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Möbelhändler : XXXLutz-Gruppe räumt Fehler ein

XL-Probleme für XXXLutz: „Wir würden das nächste Mal nach einer besseren Lösung suchen“ Bild: Unternehmen

Der zweitgrößte Möbelhändler auf dem deutschen Markt hat mit der unangekündigten Freistellung von Mitarbeitern für Empörung gesorgt. Ob die neue Kommunikationsstrategie hilft?

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          Das öffentliche Echo auf die jüngsten Vorgänge bei der XXXLutz-Gruppe aus Österreich fiel verheerend aus. In der Deutschland-Zentrale des Möbelhändlers in Würzburg gingen rund 300 E-Mails und Anrufe von Kunden ein, die sich über die unangekündigte Freistellung von 99 Mitarbeitern empörten und teils wüste Beschimpfungen losließen. Den Beschäftigten der Auftragsbearbeitung im Mannheimer Zentrallager war an einem Montagmorgen Anfang Februar ohne Vorwarnung der Zutritt zu ihren Arbeitsplätzen verwehrt worden (F.A.Z. vom 3. Februar); die Abteilung wurde kurzerhand nach Würzburg verlegt. Die Gewerkschaft Verdi verteilte in wenigen Tagen 20000 Protest-Postkarten – adressiert an die Inhaber Andreas und Richard Seifert, die den Konzern vom österreichischen Wels aus steuern. In den Medien wurde bundesweit über den Rauswurf berichtet.

          Christine Scharrenbroch
          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Unter dem Eindruck der heftigen Reaktionen sieht sich das äußerst verschwiegene Unternehmen dazu gezwungen, in die Offensive zu gehen. „In der Öffentlichkeit ist ein sehr negativer Eindruck entstanden“, sagt Alois Kobler, Mitglied der Geschäftsleitung von XXXL Deutschland, im Gespräch mit dieser Zeitung. Er gesteht ein, dass Fehler begangen wurden: „Wir würden das nächste Mal nach einer besseren Lösung suchen.“

          „Wir mussten irgendwann die Notbremse ziehen“

          Ihr umstrittenes Vorgehen rechtfertigt die Geschäftsführung damit, dass es im Servicecenter Mannheim besonders viele Kundenbeschwerden gegeben habe. Aufträge seien liegengeblieben, Lieferzusagen nicht eingehalten worden. Über Jahre sei in Gesprächen mit den Betriebsräten erfolglos versucht worden, die Situation zu verbessern. „Wir mussten irgendwann die Notbremse ziehen“, sagt Kobler. Um weitere Beeinträchtigungen der Auftragsabwicklung zu vermeiden, sei die Freistellung so kurzfristig erfolgt.

          Ein anderes Bild der Zustände im Mannheimer Zentrallager zeichnet Verdi-Sekretär Stephan Weiss-Will. Durch die Anbindung von drei weiteren Möbelhäusern sei das Lager im vergangenen Jahr chronisch überlastet, quasi „verstopft“, gewesen. Diese durch eine zu enge Personaldecke verursachten Engpässe hätten sich zwangsläufig auch negativ auf die Auftragsabwicklung ausgewirkt. Die überraschende Freistellung kritisiert Weiss-Will als „menschenunwürdig“. Die Mitarbeiter seien von der Entscheidung wie von einem Blitz aus heiterem Himmel getroffen worden. „So ist noch kein Arbeitgeber hier bei uns in Mannheim mit seinen Mitarbeitern umgegangen.“ Die Gewerkschaft sieht einen massiven Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz, ist aber mit einer Klage vor dem Arbeitsgericht Mannheim gescheitert. Nun sollen Rechtsmittel vor dem Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg eingelegt werden. Von den betroffenen 99 Mitarbeitern wurden mittlerweile 32 an andere XXXL-Gesellschaften vermittelt. Für die verbliebenen Beschäftigten will Helmuth Götz, Sprecher der Geschäftsleitung von XXXL Deutschland, so schnell wie möglich mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan und Interessenausgleich verhandeln. „Wir müssen es in Zukunft besser hinkriegen“, beteuert er und spricht von einem „Lernprozess“, der jetzt eingesetzt habe.

