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Wohnpsychologie : „Es herrscht eine gewisse Unverblümtheit“

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Das kann auf unterschiedliche Weise deutlich werden. Oftmals ist es etwas, was in krassem Gegensatz zum Gesamtbild steht, ein verräterisches Detail. Das kann alles Mögliche sein. Ein ausdrucksvolles Gemälde neben dem Bett, während an den übrigen Wänden unpersönliche, kühle Kunstdrucke hängen. Ein prominent plazierter Chef-Schreibtisch, obwohl der Besitzer zu Hause gar nicht arbeitet. Oder auch eine Sammlung: Tassen, Schnapsfläschchen, Frösche, Puppen. Das ist eine ganz eigene Sache.

Uwe Linke

Wie bewerten Sie das?

Es geht nicht um Wertung. Es geht darum, was für eine Bedeutung die Sammlung für ihren Besitzer hat, um sein Selbstbild, seine Bedürfnisse und um die Frage, was er verändern muss, damit er sich in seiner Wohnung wohl fühlt.

Und das sagen Sie ihm?

Zunächst einmal haben meine Kunden alle den Wunsch, etwas zu verändern, sonst würden sie sich ja nicht an mich wenden. Ich forciere, dass der Kunde sich mit seinen Wohnräumen auseinandersetzt. Helfe ihm, sich vorzustellen, wie etwas aussehen könnte, welche Konsequenzen das hat. Es geht um den Prozess, darum, die Bedürfnisse zu erkennen.

Sie sind gelernter Modedesigner und Therapeut. Da können Sie ja gleich ein passendes Raumkonzept für Ihre Auftraggeber liefern ...

Nein, ich zaubere nicht - wie mancher Innenarchitekt - ein Konzept aus der Tasche. Ich schreibe nichts vor. Es geht nicht darum, was ich für geeignet, schön, wünschenswert und so weiter halte, sondern darum, dass der Bewohner erkennt, was für ihn wichtig ist. Die Erwartung „Machen Sie mal, Sie haben freie Hand“ erfülle ich nicht. Das ist nicht meine Rolle.

Wie gehen Sie denn vor?

Ich sehe das Haus, die Wohnung. Ich spreche mit den Bewohnern und bringe sie dazu, sich Fragen zu stellen: Warum habe ich diese Gegenstände? Gibt es einen Ort, an den ich mich zurückziehen kann? Mag ich die Farbe an den Wänden? Oder ist mir eine neutral weiße Wand lieber? Ob das eine am Ende kitschig oder das andere gesichtslos wirkt, ist nicht entscheidend, sondern ob der Bewohner herausgefunden hat, was zu ihm passt. Es geht um Harmonie.

Klingt nach Feng Shui.

Stimmt, aber Feng Shui ist mir zu dogmatisch. Ich harmonisiere nicht einen Raum für sich, sondern versuche eine tiefgehende Stimmigkeit und Harmonie zu erreichen - mit den Defiziten der Bewohner. Individualität bliebe sonst unberücksichtigt.

In Ihrem jüngsten Buch beschäftigen Sie sich mit Männer-Wohnungen. Ist es nicht ein Klischee, dass Männer anders wohnen?

Grundsätzlich nicht. Natürlich gilt auch hier die Einzelfallbetrachtung. Aber Männer wohnen schon anders als Frauen. Ihnen ist es weit weniger wichtig, ihre eigenen vier Wände zu gestalten - wir sprechen jetzt nicht über Architekten und kreative Künstlertypen. Auch zwischen heterosexuellen und homosexuellen Männern muss man in dieser Frage wohl unterscheiden. Aber für den Durchschnitts-Heteromann gilt: Er hat häufig wenig Interesse an einer gemütlichen Wohnung oder völlig andere Maßstäbe.

Das heißt, er stellt seine Einrichtung weitgehend willkürlich zusammen?

Genau. Er orientiert sich pragmatisch am Bedarf. Andererseits sind es vor allem Männer, die die Design-Klassiker wie die Corbusier-Liege kaufen. Das hat damit zu tun, dass Männer gern Statussymbole herzeigen. Mit entsprechender Übung kann man in den meisten Fällen erkennen, ob eine Wohnung von einem Mann oder einer Frau bewohnt wird.

Bei Paaren dominiert dann die Frau mit ihrem Gestaltungsdrang?

Ja, sie setzen sich ja auch mit dem Thema Wohnen auseinander und bestimmen, wie es sein soll und was ihnen ins Haus kommt. Männer lassen sich das meist gern gefallen. Kritisch wird es allerdings, wenn einer zu sehr seinen Stil durchsetzen will und dem anderen Dinge, die diesem wichtig sind, nicht lassen kann. Da geht es um Anerkennung. Ein Bild, eine Truhe, an denen persönliche Erinnerungen hängen. Die sollten in einem gemeinsamen Zuhause einen Platz haben. Auch, wenn sie einem von beiden nicht gefallen.

Das Gespräch führte Birgit Ochs.

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