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Zum Erfolg verdammt : Apple ohne Steve Jobs

Steve Jobs Bild: dpa

Kaum ein Unternehmen wird so stark mit einer einzelnen Person identifiziert wie Apple. Die Zwangspause von Steve Jobs trifft Apple in einer Zeit, in der alles wie am Schnürchen zu laufen scheint. Doch der Konzern gerät in Zugzwang.

          Jeder ist ersetzbar, heißt es. Wenn es um Steve Jobs, den Mitgründer und Vorstandsvorsitzenden des amerikanischen Elektronikkonzerns Apple geht, wird diese Weisheit oft in Frage gestellt. Kaum ein Unternehmen auf der Welt wird so stark mit einer einzelnen Person identifiziert wie Apple. Das verführt zu dem Schluss, dass die phänomenale Erfolgsgeschichte von Apple aus den vergangenen Jahren nicht fortzusetzen wäre, sollte Jobs eines Tages nicht mehr im Unternehmen sein. Diese Frage hat jetzt eine neue Dringlichkeit mit der Ankündigung von Jobs bekommen, eine krankheitsbedingte Auszeit zu nehmen - zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. Jobs sagt, er hoffe auf eine baldige Rückkehr, nennt aber anders als beim ersten Mal dafür keinen Zeithorizont. So sehr Steve Jobs eine schnelle Genesung zu wünschen ist: Angesichts der abermaligen Zwangspause kommen die Branche und die Finanzmärkte nicht umhin, sich mit dem Szenario zu beschäftigen, wie Apple ohne Jobs dastehen würde.

          Es gibt keinen Zweifel daran, dass Jobs die zentrale Figur beim Aufstieg von Apple zu einer herausragenden und richtungsweisenden Adresse in der Branche ist. Zwar gab es in der Geschichte von Apple ebenso wie in der Karriere von Steve Jobs Tiefschläge - Jobs wurde in den achtziger Jahren aus dem Unternehmen gedrängt, Apple machte in den neunziger Jahren eine Existenzkrise durch. Seit der Rückkehr von Jobs 1997 hat Apple allerdings eine Serie von Erfolgen gefeiert, die bis heute andauert.

          Hysterie erinnert an Popkonzert

          Unter der Führung von Steve Jobs hat sich Apple komplett neu erfunden und sich weit über das ursprüngliche Stammgeschäft mit Computern hinaus zu einem breit aufgestellten Konsumelektronikanbieter gemacht. Apple hat mit seinen Produkten nicht nur Verkaufsschlager gelandet, sondern ganze Märkte revolutioniert. Der Musikspieler iPod und der zugehörige Online-Dienst iTunes brachten den Durchbruch für die Vermarktung digitaler Musik. Das iPhone hat entscheidend dazu beigetragen, internetfähige Handys oder Smartphones in der breiten Masse zu etablieren. Zuletzt hat Apple mit dem iPad Tabletcomputer zum neuen Trendsegment gemacht.

          Dieser Erfolg hat viel mit dem untrüglich erscheinenden Gespür von Steve Jobs zu tun, Begehrlichkeiten bei Verbrauchern zu wecken. Jobs ist geradezu berüchtigt dafür, sich mit Besessenheit in die kleinsten Produktdetails einzumischen. Er ist ein begnadeter Verkäufer und schafft es wie wenige andere, bei den Präsentationen neuer Produkte eine Hysterie um sich zu schüren wie bei einem Popkonzert, die er im Vorfeld mit einer ans Absurde grenzenden Geheimhaltungspolitik noch anheizt. Und er ist ein beinharter Verhandler und hat es zum Beispiel immer wieder geschafft, dass Anbieter von Medieninhalten seiner Vision folgen und sich seinen Konditionen beugen.

          Die alles überstrahlende Rolle von Steve Jobs und sein Hang zum Mikromanagement sorgen freilich nun während seiner Abwesenheit für eine klaffende Lücke. Jobs lässt im Rampenlicht so wenig Platz neben sich und hat soviel Kontrolle an sich gerissen, dass es schwer ist, sich Apple ohne ihn vorzustellen. Es ist unbestritten, dass Apple neben Jobs über eine Vielzahl fähiger Manager verfügt. Tim Cook, der Jobs nun übergangsweise vertritt, gilt als Meister darin, die Fäden im operativen Geschäft zusammenzuhalten. Designchef Jonathan Ive gilt als entscheidender kreativer Kopf hinter der Apple-Ästhetik. Aber niemand im Unternehmen scheint die Qualitäten des Visionärs und Verkäufers so zu vereinen wie Jobs.

          Vormarsch der Android-Handys

          Die Zwangspause von Steve Jobs trifft Apple in einer Zeit, in der auf den ersten Blick alles wie am Schnürchen zu laufen scheint, sich aber immer größere Herausforderungen abzeichnen. Bestes Beispiel ist das Handygeschäft. Apple kann sich weiterhin über sprunghaft steigende Verkaufszahlen für sein iPhone freuen, aber noch rasanter wächst der Internetkonzern Google mit seinem Handy-Betriebssystem Android. In Amerika werden heute schon deutlich mehr Android-Handys als iPhones verkauft. Apple ist im Handygeschäft ohne Zweifel unter Zugzwang und hat zuletzt einige Schritte angekündigt, die als Defensivmanöver interpretiert werden könnten: So hat Apple die bisherige Exklusivvereinbarung mit dem Netzbetreiber AT&T gelöst und bietet iPhones in Kürze auch über den Wettbewerber Verizon an. Vor einigen Monaten hat Apple auch seine vormals strikten Vorgaben für Entwickler von Programmen (Apps) für das iPhone oder das iPad gelockert. Unterdessen wird sich Apple auch beim iPad in diesem Jahr mit einer Flut neuer Wettbewerber konfrontiert sehen. Viele davon werden ebenfalls mit der Google-Software Android arbeiten.

          Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass Apple auf kurze Sicht von seinem Erfolgskurs abkommt, auch in Abwesenheit von Steve Jobs. Das Unternehmen hat sich auch gut durch die letzte Auszeit von Jobs vor zwei Jahren manövriert. Auf längere Sicht schürt das abermalige Fehlen der Universalwaffe Jobs aber ohne Zweifel Unsicherheit und erhöht das Risiko - zumal die Fallhöhe des gemessen am Börsenwert teuersten Technologieunternehmens der Welt mittlerweile enorm ist.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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