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Zeitarbeit : Leiharbeiter bekommen mehr Geld

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: In der Autoindustrie kommen häufig Zeitarbeiter zum Einsatz Bild: dpa

Vom 1. November an werden Branchenzuschläge gezahlt, um die Lohnlücke zum Stammpersonal zu schließen. Dadurch wird Zeitarbeit zwar teurer - Umsatzeinbrüche fürchtet die Branche aber nicht.

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          Die deutsche Zeitarbeitsbranche steht wieder einmal vor einem tiefen Einschnitt. Am 1. November treten in der Metall- und Elektroindustrie sowie in der chemischen Industrie die tariflichen Branchenzuschläge in Kraft. Für einige kleinere Branchen sind im kommenden Jahr ähnliche Modelle vereinbart. Mit zunehmender Einsatzdauer erhalten Zeitarbeiter dann mehr Geld, und die Lohnlücke zum Stammpersonal schließt sich. Damit kommt auf die Zeitarbeit ein erheblicher Kostenschub zu. „Wir sind bis an unsere Schmerzgrenze gegangen“, sagt Thomas Bäumer, der für die Arbeitgeber die Verhandlungen mit den Gewerkschaften geführt hat.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die IG Metall rechnet damit, dass schon im ersten Monat rund 200.000 Leiharbeiter mehr Geld in der Lohntüte haben werden. Gleichzeitig mit den Zuschlägen tritt auch eine Lohnerhöhung im Grundtarif für Zeitarbeiter in Kraft. Der Grundlohn für eine un- oder angelernte Kraft beträgt dann in Westdeutschland 8,19 Euro in der Stunde. Nach neun Monaten Einsatz in einem Kundenunternehmen kann die Hilfskraft dank des Zuschlags dann auf mehr als 12 Euro kommen. „Mittlerweile können sich unsere Tariflöhne sehen lassen“, sagt Bäumer. Der Geschäftsführer des Personaldienstleisters Tuja, der zum Weltmarktführer Adecco gehört, verweist darauf, dass der vom Deutschen Gewerkschaftsbund geforderte allgemeine Mindestlohn mit 8,50 Euro nicht mehr weit entfernt liegt.

          Und die derzeitigen Verhandlungen mit anderen Gewerkschaften über Branchenzuschläge für Dienstleistungen haken auch daran, dass oftmals gar keine nennenswerte Lohnkluft zwischen Stamm- und Leiharbeitern mehr existiert. Gerade in Ostdeutschland zahlen aber auch viele Industrieunternehmen nicht den Flächentariflohn, sondern haben niedrigere Haustarife oder keine Tarife. Dann könnten Zeitarbeiter mit den Zuschlagsmodellen rasch mehr als die Stammkräfte verdienen. Um das zu verhindern, haben die Tarifarchitekten die Möglichkeit zur Deckelung vorgesehen. Damit kann das Kundenunternehmen den pauschalen Vergleichslohn für die Zuschläge aus dem Flächentarif ablehnen und individuelle Größen aus seinem Unternehmen angeben.

          Der bürokratische Aufwand sei groß

          Dazu aber muss der Kunde seine Lohnstrukturen offenlegen, was nicht überall auf Zustimmung stößt. „Ein paar Kunden haben auch gesagt, dass uns das nichts angeht“, sagt Dieter Traub, Geschäftsführer des Zeitarbeitsunternehmens Orizon. Die meisten sind allerdings kooperativ. Dennoch enthalten die Verträge seines Unternehmens künftig Haftungsklauseln, falls sich der Vergleichslohn ändert und dies nicht mitgeteilt wird. Dann könnten nachträgliche Gehaltsforderungen fällig werden. Zudem stellt sich die Frage, was letztendlich zu diesem Vergleichslohn gehört und was nicht: Zulagen, Fahrtgeld und Zuschläge? Traub würde es nicht wundern, wenn diese Frage irgendwann einmal von einem Gericht entschieden wird.

          Letztlich sei der Aufwand jedoch vor allem vor dem Start der Zuschläge groß, wenn die Lohnstrukturen per Software einmal erfasst werden müssen. Danach müsse vor allem die Datenbank gepflegt werden. Auch Marcus Schulz vom Hamburger Wettbewerber Argo findet, „dass es nicht so schlimm gekommen ist wie befürchtet“. Schließlich hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gedroht, die Gleichbezahlung per Gesetz zu regeln, wenn die Tarifpartner dies nicht hinbekommen. Dennoch habe auch die Tariflösung zur Folge, dass Zeitarbeit für die Kunden deutlich teurer werde. Denn den Anbietern bleibe gar nichts anderes übrig, als die Kosten überzuwälzen.

          „Bei Umsatzrenditen von 5 bis 6 Prozent können sie keine Preiserhöhung von bis zu 50 Prozent tragen“, rechnet Schulz vor. Er gehe jedoch höchstens von einer Umsatzdelle, nicht von einem Einbruch aus. Denn fast alle Kunden seien geblieben. „Für die Kostendrücker wird es aber schwieriger“, vermutet Schulz. Dass Anbieter und Kunden künftig die Leihbelegschaften vor Eintritt des ersten Zuschlags nach sechs Wochen einfach durchwechselten, hält er angesichts der guten Arbeitsmarktlage für abwegig. „Im Südwesten finden Sie doch nicht mal mehr Helfer. Die Leute werden sich so etwas richtigerweise nicht mehr gefallen lassen.“

          Realistischer scheint dagegen, dass Zeitarbeit vermehrt unter dem juristischen Deckmantel von Werkverträgen durchgeführt werden könnte. Staatsanwaltschaft und Zoll ermittelten im Frühjahr diesbezüglich schon gegen einige Handelskonzerne. Die Gewerkschaften machen solche Tendenzen schon als flächendeckende neue Form von Lohndumping aus. „Das ist Missbrauch“, warnt Verbandsvertreter Bäumer. Diese Anbieter erwiesen der Branche einen Bärendienst. Vera Calasan, Deutschland-Geschäftsführerin des amerikanischen Manpower-Konzerns, weist darauf hin, welch erhebliche Risiken auf den Anbieter von Werkverträgen zukommen (siehe Interview).

          Dass die Branchenzuschläge nicht das Ende der Zeitarbeit in Deutschland sein werden, lässt ein Blick nach Österreich vermuten. Dort wurde im Jahr 2002 ein Kollektivvertrag - vergleichbar mit einem deutschen Tarifvertrag - eingeführt, wonach ein Zeitarbeiter jeweils nach dem für ihn besseren Tarifvertrag bezahlt wird - dem der Zeitarbeit oder dem der Einsatzbranche. Der Kostenanstieg ließ die Branche zwar im ersten Jahr um rund 6 Prozent schrumpfen.

          Doch in den Folgejahren wuchs der Markt schon wieder jeweils um bis zu 27 Prozent. Martin Jäger, Vorstandschef des in Österreich und Deutschland auftretenden Anbieters Trenkwalder, erwartet für Deutschland einen ähnlichen Verlauf: „Nach einer kurzen Phase der Zurückhaltung wird sich der Markt an die Branchenzuschläge gewöhnen, um anschließend voraussichtlich mit verstärkten Umsätzen im Fachkräftebereich weiter zu wachsen.“

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