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WTO-Konferenz : Feilschen im „Grünen Zimmer“

  • Aktualisiert am

Ganz im Hintergrund wird geschachert Bild: dpa/dpaweb

Pascal Lamy hat den Verhandlungsstil der Welthandelsorganisation einst als „mittelalterlich“ gegeißelt. Jetzt sitzt er wieder mittendrin im kleinen Kreis der feilschenden WTO-Chefunterhändler - hinter verschlossener Tür. Hauptsache, es riecht nicht nach Klüngel.

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          Peter Mandelson ist bleich und müde. Bis in die frühen Morgenstunden verteidigt der hagere EU-Handelskommissar unnachgiebig die Haltung der Union in Sachen Agrar-Exporthilfen. Der übernächtigte brasilianische Außenminister Celso Amorim konstatiert später in der windigen Hongkonger Nacht: „Es gibt nichts Neues, um die Wahrheit zu sagen.“

          Die harte Phase des WTO-Gipfels hat begonnen. Das bedeutet: Feilschen im kleinen Kreis. Politisch korrekt heißt der nun Tag und Nacht tagende Privatklub der wichtigen Handelsmächte „Chairmen's Consultative Group“ (Beratungsrunde der Chefs). Informell sprechen Beteiligte aber immer noch vom „Green Room“ (Grünes Zimmer). Zu Zeiten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) gab es in Genf tatsächlich einen Raum mit grünen Wänden, wo informell Kompromisse geschmiedet wurden - sehr zum Ärger derjenigen, die nicht mit dabei waren.

          Im so genannten Grünen Zimmer des Hongkonger Kongreßzentrums sitzen die zentralen Spieler, also Amerika, Europäische Union, Brasilien oder Indien. Insgesamt sind es etwa 30. Die Mitgliedstaaten der EU sind nicht dabei - nur die Brüsseler Kommissare Mandelson und Mariann Fischer Boel (Landwirtschaft). Der Brite klagte bereits nach der ersten Nacht: „Ich weiß nicht, ob Widerstände damit beseitigt werden sollen... daß Verhandler in den Zustand physischer und mentaler Erschöpfung versetzt werden.“ Laut der Hongkonger Tageszeitung „The South China Morning Post“ fügte Mandelson hinzu: „Ich glaube, das macht jeden sehr angespannt.“

          Den Demonstranten bleibt am Ende nur die Unterwerfung

          Es darf nichts nach Klüngel riechen

          Mandelsons Amtsvorgänger, der Franzose Pascal Lamy, hatte zwar nie Konditionsprobleme erkennen lassen, den Verhandlungsstil der Welthandelsorganisation (WTO) aber als „mittelalterlich“ gegeißelt. Der durchtrainierte Fallschirmspringer sitzt weiterhin im Grünen Zimmer - nun als WTO-Generaldirektor. Er muß als Schiedsrichter die streitenden Partner zu Kompromissen bewegen. Eine Aufgabe, die fast unlösbar erscheint.

          Lamy versucht über ein elektronisches Tagebuch, seiner der Öffentlichkeit schwer zu beschreibenden Aufgabe ein menschliches Gesicht zu geben. Sein dürftiges Mittagessen („B-B: Brot und Bananen“), das späte Ende der Hinterzimmerberatungen („3 Uhr“) und das frühe Aufstehen („6 Uhr“) werden dort lapidar aneinander gereiht. Auf dem ebenfalls veröffentlichten Terminkalender des WTO-Chefs tauchen die „Grüne-Zimmer-Beratungen“ jedoch überhaupt nicht auf. Es darf in Hongkong eben nichts nach Klüngel riechen.

          Im Klub der Wichtigen sitzen nicht ausschließlich die großen Handelsmächte. Dabei ist beispielsweise die Schweiz, die innerhalb der so genannten G-10-Gruppe für einen besonderen Schutz der Landwirtschaft kämpft. Dem exklusiven Zirkel, den es offiziell eigentlich gar nicht gibt, gehört auch Mauritius an, das in der G-90-Formationen der armen Länder besonders für ein Entwicklungspaket der Industrieländer eintritt.

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