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Zugang zu Kapitalmärkten : Argentinien meldet sich zurück

  • -Aktualisiert am

Mauricio Macris Popularität ist trotz einiger Rückschläge weiterhin hoch. Bild: dpa

In nur vier Monaten hat Argentiniens Präsident Mauricio Macri den Zugang zu den Kapitalmärkten geöffnet. Auf dem Weg zur Stabilisierung wird das Land jedoch noch große Anstrengungen unternehmen müssen.

          3 Min.

          Mit einem Paukenschlag hat sich Argentinien in diesen Tagen am internationalen Kapitalmarkt zurückgemeldet. Zum ersten Mal seit dem Staatsbankrott von 2001 konnte Argentinien im Ausland neue Anleihen plazieren – und das in großem Stil. Mit einer Rekordemission von 16,5 Milliarden Dollar finanziert Argentinien den Ausgleich seiner letzten Rückstände aus der Staatspleite. Auch argentinischen Unternehmen wird damit der Zugang zum Auslandskapital wiedereröffnet.

          In nur vier Monaten löste der neue Staatspräsident Mauricio Macri ein Problem, das die Vorgängerregierungen eineinhalb Jahrzehnte vor sich her geschoben hatten. Statt Verneinung der Schulden setzte Macri auf einen Vergleich mit den Gläubigern. Dass einige Hedgefonds, die sich in der Schuldenkrise zu Ramschpreisen mit argentinischen Papieren eingedeckt hatten, am Ende unverschämte Renditen erzielten, ist vor allem der konfliktträchtigen Schuldenstrategie der vorherigen Regierungen zuzuschreiben.

          Die sehr hohen Zinssätze von durchschnittlich 7 Prozent, die Argentinien bei der Ausgabe der neuen Anleihen hinnehmen musste, entsprechen nicht nur dem miesen Ruf des Landes als ein Schuldner, der seine Gläubiger in der Vergangenheit immer wieder schlecht behandelt hat. Sie deuten auch auf die großen Anstrengungen hin, die das Land auf dem Weg zu einer dauerhaften Stabilisierung noch unternehmen muss.

          Das Staatsdefizit liegt bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Inflationsrate steuert abermals auf 40 Prozent zu. Die neuen Schulden sollen es der Regierung ermöglichen, die inflationstreibende Finanzierung des Defizits durch die Notenpresse zu reduzieren. Nach der langen Abstinenz von ausländischen Krediten ist Argentiniens Auslandsverschuldung derzeit gering. Doch die Gefahr, dass das Pendel zurückschlägt zu einer übermäßigen Kreditaufnahme im Ausland wie in den neunziger Jahren, ist latent.

          Lediglich eine Normalisierung

          Macri sagte nach dem erfolgreichen Schuldendeal, jetzt fange seine Regierungszeit erst richtig an. Das klingt fast bescheiden, wenn man betrachtet, was die neue Regierung in gerade einmal vier Monaten alles bewerkstelligt hat. Doch in der Tat hat Macri bisher lediglich eine Normalisierung der Spielregeln nach der abstrusen Wirtschaftspolitik seiner Amtsvorgängerin Cristina Fernández de Kirchner erreicht.

          Gleich nach dem Amtsantritt hob Macri die Beschränkungen des Devisenhandels auf. Der Pesokurs wurde für eine überfällige Abwertung freigegeben. Die Abschaffung der Exportsteuern bringt vor allem der hochproduktiven Landwirtschaft neuen Auftrieb. Macri schreckte auch nicht davor zurück, die zuvor auf absurd niedrigem Niveau eingefrorenen Preise für Strom, Gas, Wasser und öffentlichen Nahverkehr im Großraum Buenos Aires drastisch anzuheben.

          Den aus dem Abbau der Subventionen resultierenden Inflationsschub nahm Macri in Kauf. Eine Erhöhung der Sozialhilfe soll die Folgen für die Ärmsten abfedern. Doch die Mittelklasse leidet und senkt ihren Konsum. Macris restriktive Geldpolitik soll die Inflation nun eindämmen. Doch die drastische Erhöhung der Zinsen verschärft zunächst einmal die Rezession. Erst vom nächsten Jahr an dürfte die Wirtschaft zum Wachstum zurückfinden.

          Macris Reformen tun weh

          Es bleibt abzuwarten, ob Macris politisches Kapital, das er für die Verwirklichung weiterer Reformen benötigt, bis dahin hält. Obwohl seine eigene Partei Pro im Parlament nur eine kleine Fraktion stellt, hat der in Konsensbildung geübte Macri für das Schuldenabkommen eine satte Zweidrittelmehrheit gezimmert. Macris Popularität ist trotz einiger Rückschläge weiterhin hoch.

          Der erste öffentliche Auftritt der Expräsidentin Kirchner mit einer giftigen Rede gegen Macris Politik hat den Argentiniern gerade in Erinnerung gerufen, welch bedrückender Atmosphäre eines die Gesellschaft spaltenden Freund-Feind-Denkens sie erst kürzlich entronnen sind. Doch Macris Reformen tun weh, und die Regierung tut sich erstaunlich schwer, dem Volk deren Notwendigkeit zu vermitteln.

          Auf dem internationalen Parkett hat Macri sein Land wieder salonfähig gemacht. Daran ändert auch Macris Erwähnung in den Panama-Papieren nichts, sofern kein zusätzliches Belastungsmaterial auftaucht. Ausländische Staats- und Konzernchefs geben sich in Argentinien die Klinke in die Hand. Alle loben Macris mutige Reformen.

          Eindringlicher Aufruf an Industriekapitäne

          Die Regierung erwartet eine Flut ausländischer Investitionen. Das Interesse der Konzerne an Argentiniens unausgeschöpften Potentialen, ob in der Energie, der Landwirtschaft oder der Logistik, ist groß. Argentiniens Renaissance ist ein Lichtblick in dem trüben Umfeld in Lateinamerika.

          Doch werden die Konzerne wirklich in großem Stil investieren, solange sich die argentinischen Unternehmer selbst noch zurückhalten? Eindringlich ruft Macri argentinische Industriekapitäne auf, nicht nur an die nächste Bilanz, sondern an die nächsten zwanzig Jahre zu denken. In Argentinien, wo das ebenso extreme wie schlagartige Auf und Ab der Wirtschaft die Unternehmen seit Jahrzehnten auf Kurzfristdenken trainiert hat, ist das ein fast schon „revolutionäres“ Ansinnen.

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