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Zirkussterben : Ohne Netz und doppelten Boden

Eingestürzt: Nicht nur das Orkantief Emma Anfang 2008 zwang den Zirkus Barelli zu hohen Ausgaben Bild: Henning Bode

Mehr als dreihundert Zirkusse gibt es in Deutschland. Sie ringen ums Überleben. Steigende Kosten, Tierschützer und EU-Richtlinien sind schuld. Viele Traditionsbetriebe haben schon aufgegeben.

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          In besseren Tagen muss das Plakat einmal pink gewesen sein. „Die beste Circus-Show der Welt“ steht darauf und „Circus Barelli – der zweitgrößte Deutschlands!“. Der Regen hat weiße Flecken hineingewaschen, die Bilder von Seiltänzern, Nilpferd und Giraffe sind verblichen. Auch das Versprechen „Viele Tiere aus Afrika und weltbeste Artisten!“ hat die Weilburger an diesem Sonntagnachmittag nicht zum Festplatz an der Lahn gelockt. Vor dem Kassenwagen steht in der Maisonne nur eine Handvoll Gäste an.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Seniorchef Harry Barelli ist um die Nase genauso blass wie seine Plakate. Er hat vier Nierensteine und sollte eigentlich im Krankenhaus liegen, sitzt aber lieber vor seinem Wohnwagen, aus dem es nach Gebratenem duftet. „Man muss ja kämpfen, damit es noch ein bisschen weitergeht“, sagt er. Um seine Ausgaben zu decken, brauchte der Zirkus 2000 Zuschauer am Tag. An diesem Tag sind es nach drei Vorstellungen höchstens 200.

          „Neue Welle des Zirkussterbens“

          Seit fast zehn Jahren, seit der Einführung des Euro, ringe sein Zirkus, ein Familienunternehmen in der siebten Generation, ums Überleben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gebe ihnen nun den Rest. „Die Leute nehmen nur noch die billigsten Plätze, wenn sie überhaupt kommen“, sagt er. „Zuckerwatte kauft auch keiner mehr.“ Die günstigsten Tickets kosten im Circus Barelli für Kinder 15, für Erwachsene 20 Euro. Dafür gibt es zwei Stunden Programm, in dem weder viele Tiere aus Afrika noch weltbeste Artisten vorkommen. In der Pause werden noch einmal fünf Euro fällig für die große Tierschau, die daraus besteht, dass man die dösenden Pferde, Kamele und Lamas in ihren Gehegen besichtigen kann. Die Kinder im Publikum stört das alles nicht. So wie ihre Augen leuchten, hat der Satz von der besten Circus-Show der Welt auf dem Plakat doch seine Berechtigung.

          Zirkussterben: Mindestens 2000 Besucher täglich braucht Barelli - doch es sind lediglich 200
          Zirkussterben: Mindestens 2000 Besucher täglich braucht Barelli - doch es sind lediglich 200 :

          Wenn es so weitergeht, sagt Barelli, werden sie das Jahr nicht überleben. Jeden Tag fallen Kosten von 9000 Euro an. Die Tiere wollen fressen, die russischen Artisten verlangen nach Gage, die Miete für den Festplatz kostet 2000 Euro am Wochenende. Barelli spricht von einer „neuen Welle des Zirkussterbens“ in Deutschland. Allen Zirkussen gehe es schlecht. „Wer behauptet, sein Geschäft läuft gut, der lügt“, sagt er. „Die Zeit des Zirkus ist vorbei.“

          Familien oft untereinander zerstritten

          Schon einmal, in den sechziger Jahren, wurde das Ende des Zirkus ausgerufen, da war das Fernsehen gerade zum Massenmedium geworden. Einige gingen ein, neue wurden gegründet: Drei- bis vierhundert Betriebe existieren bis heute in Deutschland. Eine genaue Zahl kennt niemand. Die Familien sind untereinander oft zerstritten, an einen gemeinsamen Dachverband ist nicht zu denken.

          Auf europäischer Ebene haben Direktoren der großen Zirkusse sich inzwischen in der „European Circus Association“ zusammengeschlossen. Der Sprecher des Verbands, Dirk Kuik, der zugleich Redakteur der „Deutschen Circuszeitung“ ist, teilt die Branche in Deutschland in drei Gruppen ein. Die meisten, etwa zwei- bis dreihundert, seien kleine Wanderzirkusse, die oft nur von einer Familie betrieben würden. Sie kämen ganz gut über die Runden, sagt Kuik, weil sie kaum Ausgaben hätten. Manche von ihnen berichteten sogar von einem außergewöhnlich guten Frühjahrsgeschäft, weil viele Familien den Osterurlaub strichen, sich aber offenbar einen Zirkusbesuch leisteten.

          Die Top Drei

          Darüber hinaus gebe es etwa 100 mittelgroße Unternehmen, Kuik nennt sie „die Gruppe der zweitgrößten Zirkusse Deutschlands“, zu ihnen gehört auch Barelli. Sie haben wirtschaftlich am meisten zu kämpfen. Die Zuschauer werden weniger, die Ausgaben mehr. „Viele Probleme der Zirkusse sind aber auch hausgemacht“, sagt Kuik. „Man darf sich einfach nicht größer darstellen, als man ist.“

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