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Wie Kinder wohnen : Stubenhocker und Straßenkinder

Die Wohnung als Kosmos: Kleinkinder entdecken die Welt von Zuhause aus. Bild: Getty

Innenstadt, Vorort oder zehnter Stock? Wie Kinder wohnen, ist entscheidend für ihre Entwicklung. Welche Faktoren sind wichtig für eine sichere und vor allem glückliche Kindheit?

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          Keiner wird zu einem anderen Menschen, weil er ein Kind bekommt. Klar. Eigentlich. In Wirklichkeit ändert sich aber nicht nur alles, sondern jeder. Mit Blick auf ihre Nachbarschaft werden Eltern zu Spießern. Hat das Double-Income-No-Kids-Powercouple gerade noch vom alternativen Musikclub im Nebenhaus geschwärmt, ist er nun der Hort allen Übels. Schließlich sorgen seine Gäste für dauernden Nachschub an Glasscherben auf dem Spielplatz an der Ecke. Auch der kettenrauchende Nachbar aus dem zweiten Stock erscheint in ganz neuem Licht. Riss das kinderlose Paar bisher allenfalls Witze über seine vergilbten Gardinen, bedroht der Zigarettenqualm aus seiner Wohnung aus Sicht der jungen Eltern die Gesundheit des Babys.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kleine Kinder entdecken die Welt von der elterlichen Wohnung aus. Und je kleiner sie sind, desto mehr ist diese Wohnung ihre ganze Welt. Auch frischgebackene Eltern sind plötzlich zurückgeworfen auf ihre direkte Nachbarschaft, die vorher allenfalls als Kulisse fürs Abendprogramm diente. Früher reichte ihr Radius von Kopenhagen bis Denver, in den ersten Monaten nach der Geburt allenfalls vom Krabbeltreff bis zur Drogerie. Die Wohnung, für arbeitende kinderlose Paare oft nicht mehr als Schlafstätte und Klamottenlager, wird zum Lebensmittelpunkt.

          Hundekot und benutzte Spritzen im Sandkasten

          Dass sich viele Menschen die Frage, wie und wo sie wohnen wollen, zum ersten Mal stellen, wenn sie Kinder bekommen, liegt jedoch nicht nur daran, dass junge Familien so viel Zeit zu Hause verbringen. Wie ein Kind wohnt, hat große Auswirkungen auf seine Entwicklung, das haben in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Studien belegt. Wer wenig Platz zur Verfügung hat, erhöht das Konfliktpotential innerhalb der Familie. Zu fünft auf 70 Quadratmetern lässt sich dem Bobbycar des Dreijährigen und der lauten Musik des Teenagers schlechter ausweichen als auf 140 Quadratmetern. Wer im zehnten Stock wohnt, muss sein Kind immer auf den Spielplatz vor dem Haus begleiten, während die Familien aus dem Erdgeschoss ihren Nachwuchs aus dem Küchenfenster heraus im Blick haben. Eltern in hellhörigen Wohnungen neigen dazu, ihre Kinder stärker zu kontrollieren, um die Nachbarn nicht zu nerven. „Beengte Wohnverhältnisse gehen mit einem eher restriktiven Erziehungsstil einher“, sagt die Wohn- und Architekturpsychologin Antje Flade.

          Jahrzehntelang reagierten Eltern auf den erhöhten Platzbedarf mit Flucht: in den Vorort, wo das Häuschen mit Garten lockte, oder gleich raus aufs Land, wo der Baugrund richtig günstig war.

          Es ist ein relativ junges Phänomen, dass Mittelschichtsfamilien in den Innenstädten bleiben und sie nach ihren Vorstellungen gestalten - nicht ohne Konflikte mit den Alteingesessenen, deren Sorgen über steigende Mieten mit jedem 1000-Euro-Kinderwagen im Hausflur zunehmen. Gründe für diese Reurbanisierung gibt es viele: Wenn beide Eltern arbeiten, müssen die Wege kurz und die Kinderbetreuung gut sein. Das ist eher mittendrin als 50 Kilometer vor der Stadt der Fall. Am besten erschließt sich das Phänomen jedoch, wenn man einen Blick auf Großstadt-Spielplätze wirft. Vor 30 Jahren waren das meist trostlose Erdflecken mit kaputter Schaukel und verrosteter Rutsche. Wer in der Sandkiste buddelte, fand Hundekot und benutzte Spritzen.

          Die „verhäuslichte Kindheit“ der heutigen Zeit

          Heute sind nicht nur die Spielplätze selbst viel einladender, sondern auch in der Planung von Flussufern, Parks und Grünanlagen werden nicht nur Rabatten für Geranien, sondern auch Freiflächen für Kinder bedacht. Die Zeiten, in denen in städtischen Parks ein „Betreten verboten“-Schild das Rumtoben auf dem englischen Rasen untersagte, sind jedenfalls vorbei.

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