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Zeitarbeit : Die Lehren aus Schlecker

Die Zeitarbeitsbranche ist in Bewegung wie lange nicht. Und sie ist auch wieder ins Gerede gekommen. Die Vorfälle um die Drogeriemarktkette Schlecker sind für die Branche der größte anzunehmende Imageunfall.

          Für die Zeitarbeitsbranche sind die Vorfälle um Schlecker der größte anzunehmende Imageunfall. Anfang des Jahres machte die Drogeriekette damit Schlagzeilen, dass sie eine Tochtergesellschaft gegründet hatte, wohl ausschließlich zu dem einen Zweck, ihre zuvor gekündigten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf Umwegen wieder einzustellen. Dies allerdings unter Umgehung des Branchentarifvertrages und auf Grundlage eines wesentlich günstigeren Zeitarbeitstarifs.

          Von „Tarifflucht“ war die Rede in der Öffentlichkeit, die sich zu Recht darüber empörte, dass die stets von den Personaldienstleistern gepriesenen Flexibilitätsgewinne in diesem Falle ausschließlich aus den Geldbörsen der Angestellten gespeist werden sollten. Mit einem Mal fanden sich die Zeitarbeitgeber im öffentlichen Ansehen auf einer Stufe wieder mit Sklavenhändlern und Steuerhinterziehern. Linkspartei und Grüne waren flugs mit Anträgen zur Hand, die Branche deshalb wieder wie in früheren Jahren hart an die Kandare des Gesetzgebers zu nehmen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen lehnt neue Regeln jedoch vorerst ab. Sie verspricht, solche Verstöße künftig mit den schon vorhandenen Mitteln unterbinden zu wollen, und vertraut zudem auf die Selbstheilungskräfte der Branche. Daran scheint die Christdemokratin gut zu tun. Denn die Branche ist in Bewegung wie lange nicht.

          Zumindest verdient der Tarifvertrag, den die Tarifgemeinschaft der Christlichen Gewerkschaften mit dem Arbeitgeberverband AMP ausgehandelt hat, eine besondere Betrachtung. Zur Erinnerung: Die Christen werden von der wesentlich größeren Konkurrenz des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) seit Jahren des Lohndumpings bezichtigt; sie seien eine Scheingewerkschaft, die Gefälligkeitstarifverträge mit den Arbeitgebern abschließe. In der Tat hat auch Schlecker seine Personalmaßnahmen auf dem Boden christlichen Tarifwerks vollzogen. Dort liegt man zwar mit Einstiegslöhnen zumindest in Westdeutschland von 7 Euro in der Stunde nur unwesentlich unter dem, was der DGB mit zwei anderen Arbeitgeberverbänden abgeschlossen hat. Doch bieten die Christen bislang während der Einarbeitungszeit wegen mutmaßlich geringerer Produktivität einige Möglichkeiten für Abschläge. Wenn man weiß, dass die Einsatzdauer von Zeitarbeitern meist nur ein paar Monate beträgt, erschließt sich die Brisanz. Zudem existieren noch einige Haustarifverträge auf niedrigem Niveau, die sich häufig in der Nachwirkung befinden.

          Und noch ein anderes Problem sitzt den Christen im Nacken: Im Dezember hatte ihnen das Landesarbeitsgericht Berlin die Tariffähigkeit abgesprochen. Sollte das Bundesarbeitsgericht das Urteil letztinstanzlich bestätigen, könnten damit alle Abschlüsse der Christen für die Zeitarbeit für nichtig erklärt werden. Diese Befürchtung scheinen zumindest viele Arbeitgeber zu hegen, die nun das Lager wechseln. Bei den Konkurrenzverbänden des AMP klingelten zeitweilig die Telefone Sturm.

          Derart unter Druck, haben Christen und AMP Mitte Februar also zum Befreiungsschlag ausgeholt: Sie handelten einen Tarifvertrag aus, der nicht nur die rein konzerninterne Zeitarbeit à la Schlecker sowie Einarbeitungsrabatte künftig ausschließt, sondern auch Lohnsteigerungen von bis zu 4 Prozent beinhaltet. Demnach erhalten westdeutsche Beschäftigte vom Sommer an 7,60 Euro, was immerhin 10 Cent oberhalb der offiziell gültigen DGB-Forderung für einen allgemeinen Mindestlohn liegt. Für den Osten werden 6,40 Euro gezahlt, und für die Metall- und Elektroindustrie wiederum gibt es noch einen Aufschlag von 40 Cent die Stunde.

          Damit, tönten die Christen nach dem Abschluss provokant, liege man im Westen rund einen Euro über dem neuen „Billigheimertarifvertrag“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, den der Dachverband gerade ausgehandelt hatte. Zumindest in dessen Mitgliedsgewerkschaften teilte man diese Sicht wohl mehrheitlich und verweigerte dem Verhandlungsergebnis die Zustimmung. Ein herber Schlag für die Dachorganisation; der DGB muss nun nachsitzen.

          Zeitarbeit paradox also, hatte doch bislang der DGB seinen Alleinvertretungsanspruch für die Branche mit dem Argument untermauert, die Konkurrenz mit den Christen führe zu einem Unterbietungswettlauf, und damit nebenbei auch die Höhe seiner eigenen Abschlüsse gerechtfertigt. Nun scheint das Gegenteil eingetreten zu sein: Die verschiedenen Lager überbieten sich mit ihren Abschlüssen. Denn will der DGB nicht als billiger Jakob der Zeitarbeit dastehen, muss er aus den Nachverhandlungen ein deutlich höheres Ergebnis mitbringen. Zumal sein mächtiges Mitglied, die IG Metall, schon ganz unverhohlen damit droht, die Tarifgemeinschaft zu verlassen und die Zeitarbeit in die eigenen Metalltarifverhandlungen aufzunehmen.

          Konkurrenz belebt das Geschäft. Eine Entwicklung, über die sich vor allem die rund 700.000 Zeitarbeiter freuen werden. Für die Branche ist es zudem eine Chance, rechtzeitig für den nächsten Aufschwung den Imageschaden ein Stück weit zu reparieren.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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