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Wohnungsmarkt : „Chinesen werden mehr denn je Wohnungen im Ausland kaufen“

Gefragt: Städte wie Frankfurt ziehen Käufer aus Fernost an. Bild: Frank Röth

Makler sind sich einig: Die Pandemie hat den Chinesen keineswegs den Appetit am Wohnungskauf im Ausland verdorben. Im Gegenteil. Und der Standort Deutschland könnte künftig noch interessanter werden.

          5 Min.

          Frankfurt, Goethestraße. Erst kürzlich hat die auf chinesische Käufer spezialisierte Anjia Immobilien GmbH hier, an der kleinen und teuersten Einkaufsstraße der Stadt, ein weiteres Büro eröffnet. Gleich neben Louis Vuitton. Eigentlich wollte Unternehmenschefin Lin Dattner Kunden dort schon im Mai empfangen. Aber die Bauarbeiten verzögerten sich. „Angeblich war Corona schuld“, sagt die Maklerin. Die Pandemie müsse zurzeit ja für vieles als Ausrede herhalten. Doch dass Covid-19 auch ihr das Geschäft verhagele, könne sie nicht behaupten. Sicher, es habe ein paar Wochen gegeben, in denen Besichtigungen und Vertragsabschlüsse zum Erliegen gekommen seien. „Im März hatten wir eine Art Schockstarre, aber seit April sind die chinesischen Interessenten wieder zurück.“

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dattner sagt das, als hätte es daran nie den leisesten Zweifel gegeben. Doch nachdem der globale Lockdown zwischenzeitlich einen großen Teil des Wirtschaftslebens zum Erliegen gebracht hatte, steht die Frage im Raum, wie es an den Wohnungsmärkten weitergeht. Könnte ja sein, dass private Kapitalanleger aus Riad, Delhi oder Singapur in nächster Zeit Geld in eigene Geschäfte pumpen müssen. Damit wäre die seit Jahren währende Shoppingtour von Käufern aus Russland, dem Nahen Osten und Asien auf dem internationalen Wohnungsmärkten fürs Erste vorbei.

          Vor allem diejenigen, die an angespannten Wohnungsmärkten leiden, hoffen, dass im Zuge der Pandemie der Druck nachlässt. Apartments in Vancouver, Stadthäuser in London oder Sydney, Wohnungen in München oder Berlin – die große Nachfrage aus dem Ausland hat über die Jahre die Preise an vielen Wohnungsmärkten mit in die Höhe getrieben und dafür gesorgt, dass sich zahlreiche Projektentwickler auf ein Angebot spezialisiert haben, das auf den Geschmack und die Ansprüche dieser Klientel zugeschnitten ist. Chinesische Käufer, die in jüngerer Vergangenheit immer mehr auf den europäischen Wohnungsmärkten aktiv geworden sind, spielten für dieses Kalkül eine wichtige Rolle. Auch in Deutschland. Man kann es an den Schlagzeilen von Medienberichten ablesen. „Deutsche Wohnungen sind bei Chinesen heiß begehrt“ (FAZ), „Chinesen im Kaufrausch“ („SZ“), „Ansturm aus Fernost“ („Welt“) und „Chinesen kaufen im Taunus“ („FR“) – so und ähnlich titelten die Zeitungen. Dann kam Corona und traf erst China, danach den Rest der Welt. Und nun?

          Makler verzeichnen hohe Nachfrage

          Fragt man Marktbeobachter, hat sich der Immobilienkauf im Ausland für die chinesische Klientel keineswegs erledigt. „Seit die Menschen in China die Arbeit wiederaufgenommen haben, sind viele auch wieder auf der Suche nach Kaufgelegenheiten“, sagt Thomas Zabel, beim Immobilienberater JLL verantwortlich für die Sparte Residential Development Germany. Das Interesse an einer Immobilie im Ausland sei durch Corona eher noch gewachsen, behauptet er. JLL verzeichne eine deutlich höhere Nachfrage.

