https://www.faz.net/-gqe-78uk3

Zinssenkung : Die Grenzen der Geldpolitik

Der geldpolitische Handlungsspielraum ist weitgehend erschöpft. Das weiß auch die EZB. Bild: Hannes Jung / F.A.Z.

Wie mächtig sind Zentralbanken? Hilft eine expansive Geldpolitik mit der Gießkanne? Und was bringt die aktuelle Leitzinssenkung der EZB? Wenig! Sie wird weder Nutzen noch Schaden anrichten.

          1 Min.

          Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), ihren Leitzins von 0,75 auf 0,5 Prozent zu senken, wird weder großen Nutzen stiften noch großen Schaden anrichten. In einem Währungsraum mit einer mancherorts hohen Arbeitslosenquote, einer Inflationsrate von 1,2 Prozent und wenig erfreulichen Konjunkturprognosen ist es für eine Zentralbank naheliegend, ihre Geldpolitik noch ein wenig zu lockern. Der Zentralbankrat der EZB weiß aber selbst, dass der noch vorhandene geldpolitische Handlungsspielraum weitgehend erschöpft ist.

          Nicht nur in Europa meint eine wachsende Zahl von Ökonomen, eine schwache Konjunktur sei ein untrügliches Zeichen für eine nicht ausreichend aktive Geldpolitik. Mit einer Senkung des Leitzinses auf Null, der Ankündigung von Inflationszielen deutlich über 2 Prozent und aggressiven Käufen von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren soll die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so weit belebt werden, dass die Konjunktur wieder in Gang kommt. Nach Auffassung dieser Schule kann an der Fähigkeit einer Zentralbank, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, keinerlei Zweifel bestehen. Die Zentralbank muss nur wollen.

          Wunschvorstellungen und Trugschlüsse

          Die Vorstellung von der Allmacht der Zentralbank beruht jedoch auf Trugschlüssen. Leitzinsen nahe Null und umfangreiche Käufe von Anleihen in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und in Japan haben bisher wenig zur Belebung der Wirtschaft beigetragen. Die expansive Geldpolitik kommt nicht in der Wirtschaft an, weil Banken und Finanzmärkte in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind und viele Unternehmer und Konsumenten wenig optimistisch in die Zukunft schauen.

          In einer solchen Situation hilft keine Geldpolitik mit der Gießkanne. Vielmehr müssen energische Schritte unternommen werden, um Banken und besonders die Kreditmärkte leistungsfähiger zu gestalten, damit sich produktive Unternehmen leichter finanzieren können. Die Bilanzen vieler im Prinzip zukunftsfähiger Banken in Südeuropa, aber auch anderswo, brauchen eine Stärkung durch zusätzliches Eigenkapital.

          Es muss darüber hinaus aber auch möglich sein, Banken ohne nachvollziehbares Geschäftsmodell abzuwickeln. Hier sind Regierungen gefordert, nicht aber die EZB. Ein Staat, der die Unternehmenstätigkeit fördern will, verfügt auch in einer Rezession über Spielraum. Er kann nicht nur den Ordnungsrahmen verbessern. Er kann auch einfach einmal seine offenen Rechnungen gegenüber Unternehmen bezahlen.

          Weitere Themen

          Die Börsen-Revolution von unten

          Daytrading und Social Media : Die Börsen-Revolution von unten

          Viele Privatanleger haben die Märkte infolge der Pandemie neu entdeckt. Immer wieder wird von der Demokratisierung der Märkte gesprochen. Doch welchen Einfluss haben die neuen Investoren wirklich und mit welchen Folgen?

          Topmeldungen

          Robinhood-Mitgründer Vlad Tenev (links) und Baiju Bhatt vor dem Hauptquartier der Tradingapp in Palo Alto

          Daytrading und Social Media : Die Börsen-Revolution von unten

          Viele Privatanleger haben die Märkte infolge der Pandemie neu entdeckt. Immer wieder wird von der Demokratisierung der Märkte gesprochen. Doch welchen Einfluss haben die neuen Investoren wirklich und mit welchen Folgen?
          Im Jahr 1937 hält Joseph Goebbels eine Rede über die „Sittlichkeitsprozesse“ in der Berliner Deutschlandhalle.

          Katholische Kirche : Joseph Goebbels und die Missbrauchsdebatte

          Die Nationalsozialisten haben sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester gezielt für ihre antikatholische Propaganda ausgeschlachtet. Hat das die systematische Vertuschung solcher Fälle nach dem Krieg begünstigt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.