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Zinssatz in Großbritannien : Libor-Betrug hätte gestoppt werden können

  • -Aktualisiert am

Die Briten wollten nicht hören; dabei hätte der Libor-Skandal womöglich verhindert werden können. Bild: REUTERS

Jahrelang wurde der wichtige Zinssatz Libor manipuliert. Nun stellt sich heraus: Es lagen Reformvorschläge vor, die eine Manipulation erschwert hätten. Die New Yorker Fed warnte, aber die Briten wollten nicht hören.

          Die New Yorker Fed warnte, doch die Briten wollten nicht hören. Schon Ende Mai 2008 hatten die Amerikaner Vorschläge für eine Reform der Festsetzung des Londoner Interbankenzinses (Libor) unterbreitet, um Falschmeldungen von Banken auszuschalten. Die Vorschläge stießen beim britischen Bankenverband aber weitgehend auf taube Ohren. Nur in einem kleineren Punkt folgte der British Bankers’ Association (BBA) in einer Libor-Reform im November 2008 den Ideen des damaligen New Yorker Fed-Präsidenten und heutigen amerikanischen Finanzministers Timothy Geithner.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Vorgang verschärft die Zweifel, dass die britische Notenbank den Hinweisen auf Manipulationen des Libor genügend Gewicht zugemessen hat. Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, hatte Geithners Ideen zwar als „vernünftig“ bezeichnet und die Vorschläge an die BBA weitergeleitet. Der Verband griff die Vorschläge dann im Juni 2008 in einem Diskussionspapier zu einer Libor-Reform auf, kommentierte sie jedoch negativ. Letztlich blieben sie fast alle unberücksichtigt. Die BBA stärkte bei einer kleinen Reform Ende 2008 lediglich die verbandsinterne Aufsicht über das Verfahren der Libor-Festsetzung, ohne dieses selbst zu ändern. King hat gerade eine abermalige Reform des Libor gefordert.

          Strafrechtliche Anklagen gegen Banken in Vorbereitung

          In den Vereinigten Staaten arbeitet das Justizministerium derweil an strafrechtlichen Anklagen gegen Banken und Bankmitarbeiter, die an den Libor-Manipulationen beteiligt waren. Das Ministerium wolle noch in diesem Jahr eine Klage gegen eine Bank anstrengen, berichtet die Zeitung „New York Times“ unter Verweis auf Mitarbeiter des Ministeriums.

          Mit der Veröffentlichung von Hintergrundmaterial durch die Bank von England und die Fed von New York hat in Amerika auch die Debatte über die Rolle der Aufseher neuen Zündstoff erhalten. Unklar ist, ob die New York Fed nach den Reformvorschlägen Geithners weitere Schritte unternahm, um der Libor-Manipulation ein Ende zu setzen. „Sie muss erklären, warum sie nicht gründlicher in das Fehlverhalten der Libor-Banken geblickt hat“, sagte Sheila Bair, die frühere Vorsitzende der Einlagensicherung FDIC. Bair lobte die Fed aber dafür, dass sie eine Libor-Reform vorgeschlagen habe. Randy Neugebauer, Mitglied im Ausschuss für Finanzdienstleistungen des Abgeordnetenhauses, erklärte, man prüfe weiter, ob die Aufseher die Manipulationen hätten verhindern können.

          Kenntnisse über Manipulationen des Libor veröffentlicht

          Die Fed von New York, die die Großbanken an der Wall Street mit beaufsichtigt, hatte am Freitag auf Verlangen Neugebauers ihre Kenntnisse über mögliche Manipulationen des Libor veröffentlicht. Danach hatte sie schon seit August 2007 sporadische Hinweise erhalten, dass Banken der BBA zu niedrige Zinssätze für ihre Liquiditätsaufnahme am Interbankenmarkt meldeten. Am 11. April 2008 erhielt die New York Fed dann im Fall Barclays Gewissheit. „Wir wissen, dass wir keinen - hmmm - ehrlichen Libor angeben“, sagte ein Barclays-Mitarbeiter einem Fed-Mitarbeiter. Er begründete das damit, dass Barclays gegenüber anderen Banken nicht schlecht dastehen wollte. Schon Ende 2007 war am Markt Kritik laut geworden, dass Banken aus Angst vor dem Argwohn der Konkurrenz mit ihren Libor-Meldungen niedrigere Refinanzierungskosten vorgaukelten als es ihre Liquiditätsnot eigentlich zugelassen hätte. Das untergrub die Aussagekraft des weltweit beachteten Interbankenzinses, an dem nach Schätzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 2009 Wertpapierkontrakte im Wert von rund 450 Billionen Dollar hingen.

          Um Manipulationen des Libor zu vermeiden, schlug Geithner im Mai 2008 den Briten als wichtigste Änderung eine Auswahl der Libor-Banken nach dem Zufallsprinzip vor. Händler hätten dann nicht mehr abschätzen können, ob ihre Zins-Meldungen bei der Libor-Kalkulation berücksichtigt worden wären. Von den damals 16 meldenden Banken sollten zum Beispiel nur die Zinsangaben von 8 per Zufall ausgewählten Instituten berücksichtigt werden. Die BBA lehnte dies ab. Zu den weiteren Vorschlägen Geithners, die im Vereinigten Königreich verpufften, gehörten ein Verzicht auf kaum genutzte Libor-Sätze bestimmter Laufzeiten und eine bessere Definition der Transaktionsgrößen hinter den Zinsmeldungen. Der britische Bankenverband sollte nach Ansicht der Fed von New York zudem klarer die finanziellen Interessen der Banken am Libor verdeutlichen.

          Geithner wollte auch den Einfluss der Amerikaner stärken. Die Gruppe der 16 Banken sollte um weitere amerikanische Institute erweitert werden. Der Bankenverband pochte aber darauf, dass nur Banken berücksichtigt werden könnten, die am Londoner Geldmarkt hohe Umsätze tätigten. Mittlerweile wurde die Zahl der Banken zwar auf 18 Institute erhöht, allerdings sind ein französisches und ein japanisches Institut hinzugekommen. Geithner schlug ferner vor, dass nach der Berechnung des Londoner Libor um 11 Uhr morgens ein zweites Fixing später am Tag folgen sollte, um den amerikanischen Markt einzubeziehen. Die britische Bankenvereinigung lehnte dies mit dem Verweis ab, ein zweites Fixing werde zu Verwirrung am Markt führen.

          Die Briten akzeptierten allein den Vorschlag, Richtlinien über das Libor-Meldeverfahren zu veröffentlichen und die Aufsicht über das Verfahren zu stärken. Seit November 2008 wird das Libor-Verfahren zweimal und nicht mehr nur einmal im Jahr überprüft. In das Libor-Komitee wurden auch Institute aufgenommen, die selbst keine Libor-Angaben abgeben, den Libor aber nutzen.

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