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Wohnpsychologie : „Es herrscht eine gewisse Unverblümtheit“

  • Aktualisiert am

Bild: Andreas Weishaupt

Wohnpsychologe Uwe Linke im Gespräch über verräterische Details in deutschen Wohnstuben, Distanztypen und dominante Frauen

          4 Min.

          Herr Linke, im Fernsehen funktioniert Wohnpsychologie so: Sie besichtigen eine Wohnung und schließen daraus, was für ein Mensch der Bewohner ist. Machen Sie das auch bei Ihren Kunden?

          Nein, das ist Show. Zwar kann ich auch aus einer Wohnung, über deren Bewohner ich nichts weiß, Rückschlüsse auf ihn ziehen. Aber normalerweise arbeite ich anders. Mit viel mehr Zeit und Analyse. Alles, was ich bei einem Vorortbesuch sehe, nehme ich auf, aber anders als im Fernsehen, deute ich es nicht sofort. Vielmehr trage ich Merkmale zusammen. Die ergeben dann ein Bild.

          Die Wohnung als Spiegel der Seele?

          Ja. Von Fritz Riemann (ein Psychoanalytiker, Anmerkung der Redaktion) stammt die Unterscheidung in vier Grundtypen, als da sind der Nähetyp, der Distanztyp, der Dauertyp und der Veränderertyp. An dieser Einteilung orientiere ich mich unter anderem. Denn auch im Wohnstil findet man dazu Entsprechungen - es sei denn, durch die Einrichtung wird etwas kompensiert und ein gegenteiliger Anschein geweckt.

          Darauf können wir gleich noch kommen. Können Sie uns bitte zunächst kurz beschreiben, was diese vier Typen in Bezug auf ihre Einrichtung auszeichnet?

          Auf die Kürze geht das natürlich nur mit Zuspitzung. Charakteristisches lässt sich sicher am Lieblingsplatz eines Menschen ablesen. Der Nähetyp liebt es gemütlich, weiche Stoffe und warme Farben müssen es für ihn sein. Wählt er einen Sessel, ist dieser eher massiv als filigran. Der Distanztyp bevorzugt Leder, entweder Schwarz, Zigarrenbraun oder auch Weiß - und auf jeden Fall klare Formen. Der Dauertyp hat oft ein Faible für Antiquitäten. In jedem Fall wird sein Lieblingssitzplatz nicht durch exzentrisches Design überraschen. Gute Beleuchtung und ein Ablagetisch dürfen nicht fehlen. Darauf kommt es dem Veränderertyp weniger an. Er legt sich ohnehin nicht gerne fest. Der Sitzplatz muss für ihn vor allem ein echter Hingucker sein - und in der Regel trendig.

          Und von diesen vier Grundtypen ausgehend, nehmen Sie die ganze Wohnung in den Blick?

          Ich achte darauf, ob die Wände farbig sind oder neutral, auf die Möblierung, den Grad der Ordnung und die Fenster.

          Was gibt es denn an den Fenstern zu sehen?

          Interessant ist für mich, wie und ob sie gestaltet sind. Je nachdem wie geschützt die Fenster sind - durch Rollos, Stores, Vorhänge, Gardinen -, sagt das etwas über die Kommunikationsfreude des Bewohners. Die Fenstergestaltung ist da ein wirklich aufschlussreiches Indiz.

          Inwiefern?

          Grundsätzlich interessant ist, dass sich unverhüllte Fenster in Deutschland seit geraumer Zeit immer mehr durchsetzen. Das war hierzulande ja mal anders. Lange hat vor allem das gehobene Bürgertum durch dekorative Elemente wie schwere Vorhänge aus dem Raum mehr zu machen versucht, als eigentlich vorhanden war. Doch Textilien werden insgesamt weniger verwendet. Es herrscht eine gewisse Unverblümtheit. So wie man sich nicht mehr bemüht, Botschaften in schöne Worte zu verpacken, und direkter kommuniziert, werden auch die Fenster zunehmend unverhüllter.

          Und was heißt das in Bezug auf den Bewohner?

          Textilien stehen für Wärme, Nähe und Gemütlichkeit. Die Fenster einer Wohnung sind die Verbindung zur Außenwelt. Wer also die Fensterdeko weglässt, erlaubt den Einblick und nimmt in Kauf, beobachtet zu werden. Das kommt einem Verlust von Intimität gleich, aber auch ein Zurschaustellen könnte der Grund sein.

          Sie haben vorhin erwähnt, dass manchmal der Stil einer Wohnung gar nicht dem Wesen des Bewohners entspricht, sondern - wenn man so will - eine Verkleidung ist. Woran merken Sie das?

