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Kritik an Zinspolitik : Cryan bangt um die Wettbewerbsfähigkeit

Fordert ein Umdenken in der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank: John Cryan. Bild: EPA

Der Vorstandschef der Deutschen Bank fordert einen Kurswechsel der EZB. Die negativen Zinsen gefährden Europas Banken. Nicht nur Cryan zeigt sich besorgt.

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          Die Vertreter der deutschen Banken fordern die Europäische Zentralbank (EZB) zu einem Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik auf. Einen Tag vor der EZB-Ratssitzung an diesem Donnerstag warnte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt vor den erheblichen Wettbewerbsverzerrungen aufgrund der sehr niedrigen, zum Teil negativen Zinsen. Auf der selben Veranstaltung sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Mittwoch, dass die außergewöhnliche Geldpolitik der EZB nicht mehr angemessen sei.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Cryan verwies auf die höheren Zinsen in den Vereinigten Staaten, die ein Wettbewerbsvorteil für die amerikanischen Banken seien. Die Zinspolitik habe dazu beigetragen, dass die Erträge der europäischen Banken im Vergleich mit der Zeit vor der Finanzkrise um 23 Prozent gesunken seien. „Und dieser Prozess ist immer noch nicht zu Ende, da ja Tag für Tag weitere höher verzinsliche Kredite auslaufen“, sagte Cryan. Die Ertragseinbußen ließen sich nicht allein durch Kostendisziplin auffangen. Der Deutsche-Bank-Chef rief die EZB dazu auf, sich von den negativen Zinsen zu verabschieden. „Geschieht das nicht, wird die exportstarke europäische Wirtschaft wohl ohne ein eigenes global wettbewerbsfähiges Bankensystem dastehen“, befürchtet Cryan.

          Er hält die extrem expansive Geldpolitik, zu der auch die monatlichen Anleihekäufe von 60 Milliarden Euro gehören, wegen der Verwerfungen an den Finanzmärkten für gefährlich. Nicht nur die Risikoprämien für Staatsanleihen befänden sich auf historischen Tiefs, ähnlich sei es bei Hochzinsanleihen. Diese werden von Unternehmen mit geringer Kreditwürdigkeit begeben. „Wir sehen inzwischen Anzeichen von Blasen an immer mehr Stellen des Kapitalmarkts, an denen wir sie nicht erwartet hätten“, sagte Cryan auf der vom „Handelsblatt“ veranstalteten Konferenz.

          Schäuble: „Sind Normalisierung sehr viel näher gekommen„

          Auch der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Zielke, bangt um die Wettbewerbsfähigkeit. Mit Blick auf die Verhandlungen um neue internationale Eigenkapitalregeln (Basel IV) forderte er die Aufseher auf, dafür zu sorgen, dass europäischen Banken nicht weiter ins Hintertreffen geraten. Die bisherigen Vorschläge benachteiligen europäische Banken gegenüber amerikanischen Wettbewerbern. Denn in Europa finanziert sich die Wirtschaft deutlich stärker über Kredite, während amerikanische Unternehmen vor allem an den Kapitalmarkt gehen.

          Finanzminister Schäuble, der aus Berlin zugeschaltet war, sagte, dass sich jeder eine Normalisierung der Geldpolitik wünsche. Die außergewöhnliche Geldpolitik der EZB habe zur Überwindung der Krise beigetragen. Doch dank der guten wirtschaftlichen Entwicklung sei Europa einer Normalisierung der Geldpolitik „sehr viel näher gekommen“. Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Georg Fahrenschon, wünscht sich, dass die EZB in kleinen Schritten anfange, die Zinsen zu normalisieren. Auf die Frage, ob die Sparkassen Privatkunden von negativen Zinsen verschonen könne, sagte Fahrenschon: „Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber den Privatkunden bewusst.“ Doch gleichzeitig wies er darauf hin, dass nicht der DSGV für die Preise zuständig sei, sondern die wirtschaftlich unabhängigen Vorstände der 390 Sparkassen. Müssten negative Zinsen an die Privatkunden weitergegeben werden, hätte dies einen massiven Vertrauensverlust der Bürger in die Währungsunion zur Folge, gab der Sparkassenpräsident zu bedenken.

          „Uns ist allen klar, dass die EZB langsam überzieht“, sagte Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken. Jedoch betrachtet er die Geldpolitik inzwischen als „hochpolitisiert“, weshalb ein Ende der Käufe von Staatsanleihen und ein langsamer Zinsanstieg die politische Ebene betreffe.

          Ist Frankfurt der Gewinner des Brexits?

          Die oberste Bankenaufseherin der EZB, Danièle Nouy, sprach sich für eine einheitliche europäische Einlagensicherung aus. Dies forderte sie auch vor dem Hintergrund eines Brexit-Umzugs von Banken aus London in kleinere europäische Länder. Deren Einlagensicherungssysteme könnten überfordert sein, wenn dort große Banken mit Kapitalmarktgeschäft in eine Schieflage gerieten. „Das ist ein schlechtes Argument der obersten Bankenaufseherin Europas“, kritisierte Fahrenschon die Französin. Seiner Ansicht nach darf man nicht die Einlagensicherung in Europa vereinheitlichen, um kleinen Ländern so die Ansiedlung von für sie viel zu großen Banken zu ermöglichen. Schäuble bekräftigte, dass eine in Europa einheitliche Einlagensicherung erst denkbar sei, wenn zuvor die Risiken reduziert würden. Dazu zählen vor allem die hohen Lasten an ausfallgefährdeten Krediten in den Bilanzen südeuropäischer Banken. Schäuble kritisierte die Europäische Kommission, weil sie in der Vergemeinschaftung von Risiken wesentlich kreativer sei, als wenn es um die Reduzierung der Risiken gehe.

          Er und Deutsche-Bank-Chef Cryan sehen Frankfurt als großen Gewinner eines EU-Austritts Großbritanniens. Für Banken gebe es keinen besseren Platz in Kontinentaleuropa, sagte Schäuble. Cryan, dessen Haus in London 7000 Mitarbeiter beschäftigt, hält das Rennen mit Dublin oder Amsterdam schon für entschieden. Keiner dieser Standorte habe die Strukturen, um wirklich einen substantiellen Teil des Geschäfts aus London zu übernehmen. Diese Voraussetzungen bringe nur Frankfurt mit. „Wenn wir, die Deutsche Bank, uns derzeit darauf vorbereiten, mehr Geschäfte außerhalb Londons abwickeln zu können, dann ist Frankfurt unsere natürliche Anlaufstelle – und für viele unserer Wettbewerber sieht es ähnlich aus“, sagte Cryan.

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