          „Die Pandemie hat den Chinesen keineswegs den Appetit an Käufen im Ausland verdorben“, konstatiert auch das asiatische Unternehmen Juwai IQI, das ebenfalls im internationalen Vermittlungsgeschäft tätig ist, in seinem Marktbericht für das erste Quartal. Reiseverbot, Quarantäne, geschlossene Konsulate und ausgefallene Notartermine – all das habe zwar den Transaktionen in den Monaten Januar bis März einen erheblichen Dämpfer versetzt. Verkäufe wurden abgesagt oder zumindest verschoben. Doch vor allem Bewohner der wichtigsten chinesischen Städte planten wieder ihre Zukunft – und dazu gehöre für viele auch der Kauf einer Immobilie im Ausland.

          Auf der Suche nach Kapitalanalgen

          „Die Motive dafür haben sich durch Corona ja nicht verändert, höchstens noch verstärkt“, erklärt Lin Dattner den ungebrochenen Drang ins Ausland. Seit zwölf Jahren vermittelt sie im Rhein-Main-Gebiet Immobilien an chinesische Kunden – aus der Volksrepublik oder an Expats, die in Deutschland oder anderswo im Ausland leben. Oft seien die Käufer Eltern, die in eine Wohnung für ihr Kind investierten, das hier studiere. „Es geht aber in erster Linie um eine Kapitalanlage“, erläutert Rechtsanwalt Rudolf Mikus von der Kanzlei Beiten Burkhardt, die sich schon vor einigen Jahren darauf spezialisiert hat, Kaufinteressenten aus Fernost entsprechend zu beraten. „Und es gibt keine vernünftigen Anzeichen dafür, dass der langfristige Trend gebrochen sein könnte.“ Denn was die chinesischen Käufer vor allem antreibt, ist der Wunsch, Geld sicher anzulegen. „Value Protection“, sagt Mikus.

          Als „sicher“ gelten Investments außerhalb Chinas. Wer sich eine Immobilie in Städten wie Schanghai oder Beijing zulegt, erwirbt kein Eigentum im hiesigen Sinn, sondern lediglich das Wohnrecht für siebzig Jahre. „Die Menschen haben außerdem Angst“, nennt Lin Dattner ein weiteres wesentliches Motiv. So fürchteten sie den Wertverfall der chinesischen Währung Yuan. Dazu kommt die politische Situation, mangelnde Rechtssicherheit, der Umgang der chinesischen Regierung mit Hongkong – und zwar schon lange vor dem neuen „Sicherheitsgesetz“, das die chinesische Regierung in dieser Woche erlassen hat. „Man kann schon von Kapitalflucht sprechen“, urteilt die Immobilienmaklerin. Nicht nur, dass Vermögen aus der Volksrepublik ins Ausland fließt, was wegen der Devisenbeschränkungen nicht so leicht ist. Chinesische Expats, die in der Vergangenheit einen Teil ihres Vermögens in China oder eben in Hongkong investiert hätten, suchten zunehmend anderswo nach Alternativen, sagt Dattner.

          Deutschland steht hoch im Kurs

          Die Marktbeobachter von Juwai IQI verfolgen, welche Länder dabei besonders hoch im Kurs stehen. Im ersten Quartal dieses Jahres registrierten sie ein sprunghaftes Interesse an Deutschland, vor allem aber an Griechenland. Dort, wo der chinesische Staatskonzern Cosco Shipping 2018 den Hafen von Piräus gekauft hat, wittern auch private Kapitalanleger ein gutes Geschäft. Die Hauptargumente, die Juwai anführt: eine vergleichsweise starke Wertentwicklung der Immobilien und „goldene Visa“. Das heißt, mit dem Kauf einer Immobilie haben die Käufer die Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung und perspektivisch auf einen EU-Pass. Eine Möglichkeit, mit der auch eine Reihe anderer EU-Staaten in der Vergangenheit schon chinesische Immobilienkäufer angezogen hat.