          Das kann auf unterschiedliche Weise deutlich werden. Oftmals ist es etwas, was in krassem Gegensatz zum Gesamtbild steht, ein verräterisches Detail. Das kann alles Mögliche sein. Ein ausdrucksvolles Gemälde neben dem Bett, während an den übrigen Wänden unpersönliche, kühle Kunstdrucke hängen. Ein prominent plazierter Chef-Schreibtisch, obwohl der Besitzer zu Hause gar nicht arbeitet. Oder auch eine Sammlung: Tassen, Schnapsfläschchen, Frösche, Puppen. Das ist eine ganz eigene Sache.

          Uwe Linke

          Wie bewerten Sie das?

          Es geht nicht um Wertung. Es geht darum, was für eine Bedeutung die Sammlung für ihren Besitzer hat, um sein Selbstbild, seine Bedürfnisse und um die Frage, was er verändern muss, damit er sich in seiner Wohnung wohl fühlt.

          Und das sagen Sie ihm?

          Zunächst einmal haben meine Kunden alle den Wunsch, etwas zu verändern, sonst würden sie sich ja nicht an mich wenden. Ich forciere, dass der Kunde sich mit seinen Wohnräumen auseinandersetzt. Helfe ihm, sich vorzustellen, wie etwas aussehen könnte, welche Konsequenzen das hat. Es geht um den Prozess, darum, die Bedürfnisse zu erkennen.

          Sie sind gelernter Modedesigner und Therapeut. Da können Sie ja gleich ein passendes Raumkonzept für Ihre Auftraggeber liefern ...

          Nein, ich zaubere nicht - wie mancher Innenarchitekt - ein Konzept aus der Tasche. Ich schreibe nichts vor. Es geht nicht darum, was ich für geeignet, schön, wünschenswert und so weiter halte, sondern darum, dass der Bewohner erkennt, was für ihn wichtig ist. Die Erwartung „Machen Sie mal, Sie haben freie Hand“ erfülle ich nicht. Das ist nicht meine Rolle.

          Wie gehen Sie denn vor?

          Ich sehe das Haus, die Wohnung. Ich spreche mit den Bewohnern und bringe sie dazu, sich Fragen zu stellen: Warum habe ich diese Gegenstände? Gibt es einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann? Mag ich die Farbe an den Wänden? Oder ist mir eine neutral weiße Wand lieber? Ob das eine am Ende kitschig oder das andere gesichtslos wirkt, ist nicht entscheidend, sondern ob der Bewohner herausgefunden hat, was zu ihm passt. Es geht um Harmonie.

          Klingt nach Feng Shui.

          Stimmt, aber Feng Shui ist mir zu dogmatisch. Ich harmonisiere nicht einen Raum für sich, sondern versuche eine tiefgehende Stimmigkeit und Harmonie zu erreichen - mit den Defiziten der Bewohner. Individualität bliebe sonst unberücksichtigt.

          In Ihrem jüngsten Buch beschäftigen Sie sich mit Männer-Wohnungen. Ist es nicht ein Klischee, dass Männer anders wohnen?

          Grundsätzlich nicht. Natürlich gilt auch hier die Einzelfallbetrachtung. Aber Männer wohnen schon anders als Frauen. Ihnen ist es weit weniger wichtig, ihre eigenen vier Wände zu gestalten - wir sprechen jetzt nicht über Architekten und kreative Künstlertypen. Auch zwischen heterosexuellen und homosexuellen Männern muss man in dieser Frage wohl unterscheiden. Aber für den Durchschnitts-Heteromann gilt: Er hat häufig wenig Interesse an einer gemütlichen Wohnung oder völlig andere Maßstäbe.

          Das heißt, er stellt seine Einrichtung weitgehend willkürlich zusammen?

          Genau. Er orientiert sich pragmatisch am Bedarf. Andererseits sind es vor allem Männer, die die Design-Klassiker wie die Corbusier-Liege kaufen. Das hat damit zu tun, dass Männer gern Statussymbole herzeigen. Mit entsprechender Übung kann man in den meisten Fällen erkennen, ob eine Wohnung von einem Mann oder einer Frau bewohnt wird.

          Bei Paaren dominiert dann die Frau mit ihrem Gestaltungsdrang?

          Ja, sie setzen sich ja auch mit dem Thema Wohnen auseinander und bestimmen, wie es sein soll und was ihnen ins Haus kommt. Männer lassen sich das meist gern gefallen. Kritisch wird es allerdings, wenn einer zu sehr seinen Stil durchsetzen will und dem anderen Dinge, die diesem wichtig sind, nicht lassen kann. Da geht es um Anerkennung. Ein Bild, eine Truhe, an denen persönliche Erinnerungen hängen. Die sollten in einem gemeinsamen Zuhause einen Platz haben. Auch, wenn sie einem von beiden nicht gefallen.

          Das Gespräch führte Birgit Ochs.

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