https://www.faz.net/-gqe-12945

Zukunft der Zeitarbeit : Die Luft zum Atmen

Von wegen prekäre Beschäftigung: Die Zeitarbeit bietet vielen Menschen überhaupt erst eine Chance auf dem Arbeitsmarkt - und Unternehmen die benötigte Flexibilität. Deshalb hat die Branche gute Chancen, aus dieser Krise stärker denn je hervorzugehen.

          3 Min.

          Den Beschäftigten in der Zeitarbeit bläst der konjunkturelle Gegenwind eiskalt ins Gesicht. Während die Regierung durch den Einsatz vieler Milliarden Euro für die Kurzarbeit noch Entlassungen der Stammbelegschaften im großen Stil verhindert, ist die Zahl der Leiharbeiter seit vergangenem Sommer schon um rund 250.000 gesunken. Ein Trend, der sich in den kommenden Monaten fortsetzen wird. Das bedeutet vordergründig Wasser auf die Mühlen derer, denen die rasante Erfolgsgeschichte dieser Personalüberlasser in den vergangenen Jahren stets ein Dorn im Auge gewesen ist. Untergangsszenarien in Bezug auf die Zeitarbeit sind dennoch fehl am Platz. Denn so paradox dies zum jetzigen Zeitpunkt klingen mag: Gerade weil sie den Unternehmen die benötigte Flexibilität bietet, hat die Zeitarbeit gute Chancen, aus dieser Krise stärker denn je hervorzugehen.

          Die Zeitarbeit hat in den vergangenen fünf Jahren so viele neue Arbeitsplätze geschaffen in Deutschland wie keine andere Branche. Seit der gesetzlichen Liberalisierung vor rund fünf Jahren vervierfachte sich die Zahl der Beschäftigten bis zu ihrem vorläufigen Höhepunkt mit rund 800.000 im vergangenen Sommer. Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe. Aus Sicht der Unternehmen stellt die Zeitarbeit ein wichtiges Ventil in konjunkturell schwierigen Zeiten dar. Dies wird deutlich, wenn man die aktuelle Situation mit der nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts vergleicht. Damals verhinderten die hohen Hürden des Kündigungsschutzes eine rasche Anpassung der Personalkapazitäten an die sinkende Produktion. Die Kosten türmten sich auf und erhöhten wiederum den Druck auf das Personalbudget. Mehr als fünf Millionen Erwerbslose waren die Folge. Anders stellt sich die Situation heute dar. Schon zu Beginn des Jahres 2008, als der Aufschwung hierzulande noch in voller Blüte stand, begannen die großen Automobilhersteller angesichts wachsender Absatzschwierigkeiten damit, sich von Leiharbeitern zu trennen und den Kostendruck ein Stück weit zu reduzieren. Das „atmende Unternehmen“ wurde Wirklichkeit.

          Jeder zweite Zeitarbeiter war vorher arbeitslos

          Andererseits stellt die Branche für viele Arbeitnehmer die Chance auf den Zugang zum Arbeitsmarkt dar, der ihnen sonst womöglich verwehrt bleibt. Nach wie vor kommt rund jeder zweite Zeitarbeiter aus der Erwerbslosigkeit. Diese Menschen erhalten hier eine Plattform, auf der sie sich und ihre Fähigkeiten präsentieren können. Heftig umstritten zwischen Fürsprechern und Kritikern ist dabei der „Klebeeffekt“ – also die Frage, wie viele Leihkräfte vom Einsatzunternehmen später übernommen werden. Belastbare Daten liegen kaum vor, doch dürfte der Effekt zunehmen. Schließlich räumen Personalverantwortliche mittlerweile offen ein, ihre Rekrutierung über die Zeitarbeit vorzunehmen.

          Und auch wenn diese wohl von der Mehrheit der Beschäftigten angestrebte Übernahme ausbleibt – Zeitarbeitnehmer gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach und genießen dadurch den vollen Schutz des Arbeitsrechts, etwa im Kündigungsschutz. Das ist eine Tatsache, die in der Öffentlichkeit häufig bewusst falsch dargestellt wird, wenn Zeitarbeit als „prekäre Beschäftigung“ klassifiziert wird. Wegen der gesetzlichen Vorgaben ist die Branche zudem fast zu hundert Prozent tarifgebunden, das ist eine einmalige Konstellation in Deutschland. Gesetzliche Eingriffe in die Tarifautonomie in Form von Mindestlöhnen könnten sich dagegen gerade in diesem Einstiegsarbeitmarkt als hochgradig beschäftigungsgefährdend erweisen.

          Eine Episode in der Erwerbsbiographie

          Klar ist: Auch in Zukunft dürfte kaum ein Jugendlicher auf die Frage nach seinem späteren Traumberuf mit „Zeitarbeiter“ antworten. Das Geschäft mit dem Überlassen von Arbeitnehmern wird für die Meisten angesichts durchschnittlicher Beschäftigungszeiten von nur wenigen Monaten eine kurze – aber oft wichtige – Episode in ihrer Erwerbsbiographie bleiben, die ihnen vielleicht den Eintritt in den Arbeitsmarkt nach der Ausbildung oder die Rückkehr nach einer Erwerbslosigkeit ermöglicht hat. Für Unternehmen wiederum wird ein gewisser Anteil an flexiblen Zeitarbeitern mehr denn je die effektive Rückversicherung für schwere Zeiten sein.

          Ein Vergleich mit dem europäischen Ausland zeigt, dass der Zeitarbeitsmarkt in Deutschland mittelfristig gute Wachstumsaussichten besitzt. Liegt der Anteil der Leiharbeiter an allen Beschäftigten hierzulande bei rund zwei Prozent, sind es in ausgereiften Märkten wie den Niederlanden und Großbritannien zwischen drei und fünf Prozent. Mag auch etwa die schwer gebeutelte deutsche Autoindustrie aktuell eine „zeitarbeiterfreie Zone“ darstellen: Wenn das Wachstum wieder anzieht, die Nachfrage nach neuen Modellen mit innovativen Antrieben steigt, werden Hersteller wie Zulieferer ihren zunehmenden Personalbedarf in hohem Maß wieder durch Leiharbeit decken. In fast allen Branchen ist nach den Erfahrungen dieser Krise eine Ausdehnung dieses Instruments zu erwarten. Die Zahl von einer Million Zeitarbeitern in Deutschland könnte also früher erreicht werden, als man heute denken mag.

          Gerade weil sie den
          Unternehmen Flexibilität bietet, hat die Zeitarbeit gute Chancen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          AKKs Schutzzonen-Vorstoß : Befreiungsschlag oder Sargnagel

          Kramp-Karrenbauers Vorstoß zur Errichtung einer Schutzzone in Syrien entspricht der Forderung, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen. Doch schon der Außenminister zieht das Verspotten vor.

          Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

          Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.