          Interessanterweise zählen auch die Vereinigten Staaten und Großbritannien zu den nach wie vor am stärksten nachgefragten Wohnungsmärkten, obwohl das Pandemie-Management beider Länder als eher schlecht gilt. Juwai IQI registrierte im Mai zwar für Großbritannien einen deutlichen Nachfragerückgang. „Die Nachfrage war aber immer noch fast 40 Prozent höher als im Januar“, sagt Executive Chairman Georg Chmiel. Er erklärt das so: „Die Art und Weise, wie ein Land auf das Coronavirus reagiert, hat zwar einen erheblichen Einfluss auf die Einstellung der Käufer, es ist jedoch nicht der einzige Faktor.“ Für chinesische Käufer würden zudem auch durch Wechselkurse günstige Finanzierungen, Marktzyklen, Lebensstil, Ausbildungsmöglichkeiten und langfristige Lebensentwürfe bei der Standortwahl eine Rolle spielen. Zudem ist die Bindung zwischen dem Vereinigten Königreich und der einstigen Kronkolonie Hongkong nach wie vor eng. Wie das Einbürgerungsangebot zeigt, das die Regierung in London Hongkonger Bürgern in dieser Woche gemacht hat.

          „Am Tacheles“: Die vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron entwickelten Pläne für ein Stadtquartier in Berlin Mitte stoßen auch bei chinesischen Käufern auf Interesse.
          „Am Tacheles“: Die vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron entwickelten Pläne für ein Stadtquartier in Berlin Mitte stoßen auch bei chinesischen Käufern auf Interesse. : Bild: Bloomimages

          So wundert es nicht, dass auch die großen Roadshows der Makler für neue Wohntürme und Apartmenthäuser trotz Reisebeschränkungen für die asiatische Klientel weiterlaufen. Jedoch werden die Objekte aus London, Frankfurt oder Sidney zurzeit nicht in Hotels in Schanghai oder Singapur präsentiert, sondern per Live-Stream. Erst vor wenigen Tagen hat das JLL-Büro Hongkong so das Berliner Projekt „Tacheles“ beworben.

          Das Investitionsverhalten ändert sich

          Während der britische Wohnungsmarkt trotz Corona chinesische Käufer anzieht, ist der Standort Deutschland gerade wegen der Pandemie attraktiver denn je. „Wir haben mit unserem Krisenmanagement im Ausland ein sehr gutes Bild abgegeben“, sagt JLL-Makler Zabel. „Deutschlands gutes Image hat das noch verbessert“, urteilt auch Lin Dattner. Besonders im Fokus der Investoren stehen laut Juwai Düsseldorf, München, vor allem aber Berlin. Inländische Vermittler zählen besonders Frankfurt dazu.

          Was die Makler auch beobachten: Die Käufergruppe hat sich verändert und mit ihr auch das Investitionsverhalten. Statt der Erstkäufer zieht es zunehmend versierte Investoren auf den deutschen Markt, die zu einem höheren Preis kaufen. „Es geht um Wertsicherung, nicht mehr um die Rendite“, sagt Immobilienvermittler Zabel. Seinen Angaben nach zahlten die Käufer in der Vergangenheit im Schnitt um die 500000 Euro. Jetzt werde deutlich mehr investiert: zwischen 750000 und 1,3 Millionen Euro je Einheit. Lin Dattner bestätigt das grundsätzlich und fügt an: „Den Käufern geht es nicht um Luxus.“ Penthäuser zum Beispiel stünden eher selten auf der Einkaufsliste. Typisch seien neuerdings Kunden wie jener chinesische Unternehmer aus Australien. Der Geschäftsmann habe sich an sie gewandt, weil er einen zweistelligen Millionenbetrag anlegen will – verteilt auf mehrere Immobilien.

          Einen Preisverfall hält Thomas Zabel angesichts des Interesses für unwahrscheinlich und wagt mit Blick auf die chinesischen Käufer die Prognose: „Die werden hier mehr kaufen als je zuvor.“

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