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Zu wenig Neubauten : In London droht die nächste Immobilienblase

Nicht nur mitten in London wird das Wohnen in Großbritannien immer teurer Bild: AP

Die Preise für Häuser in London steigen um 20 Prozent in einem Jahr. Ökonomen fürchten, dass das nicht so weitergehen kann.

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          Das schmucke Einfamilienhaus ist geräumig, es ist nagelneu - und es ist ziemlich teuer. Für 775.000 Pfund, umgerechnet fast eine Million Euro, will der bisherige Besitzer das Eigenheim in einem Vorort der walisischen Großstadt Swansea verkaufen. Im Speckgürtel rund um London wäre das ein Schnäppchen, aber hier im wirtschaftlich schwachen Wales?

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es sind Angebote wie dieses, die immer mehr Ökonomen skeptisch machen: Während andere europäische Länder wie Irland und Spanien noch immer an den Folgen schwerer Immobilienmarktkrisen zu tragen haben, wird in Großbritannien womöglich bereits die nächste Hauspreisblase aufgeblasen.

          Nach Berechnung der Bausparkasse Nationwide sind die Immobilienpreise auf der Insel in den zwölf Monaten bis April um knapp 11 Prozent gestiegen, in der Hauptstadt London sogar um 20 Prozent. In keinem europäischen Land schnellten die Werte von Wohnimmobilien derzeit so schnell nach oben wie in Großbritannien, bilanzierte vergangene Woche die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) in einer Studie. Ein Ende der Hauspreisspirale ist nicht in Sicht.

          Der Druck auf die Regierung in London wächst. Beinahe täglich bekommt Finanzminister George Osborne Ermahnungen zu hören, die Inflation am Immobilienmarkt nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Osborne hat mit einem üppigen staatlichen Garantieprogramm für private Eigenheimkredite den Preisaufschwung nach Kräften befeuert.

          Das Programm namens „Help to buy“ gilt als der größte staatliche Eingriff in den Immobilienmarkt in Großbritannien seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Wirtschaftspolitisch wirkt die Förderung inzwischen zunehmend deplaziert: Das Programm wurde vor einem Jahr aufgelegt, um die damals lahmende britische Wirtschaft in Schwung zu bringen. Aber nach einer furiosen Konjunkturwende hat Großbritannien mittlerweile die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft unter den führenden Industrieländern. Wozu dann noch die Förderung?

          Jetzt meldeten sich gleich drei frühere Finanzminister in der „Financial Times“ zu Wort: „Help to buy“ müsse stark gedrosselt und in London ganz abgeschafft werden, fordert Nigel Lawson, einst Schatzkanzler von Margaret Thatcher und wie Osborne Mitglied der Konservativen Partei. Auch die früheren Kassenwarte Alistair Darling und Norman Lamont appellieren an die Regierung, gegenzusteuern.

          Förderung verleitet zu Schulden

          „Help to buy“ ziele nicht auf die Ursache des Problems, in Großbritannien würden schlicht zu wenige neue Häuser gebaut, bemängelte Darling. Am Dienstag hat bereits die OECD, der Zusammenschluss der führenden Industriestaaten, auf die bedenkliche Hauspreisinflation hingewiesen. Vergangene Woche sagte Jon Cunliffe, der Stellvertretende Gouverneur der britischen Zentralbank, die steigenden Hauspreise seien für die Notenbanker „die hellste Warnleuchte auf dem Armaturenbrett“.

          Die Notenbanker geraten selbst zunehmend in die Zwickmühle: Sie fürchten, dass die Förderung viele Briten dazu verleitet, sich zu hohe Schulden aufzuladen. Wenn die Bank of England den Leitzins erhöht - was wegen der kräftigen Konjunktur absehbar ist -, droht eine Welle von Hypothekenkredit-Ausfällen, denn die meisten Immobiliendarlehen auf der Insel sind variabel verzinst. Schlimmstenfalls könnte - ähnlich wie in früheren britischen Konjunkturzyklen - dem rasanten Anstieg der Immobilienwerte ein jäher wirtschaftlicher Absturz folgen. In Großbritannien laufe derzeit „ein Film, den wir schon mehrfach gesehen haben“, mahnte der Notenbanker Cunliffe.

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