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Wort des Jahres : Wutbürger

  • -Aktualisiert am

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „Wutbürger“ zum Wort des Jahres gekürt. Der Wutbürger stellt sich in den Strahl der Wasserwerfer oder kettet sich an rostige Schienen. Gegen die Arroganz der Macht. Ein irgendwie sympathisches Wesen, aber auch zutiefst ambivalent.

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          Der „Wutbürger“ ist zum Helden (und Wort) des Jahres aufgestiegen. „Er buht, schreit, hasst“, weiß sein Vater, der Journalist Dirk Kurbjuweit. Der Wutbürger ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr ganz jung. Er hat ein Herz für den Juchtenkäfer und die Bauern im Wendland. Früher war er einmal links, dann stieg er in die Halbhöhengesellschaft auf.

          Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat diesem irgendwie sympathischen, aber auch zutiefst ambivalenten Wesen nun den Heiligenschein angeklebt und feiert ihn als Inkarnation des Wunsches der Bevölkerung nach politischer Partizipation und mehr direkter Demokratie. Das ist gewiss ein Teil seines Wesens: Gegen die Arroganz der Macht („Planfeststellungsverfahren“) stellt er sich in den Strahl der Wasserwerfer oder kettet sich an rostige Schienen. Doch sein von Wut verzerrtes Gesicht vermag nicht seinen abgrundtiefen Pessimismus zu verbergen: Mit den „bestehenden Verhältnissen“ ist er zwar immer noch nicht zufrieden, aber verändert werden sollen sie auch nicht.

          Früher nannte man ihn deshalb Besitzstandswahrer (schließlich mag man er weder Einflugschneisen noch Endlager). Heute darf er sich wieder als Revolutionär fühlen.

          Die zehn „Wörter des Jahres 2010“

          1. Wutbürger
          2. Stuttgart 21
          3. Sarrazin-Gen
          4. Cyberkrieg
          5. Wikileaks
          6. schottern
          7. Aschewolke
          8. Vuvuzela
          9. Femitainment
          10. unter den Eurorettungsschirm schlüpfen

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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