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Wie Kinder wohnen : Stubenhocker und Straßenkinder

Doch auch wenn die Spielplätze schöner geworden sind, ist allein das Wort ein Synonym dafür, wie radikal sich die Umwelt in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat: Den Kindern wird ein spezieller Platz zugewiesen, an dem sie sich austoben dürfen - im Umkehrschluss gehört der Rest der Stadt den Erwachsenen. Wer mit Vertretern der Nachkriegsgeneration spricht, wird das Gefühl nicht los, dass früher die ganze Stadt ein großer Spielplatz war: mit Trümmergrundstücken als verbotenen Gärten, unendlichen Hinterhöfen und unbegradigten Bachläufen, an denen Staudämme gebaut wurden. Nicht in der Schule zu sitzen bedeutete, draußen zu spielen - ohne elterliche Aufsicht, dafür aber mit einer ganzen Horde anderer Kinder, mit denen es das Quartier zu erobern galt. In solchen Schilderungen schwingt auch immer eine Spur nostalgische Verklärung mit.

Der Raum, den Kinder alleine entdecken können, ist im Laufe der Jahre immer mehr geschrumpft. Psychologin Flade spricht von der „verhäuslichten Kindheit“ der heutigen Zeit im Vergleich zur „Straßenkindheit“ früherer Jahrzehnte. „Mit der zunehmenden Motorisierung sind die Kinder immer mehr in geschützte Räume gedrängt worden“, sagt Flade. Der starke Ausbau des Autoverkehrs Anfang der siebziger Jahre habe alles radikal verändert. Entsprach 1970 die Zahl der Autos noch in etwa der Zahl der Kinder unter 15 Jahren, kommen heute auf jedes Kind etwa drei Autos.

„Wir leben hier ein bisschen wie früher auf dem Dorf“

Gerade für kleine Kinder bedeutet Autoverkehr eine Gefahr, der Eltern durch verstärkte Kontrolle begegnen: Selbst Grundschulkinder werden noch überallhin begleitet, zum Spielen trifft man sich nicht mehr auf der Straße, sondern zu Hause - natürlich im Vorhinein von den Eltern verabredet.

Doch auch den Eltern, die das Heil in der Stadtflucht suchen und auf dem Land auf mehr Freiheit für ihre Kinder hoffen, nimmt Flade die Illusion: „Dort ist zwar mehr Platz, dafür wohnen die Spielkameraden jedoch oft kilometerweit entfernt.“ Spontanes Spielen auf der Straße ist auch dort nicht immer möglich. Da Kinder aber am liebsten mit anderen Kindern die Welt erobern, werden die Eltern automatisch zum Fahrdienst: zur Verabredung am Nachmittag, zum Flötenunterricht, ins Schwimmbad.

Es sieht nicht so aus, als werde sich die Entwicklung bald umkehren. Im Gegenteil. Wegen der Wohnungsnot stehen in den Städten die Zeichen auf Nachverdichtung. Auch die letzten vorhandenen Freiflächen verschwinden. Das Land hingegen altert. Spielkameraden für die dort lebenden Kinder bleiben rar. Immer mehr Familien versuchen in Baugruppen, einen geschützten Raum für ihre Kinder zu schaffen, der größer ist als die eigene Wohnung. Der Verein „Wohnen mit Kindern“ initiiert in ganz Deutschland familienfreundliche Wohnprojekte. Karin Wichelhaus lebt in einem davon, dem Qbus in Düsseldorf. Dort sind von 90 Bewohnern nicht nur 40 Kinder, sondern es gibt neben den eigenen Wohnungen auch noch einen großen Gemeinschaftsgarten, einen Werkraum und Mittagstisch für Schulkinder. „Wir leben hier ein bisschen wie früher auf dem Dorf“, sagt Wichelhaus - mit Gruppen von Kindern, die durch den Garten streifen und sich spontan zum Kicken treffen. Doch gibt es dort auch Freiräume wie Felder oder Brachen, die Kinder ohne Aufsicht der Eltern entdecken können? Wichelhaus überlegt. „Bis vor kurzem gab es gegenüber ein leeres Grundstück, auf dem die Kinder herumgestreunt sind.“ Nun wird dort aber gebaut. Ein weiteres „Wohnen mit Kindern“-Projekt für 30 Familien entsteht. Die Zeiten der Straßenkindheit sind vergangen. Aber die Sehnsucht danach ist in vielen Familien geblieben.

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