          Es ist nicht das erste Mal, dass die XXXLutz-Gruppe durch den Umgang mit ihren Mitarbeitern negative Schlagzeilen macht, obwohl sie sich laut Internetseite zu den „Spielregeln von Fairness und sozialer Verantwortung“ bekennt. Schon bei der Schließung einer Münchener Filiale im Jahr 2013 wurden 160 Mitarbeiter ohne Vorankündigung freigestellt. Den Räumungsverkauf wickelten Kollegen aus anderen Filialen ab. Erst im Januar erklärte zudem das Arbeitsgericht Oberhausen die Kündigung von Mitarbeitern der Möbelstadt Rück, die vor zwei Jahren von XXXLutz erworben wurde, für unwirksam. Die Arbeitsverhältnisse bestünden weiter, da es sich um einen Betriebsübergang handle, urteilten die Richter. Wiederkehrender Kritik sieht sich der Möbelhändler auch ausgesetzt, weil er ein Geflecht von gut 200 Einzelgesellschaften aufgebaut hat, nicht in der Tarifbindung ist und keinen Gesamtbetriebsrat hat.

          Die XXXLutz-Gruppe ist schnell gewachsen

          Vor allem durch zahlreiche Zukäufe ist die XXXLutz-Gruppe, zu der hierzulande neben den 39 XXXL-Filialen auch 31 Mömax-Mitnahmemärkte gehören, in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Allein 2015 wurden die kleineren Wettbewerber Pallen, Sonneborn und Zimmermann sowie zwei Standorte von Möbel Mahler übernommen. Zudem erfolgte der Einstieg bei der in Unna ansässigen Möbelkette Zurbrüggen – daraufhin trat XXXLutz aus dem Möbeleinkaufsverband Begros aus und gründete den eigenen Verband Giga International. Mit einem Deutschland-Umsatz von 2,2 Milliarden Euro sieht Götz XXXLutz inzwischen auf dem hiesigen Markt auf Platz zwei hinter dem doppelt so großen Marktführer Ikea und vor der Höffner-Gruppe von Kurt Krieger. Insgesamt betreibt die Gruppe 237 Einrichtungshäuser in acht europäischen Ländern und setzt rund 3,9 Milliarden Euro um.

          Die rasche Expansion – zuletzt kamen jährlich fünf bis sechs Standorte neu hinzu – bringt mitunter auch Schwierigkeiten mit sich, wie Götz einräumt. „Wenn wir zu viele Betriebe auf einmal integrieren müssen, stoßen wir organisatorisch an unsere Grenzen. Dann knirscht es manchmal schon.“ Dennoch will er keine Abstriche an der Wachstumsstrategie machen. „Wir werden in dem Tempo weitergehen.“ Sein Augenmerk gilt derzeit vor allem Nordrhein-Westfalen, wo er neben weiteren Akquisitionen auch eine Neuansiedlung anstrebt. Das Grundstück sei schon erworben, die Anträge für das Genehmigungsverfahren in Vorbereitung. Allerdings lassen sich neue Standorte immer schwerer durchsetzen. So konnte Konkurrent Segmüller seinen Neubau in Pulheim bei Köln erst mit mehrjähriger Verzögerung starten.

          In Zukunft rechnet Götz mit einer weitere Verschärfung des Verdrängungswettbewerbs auf dem deutschen Möbelmarkt , auf dem 32,6 Milliarden Euro umgesetzt werden. „Sehr viele Mitbewerber mit kritischer Größe müssen sich nach Allianzen umschauen, sonst werden sie in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden.“ Wenn es sich nicht gerade um kleine Spezialisten handelt, hält er Händler mit einem Umsatz von weniger als 500 Millionen Euro auf Dauer nicht für wettbewerbsfähig.

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