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Zweifel an Aussagekraft : Immer Ärger mit dem Mietspiegel

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An der Stelle stöhnt Statistikexperte Göran Kauermann auf: „Würde man das tun, wäre das schlicht und ergreifend ein enormes Hochschrauben der Mietpreise“, sagt der Professor der Universität München, der selbst die Daten für den städtischen Mietspiegel errechnet: „Die ortsübliche Vergleichsmiete ist eben nicht das, was der Markt maximal hergibt.“ Kauermanns Team hat ermittelt, dass ein Großteil der Wohnungen unter der Hand über Freunde weitergegeben werden, „oft auf dem Niveau der Bestandsmiete oder nur wenig teurer“. Demgegenüber sind Neuvermietungen im Schnitt 1 Euro teurer, und Wohnungen, die auf Internetplattformen angeboten werden, sogar 2 Euro teurer je Quadratmeter. Das macht bei einer 75-Quadratmeter-Wohnung 150 Euro im Monat aus, 1800 Euro im Jahr. Für Kauermann ist klar: „Wer auf die Internetdaten aufspringt, der verzerrt die Daten nach oben.“

Dafür verteidigt der Statistikprofessor die Erhebungsmethode, mit der München aus „nur“ 3000 Datensätzen die aktuelle Miethöhe für 830.000 Haushalte ermittelt. Immerhin würden dazu vom Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest insgesamt 25.000 Bewohner befragt, und es würden nach einem vorgegebenen Schlüssel die Stadtteile berücksichtigt, verschiedene Wohnungsgrößen, Baujahre und Wohnungsmerkmale: „Das ist absolut repräsentativ und reicht, um die Durchschnittsmiete für diese Merkmale auf 20 Cent genau zu bestimmen.“

Der Grundbesitzerverein bezweifelt das, zumal die Stadt in ihren eigenen Immobilienmarktberichten von höheren Durchschnittsmieten spreche. „Wir wollen Einsicht in die Daten, deswegen prozessieren wir“, sagt Rudolf Stürzer. Bisher hat das Sozialreferat diese Einsicht verweigert, woraus Stürzer schließt: „Wir glauben, dass die Stadt aus politischen Gründen versucht, den Mietspiegel zu deckeln.“

Natürlich hat die Stadt eher ein Interesse an konstanten Mieten als an steigenden, das bestätigt sie auch. Man müsse aber unterscheiden: Wenn von höheren Mieten die Rede sei, dann beziehe sich das auf aktuelle Neuvermietungen und Daten aus Wohnungsinseraten, es sei also lediglich eine Momentaufnahme. Der Mietspiegel hingegen beziehe auch ältere Mietverhältnisse mit ein. Dass keine Verträge herangezogen werden, die seit mehr als vier Jahren laufen, können nicht die Kommunen selbst ändern, das kann nur der Bund. Genau das fordern erste Mieterverbände jetzt.

Wenn der Mietspiegel schon über Wohl und Wehe von Mietern und Vermietern entscheidet, dann müssten sich darin auch alle Parteien wiederfinden. Das erreicht man aber nur, wenn in die Statistik mehr Daten und ältere Daten eingehen. Die Münchener Politik will sich dafür einsetzen. Damit, so hofft die Stadt, könnte „der Mietspiegel dann eventuell eine dämpfende Wirkung auf das aktuelle Marktgeschehen ausüben“. Die Vermieter wettern dagegen: „Der Mietspiegel darf nicht als politisches Instrumentarium missbraucht werden. Er muss die Zustände eins zu eins abbilden, ob es der Stadtverwaltung gefällt oder nicht.“ Aber ist er nicht längst politisch? Die Forderung der Hausbesitzer ist es jedenfalls ebenfalls: Um die Mietnot zu lindern, sagen sie, könnte die Politik ja auch mehr Wohngeld zahlen. In diesem Fall allerdings wäre es billiger für die Kommunen, das Geld erst einmal in die bessere Datenerhebung zu investieren. Statt dauerhaft Mondpreise zu subventionieren.

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