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Wohnprojekt in Italien : Jetzt bleiben auch die jungen Leute im Dorf

  • -Aktualisiert am

2004 sind die ersten Bewohner in die barrierefreien Appartements gezogen. Bild: Maria Teresa Ferrari

Ein ungewöhnliches Wohnprojekt in der Emilia-Romagna gibt nicht nur den betagten Bewohnern Geborgenheit. Seitdem die Alten dort bleiben, bietet das Bergdorf auch den Jungen wieder eine Perspektive.

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          Die schmale Straße schlängelt sich, gesäumt von Apfelbäumen mit tiefhängenden Ästen, hinauf in die Ausläufer des Apennin. Sieben Kilometer sind es von der Landstraße in das Dorf Tiedoli, das zur Kreisstadt Borgotaro in der Emilia-Romagna gehört: Im Ortskern eine imposante Kirche, eine Bar, hinter Bäumen versteckte Häuser und „Le case di Tiedoli,“ ein Pilotprojekt, in dem Menschen zwischen 55 und 90 Jahren selbständig, aber mit Unterstützung, zusammenleben. Bevor die Bewohner in die Apartments einzogen, haben sie in den Tälern in ebenso abgelegenen Dörfern gewohnt.

          Es ist Sonntag kurz vor elf Uhr, als der Duft nach Gebratenem über die Piazza dringt. Altenpflegerin Francesca schiebt Signora Rina im Rollstuhl durch den Garten. Die freut sich auf das Mittagessen, auch wenn wegen der Covid-Schutzmaßnahmen keine Verwandten oder Freunde dazu eingeladen sind. Heute gibt es Pasta mit Paprika, Würste mit Spinat, auf allgemeinen Wunsch auch Apfelkuchen.

          Die Verbliebenen halten zusammen

          Katze Belluccia springt protestierend zur Seite, als Don Lelio Costa mit seinem Fiat sportlich die letzte Kurve nimmt. Der gepflasterte Platz vor der Kirche hat sich bereits mit Menschen gefüllt. Auch Marino, mit 55 der jüngste Bewohner, ist unter den Besuchern der Messe. Covid hat vieles verändert, weil Don Lelio nicht wie früher zuerst zu den Bewohner hinübergeht. Der Pfarrer, selbst 85 Jahre alt, hat das Wohnprojekt für Ältere von Anfang an begleitet und unterstützt.

          Initiiert hat es Mario Tommasini, frühere Sozialdezernent der Provinz Parma, der mittlerweile jedoch verstorben ist. Tiedoli zählte zu Beginn des Jahrtausends noch 32 Einwohner. Viele Dorfbewohner waren ausgewandert, das Dorf schien ohne Perspektive. Seine einzigen Vorzüge waren die unberührte Landschaft und der Zusammenhalt der Verbliebenen. Doch wie wäre es, hatte Tommasini sich überlegt, wenn die Alten nicht mehr ins Altenheim in die Stadt zögen? Wenn man hier eine Betreuung schaffen könnte, die menschlicher und kostengünstiger wäre? Vielleicht der Verbleib der Alten sogar eine Perspektive für die junge Generation bieten könnte?

          Don Lelio Costa begleitet das ungewöhnliche Projekt.
          Don Lelio Costa begleitet das ungewöhnliche Projekt. : Bild: Maria Teresa Ferrari

          Don Lelio Costa weiß noch, wie schwierig es war, am Anfang alle Akteure an einen Tisch zu bekommen. Die gelungene Vernetzung von Kommune und Pfarrgemeinde, von ehrenamtlichen Helfern und Pflegedienst ist die Voraussetzung fürs Gelingen eines solchen Konzepts. Gut 300000 Euro bekamen die Projektpartner als Anschubfinanzierung zusammen. Das reichte, um halbverfallene Ställe in der Dorfmitte in sechs barrierefreie Apartments umzubauen. Hier sollten die Älteren selbständig leben können, aber mit der Gewissheit, bei Bedarf versorgt zu sein. Zudem sollte weitere Abwanderung verhindert werden – ein Problem, mit der nicht nur die ländlichen Regionen Italiens, sondern auch die in Deutschland zu kämpfen haben. Gegenüber den Apartments entstand eine „Infermeria“, eine Sozialstation, die aber inzwischen das Wohnhaus von Alltagsbegleiterin Roxana ist. Sie kauft ein, kocht und betreut die Bewohner, stundenweise unterstützt vom auf Pflege und Hauswirtschaft spezialisierten Personal einer Kooperative.

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