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Nachfrage stark gesunken : Zeitarbeit mit kräftigsten Umsatzeinbußen seit Finanzkrise

Im BMW-Werk in Leipzig: Die Zeitarbeit hat viele Kunden in der Autoindustrie. Bild: dpa

Mehr als 16 Prozent Minus: Vor allem die gesunkene Nachfrage aus der Autoindustrie macht der Zeitarbeit zu schaffen. Dennoch blickt die Branche optimistisch in die Zukunft.

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          An einer Branche gehen Wirtschaftskrisen nie spurlos vorbei: der Zeitarbeit. Als Flexibilitätspuffer hilft sie Unternehmen im Aufschwung, Auftragsspitzen abzufedern – in wirtschaftlich schwierigen Phasen leidet sie dafür besonders. Das zeigte sich auch im Corona-Jahr 2020, in dem die führenden Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland den stärksten Umsatzrückgang seit der Finanz- und Wirtschaftskrise verkraften mussten. Das Minus der 25 größten Personaldienstleister beläuft sich auf 16,4 Prozent, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage der Marktforschungsgesellschaft Lünendonk hervorgeht. Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2009 hatten die größten Zeitarbeitsunternehmen knapp 24 Prozent ihres Geschäfts eingebüßt.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der wesentliche Grund für diese Entwicklung ist die stark gesunkene Nachfrage aus der Automobilindustrie. Noch im Jahr 2019 hatte sie 19 Prozent des Umsatzes der Zeitarbeit ausgemacht und war damit ihr mit Abstand wichtigster Kunde – im vergangenen Jahr waren es dann nur noch 15 Prozent. Das meiste Geschäft machte die Zeitarbeit stattdessen mit Unternehmen aus dem Bereich Verkehr und Logistik. Hier ist der Bedarf an zusätzlichem Personal ebenso gestiegen wie im (Online-)Handel, der Chemie- und Pharmabranche sowie dem Gesundheitswesen. Das zeige, wie vielschichtig der Markt der Zeitarbeit sei, sagte Marktbeobachter Thomas Ball von Lünendonk.

          Hoffen auf 2021

          Der größere Bedarf an Arbeitskräften in einigen Branchen hat die Umsatzentwicklung in der Zeitarbeit etwas gestützt, die Einbußen fielen aber dennoch beträchtlich aus – und das, nachdem der Umsatz wegen der schärferen Regulierung und der konjunkturellen Schwäche in der Automobilindustrie und im Maschinenbau schon im Vorjahr kräftig gesunken war. Ein besonders großes Minus verzeichnete der Marktführer Randstad aus den Niederlanden, der im vergangenen Jahr 366 Millionen Euro weniger Umsatz erzielte als im Vorjahr und knapp 10.000 Zeitarbeitskräfte weniger vermittelte. Aber auch Adecco aus der Schweiz, die Nummer zwei, und Manpower aus den USA, die bisherige Nummer drei, litten spürbar unter der Pandemie. Viele Personaldienstleister haben zudem einen Teil ihrer Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, wie die Lünendonk-Auswertung zeigt, für die 83 Unternehmen analysiert und befragt wurden.

          Trotz zweier schwieriger Jahre in Folge blickt der Großteil der Zeitarbeitsunternehmen zuversichtlich in die Zukunft. Sie rechnen für 2021 mit stark steigenden Umsätzen, mit wieder deutlich mehr Nachfrage aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau sowie einem weiter kräftig steigenden Bedarf im Bereich Verkehr und Logistik. Auffällig ist, dass sie erwarten, dass sowohl in der Produktion als auch im Segment Lager und Logistik viele Helfer gebraucht werden – also Zeitarbeitskräfte, die eher einfache Tätigkeiten verrichten. Die Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass wegen der Transformation in der Industrie viele Helferstellen wegfallen, was insbesondere den inzwischen wieder mehr als eine Million Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erschweren könnte.

          Die Zeitarbeit könnte hier eine Brücke sein, wie aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen, die der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister ausgewertet hat. Demnach finden schon seit September Monat für Monat mehr Arbeitslose eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Zeitarbeit als in dem jeweiligen Vorjahresmonat. Die Zeitarbeit könnte sich also, wie schon nach der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, als Beschäftigungsmotor erweisen. SPD und Grüne setzen im Wahljahr allerdings auf eine weitere Regulierung, und genau die fürchtet die Zeitarbeit der Lünendonk-Auswertung zufolge ganz besonders. Die schon bestehende Regulierung und eine mögliche weitere Verschärfung sowie den Personalmangel bezeichnen die Zeitarbeitsunternehmen als größte Hürden – noch vor der Corona-Krise auf Platz drei.

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