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Yougov-Umfrage : Briten finden die Einwanderung zu hoch

Im Februar haben Demonstranten in Chelmsford gegen Abschiebungen vom Flughafen Stansted protestiert. Bild: dpa

„Brexiteers“ und „Remainer“ unterscheiden sich in ihrer Wahrnehmung der Einwanderung. Beide erkennen an, dass die Wirtschaft Zuwanderer braucht. Der polnische Botschafter überrascht indes mit einer Aufforderung an seine Landsleute.

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          Eine neue Umfrage zeigt widersprüchliche Einstellungen der Briten beim Thema Immigration: Einerseits wünschen sie eine Begrenzung, andererseits sehen sie den Bedarf der Wirtschaft. Fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent) wünschen sich eine stärkere Beschränkung der Einwanderung und auch nach dem Brexit werde die Einwanderung das Thema Nummer eins in Großbritannien sein, ergab eine am Donnerstag veröffentlichte Yougov-Umfrage im Auftrag des Fintech-Unternehmens Transfer Go. Mehr als die Hälfte der Briten sagt laut den Befragungsergebnissen, dass die Zuwanderung immer noch zu hoch sei.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die von der Regierung Theresa May ausgerufene Obergrenze von 100.000 für die Netto-Einwanderung wurde regelmäßig überschritten. Im vergangenen Jahr stieg die Netto-Zuwanderung auf mehr als 270.000 Personen – wobei der Zustrom von Nicht-EU-Ländern, vor allem aus Asien, stark stieg, während die EU-Immigration erstmals seit Jahren unter 100.000 fiel.

          Laut der Yougov-Umfrage sind sich viele Briten bewusst, dass die britische Wirtschaft auf Zuwanderer in vielen Bereichen angewiesen ist. Mehr als die Hälfte der einwanderungskritischen Briten erkenne an, dass ausländische Arbeitskräfte für die Bauindustrie und für Reinigungsarbeiten „notwendig“ seien. Interessant sind die unterschiedlichen Einstellungen zwischen Brexit-Befürwortern und -Gegnern: Die „Leave“-Wähler, die für einen EU-Austritt gestimmt haben, sind zu 83 Prozent der Meinung, dass die Zuwanderung zu hoch sei. Unter den Gegnern eines EU-Austritts, den „Remain“-Wählern, glauben das hingegen nur zu 29 Prozent.

          Der Gründer des Start-ups Transfer Go, eines Fintech-Unternehmens, das Zahlungen von Immigranten in ihre Heimatländer elektronisch abwickelt und die Yougov-Umfrage in Auftrag gab, findet die Einstellung der Briten stark inkonsistent. Die Umfrage zeige „die albernen Widersprüche bei der britischen Haltung zum Thema Zuwanderung“, sagte Daumantas Dvilinskas, selbst Einwanderer aus dem Baltikum. „Unsere Kunden sind fleißig und besetzen wichtige Arbeitsplätze hier in Großbritannien“, sagte Dvilinskas. Es ergebe keinen Sinn zu sagen, die Zahl der Migranten sei zu hoch, während die Befragten gleichzeitig anerkennen, dass es einen Bedarf an ausländischen Arbeitskräften gebe.

          Arbeitsmarkt früh geöffnet

          Gleich mit der EU-Osterweiterung vor fünfzehn Jahren hatten Großbritannien und Irland – anders als Deutschland und die anderen älteren EU-Mitglieder – ihre Arbeitsmärkte für Immigranten aus den osteuropäischen EU-Neumitgliedern geöffnet. Es kamen laut Zahlen des Migration Observatory über die Jahre fast zwei Millionen Osteuropäer ins Königreich, vor allem Polen und Balten, dann viele Rumänen und Bulgaren. Der „Polish Plumber“ (polnischer Klempner) ist vielfach zum archetypischen Einwanderer erklärt worden.

          Unterdessen hat Polens Botschafter im Vereinigten Königreich seine Landsleute in einem ungewöhnlichen Schritt dazu aufgerufen, über eine Rückkehr nachzudenken. Am Donnerstag wurde ein Brief des Botschafters Arkady Rzegocki bekannt, den er an die etwa 800.000 gebürtigen Polen in Großbritannien verschickt hat: Darin schreibt er, die Zahl derer, die einen Aufenthaltsstatus für die Post-Brexit-Zeit beantragt hätten sei „alarmierend niedrig“. Nur knapp jeder Vierte habe dies bislang getan. Die Frist läuft allerdings noch bis Mitte 2021 oder im Fall eines No-Deal-Brexits bis Ende 2020.

          Der Botschafter hält seinen Landsleuten gleichzeitig vor, wie gut sie es in der Heimat haben könnten. „Die schnell wachsende Wirtschaft in unserem Land schafft mehr und mehr Chancen für die Bürger zur Entwicklung und für gute Lebensbedingungen“, lockt er die Polen. Sie sollten „ernsthaft die Möglichkeit einer Rückkehr in ihr Heimatland nach dem Brexit überlegen“, schreibt Rzegocki. 

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