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Zerstrittene EZB : Lagardes Chance

Christine Lagarde Bild: Reuters

Das Ende von Mario Draghis Amtszeit ist eine Möglichkeit, endlich das unselige Lagerdenken in der europäischen Geldpolitik zu beenden. Mehr denn je ist eine sachorientierte Diskussion vonnöten.

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          Mit dem Wechsel von Mario Draghi zu Christine Lagarde verbindet sich meist die Vorstellung, an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank werde sich nichts ändern. Das dürfte sich als eine Fehleinschätzung herausstellen. Fraglos werden in einer Welt, in der in allen großen Wirtschaftsblöcken das Wachstum nachlässt und ein spürbarer Inflationsdruck auch mit der Lupe nicht erkennbar ist, die Zinsen auf absehbare Zeit sehr niedrig bleiben.

          Wohl aber dürfte sich das Selbstverständnis der EZB ändern, allein schon, weil in einer Welt sehr niedriger Zinsen die Wirksamkeit der Geldpolitik nachlässt. Führungsmitglieder der EZB (aktuelle wie frühere) sollen das Interesse des gesamten Währungsraums im Auge haben. Gleichwohl erscheint es angesichts der sehr heftigen Kritik vor allem an der Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms interessant, sich die Herkunft der Widersacher Mario Draghis anzuschauen.

          Erkenntnis statt Empörung

          Denn hier fällt auf, dass sich unter dem knappen Dutzend Kritikern des Anleihekaufprogramms nicht nur die beiden deutschen aktuellen Mitglieder des Zentralbankrats – Sabine Lautenschläger und Jens Weidmann – befanden, sondern auch die beiden Franzosen François Villeroy de Galhau und Benoît Cœuré.

          Und das am vergangenen Freitag veröffentlichte, die EZB-Politik der vergangenen Jahre kritisierende Memorandum ehemaliger Geldpolitiker wurde nicht nur von deutschen Granden wie den früheren EZB-Chefvolkswirten Otmar Issing und Jürgen Stark getragen, sondern auch von mehreren prominenten Franzosen, darunter dem ehemaligen EZB-Vizepräsidenten Christian Noyer. Das sind in Paris keine Einzelstimmen.

          So wird in der französischen Finanzbranche die Geldpolitik der EZB durchaus kritisch kommentiert, wenn auch weniger schrill als von deutschen Finanzmanagern. Das ist Christine Lagardes Chance. Mit dem Ende von Draghis Amtszeit besteht endlich die Möglichkeit, vom unseligen Lagerdenken in der europäischen Geldpolitik – hier der Norden, dort der Süden – wegzukommen. Dieses Lagerdenken wurde von vehementen Anhängern wie von erbitterten Gegnern Draghis gepflegt.

          Es hat allerdings lange Zeit eine sachorientierte Diskussion über die Rolle, die Ziele und die Instrumente der Geldpolitik in einer Welt niedrigen Wachstums, niedriger Inflationsraten und niedriger Zinsen erheblich erschwert. Was die geldpolitische Debatte braucht, ist offensichtlich: Ratio statt Ressentiment, Inhalte statt Invektiven und Erkenntnis statt Empörung.

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