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Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr : „Wir werden uns radikal verändern“

  • Aktualisiert am

Julia Jäkel Bild: Bode, Henning

Die Vorstandsvorsitzende des Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr will mehrere hundert Millionen Euro in den Umbau des Verlags investieren. Im Interview spricht Julia Jäkel über das Magazingeschäft, das Internet und die Rückendeckung von Bertelsmann und der Familie Jahr.

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          Frau Jäkel, zurzeit verändert sich die Pressebranche rasant. Springer hat seine Regionalzeitungen und Zeitschriften verkauft. Burda setzt auf Handelsumsätze im Internet. Werden Sie es mit Gruner + Jahr ähnlich machen?

          Wir schauen auf uns, nicht auf andere. Wir betreiben ein Inhalte-Geschäft und sind fest davon überzeugt, dass wir damit langfristig sehr gutes Geld verdienen können. Deshalb geben wir jetzt Gas. Wir betreiben ein hochprofitables Magazingeschäft mit Klassikern wie „Stern“, „Geo“, „Brigitte“, „Capital“ und so wunderbaren Erfindungen wie „Elf Freunde“, „Beef“ und „Neon“. Wir sind da stark, wo das Geld ist, im Gedruckten und im Digitalen. Diese Stärken werden wir künftig viel besser nutzen, und zwar auf allen Ebenen.

          Anzeigen, Auflagen und Ergebnisse bei Gruner + Jahr waren in den vergangenen Jahren rückläufig. Wie wollen Sie diesen Trend stoppen?

          Die Rahmenbedingungen der Branche treffen uns selbstverständlich auch. Aber wir sind gerade in Segmenten stark, in denen Aufwärtsbewegungen zu sehen sind, etwa im Food, im Living oder im Wissen. Umso wichtiger ist unser Weg: Wir transformieren uns von einem Zeitschriften- zu einem Inhalte-Haus. Anknüpfend an die Traditionen unseres Hauses, werden wir unser Denken und Handeln radikal verändern. Uns muss die Frage antreiben: Was wollen unsere Leser und Nutzer, wir nennen sie „Communities of Interest“, wirklich? Was brauchen sie, wonach sehnen sie sich? Und danach handeln wir. Das wird unser Auftreten und unsere Produktionsweise verändern.

          Inwiefern?

          Wir werden in Zukunft plattformneutral arbeiten. Wir denken nicht mehr in Print versus Digital. Entscheidend sind Qualität, Relevanz und Begehrlichkeit des Inhalts. Unsere Inhalte müssen so gefragt, so gut, so relevant sein, dass jemand, der sich für ein Thema in diesem Gebiet interessiert, unbedingt zu uns kommen muss. Dazu investieren wir in neue Hefte. Und wir digitalisieren unsere redaktionellen Inhalte. Wir wollen ein führender Publisher von E-Magazinen und Apps in Europa werden.

          Kann Gruner + Jahr es auf diesem Weg schaffen, wieder zu wachsen?

          Langfristig werden wir auch wieder wachsen. Dazu müssen wir aber auch neue Geschäfte aufbauen, etwa über Beteiligungen an Online-Händlern oder auch den Aufbau zahlungspflichtiger Serviceangebote. Dabei muss es stets eine Verbindung zu unseren Inhalten geben.

          Welche Rendite halten Sie für erreichbar? Im Digitalgeschäft sind die Margen kleiner als im traditionellen Printgeschäft.

          Na ja, dann schauen Sie mal auf unser Webangebot Chefkoch.de. Damit verdienen wir gutes Geld. Tatsächlich sind die Renditen im Zeitschriftengeschäft hoch. Aber dank unserer starken Marken halte ich es für möglich, in der Zukunft auch wieder eine zweistellige Umsatzrendite zu schaffen. Aber darauf schaue ich im Moment nicht. Wir müssen erst alle unsere Produkte, unsere Inhalte in Ordnung bringen, umfassend digitalisieren und neue Geschäftsmodelle etablieren. Dann ergibt sich der Rest fast von allein.

          Sie gehen bei dem Umbau nicht zimperlich vor. In den vergangenen Wochen und Monaten mussten viele Führungskräfte gehen.

          Es gibt zu jeder Personalie eine Geschichte. Dabei geht es nicht um gut oder schlecht. Bei einer so grundlegenden Erneuerung brauchen wir in Führungspositionen Menschen, die in dieser Veränderung eine Chance sehen.

          Sie sagen, Sie werden investieren. Wie viel?

          Wir werden in die Transformation von Gruner + Jahr gemeinsam mit unseren Gesellschaftern in den nächsten Jahren mehrere hundert Millionen Euro investieren.

          Geht das vielleicht etwas genauer?

          Ich finde, mehrere hundert Millionen Euro ist präzise genug. Unsere Gesellschafter ziehen an einem Strang. Wir haben ein außerordentlich vertrauensvolles Miteinander. Das zählt. Bei Gruner + Jahr geht es in den nächsten Jahren nicht darum, Umsätze und Ergebnisse kurzfristig zu optimieren. Wir alle haben das langfristige Ziel vor Augen.

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