewerkschaft, um den Straßenverkehr faktisch lahmzulegen; es kam zu Staus im Stadtgebiet in einer Gesamtlänge von 344 Kilometern. Zu den anarchistischen Stoßtrupps des „Black Block“, die sich auch nach dem Abflauen der Protestwelle von 2013 ausdauernd an Schaufenstern und Geldautomaten ausgetobt haben, sind nun allerlei politische Trittbrettfahrer gekommen – streikende Lehrer, Busfahrer, Feuerwehrleute und sogar Polizisten, dazu Obdachlose und Ureinwohner, die einfach nur ein menschenwürdiges Dasein fordern. Sie alle machen sich die wachsende Spannung und die erhöhte internationale Aufmerksamkeit vor dem Beginn der WM zunutze.

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