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Wohnprojekt in Italien : Jetzt bleiben auch die jungen Leute im Dorf

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2004 zog die erste Bewohnergeneration in die barrierefreien Apartments ein. Sie sind für ein bis zwei Personen eingerichtet, mit Wohnküche, Schlafzimmer, Bad und Abstellraum. Es war nicht einfach, die Ersten von dieser Lösung zu überzeugen. Schließlich ging der ehemalige Dorflehrer mit gutem Beispiel voran. Niemand zieht im Alter gern freiwillig um, doch es war abzusehen, dass der 83 Jahre alte Mann und sein kranker Bruder nicht mehr lange auf ihrem abgelegenen Hof leben konnten. In den „case di Tiedoli“ konnten beide so selbständig leben wie zuvor, mit der Sicherheit, versorgt zu sein. Don Lelio Costa kennt alle bisher 47 Personen, die in den „case di Tiedoli“ lebten – und hier auch gestorben sind.

Alle essen zusammen

Wichtig war von Anfang an die Verbindung zum Altenheim in Borgotaro mit seinen knapp fünfzig Plätzen, das ebenfalls von der Kooperative Aurora betreut wird. Wer medizinische Pflege und nicht nur Unterstützung braucht, wird dort untergebracht. Man kennt sich untereinander: Vor dem Ausbruch der Pandemie kamen die noch selbständigen Bewohnerinnen und Bewohner zweimal die Woche zum Kartenspielen und Zeitvertreib nach Tiedoli.

Der Arbeitstag von Betreuerin Roxana beginnt um acht Uhr, wenn sie das Frühstück für alle bereitet. Zurzeit leben vier Männer und zwei Frauen hier. Es gab Zeiten, da jeder für sich frühstückte und zu Mittag aß, denn jedes Apartment verfügt über eine ausgestattete Küche. Aber die vier Männer können nicht kochen, und inzwischen lassen sich alle gern von Roxana versorgen, die – obwohl in der Ukraine geboren – die typisch emilianischen Gerichte kocht. Sie lerne unablässig von den alten Menschen, erklärt Roxana, zum Beispiel, wenn ein Bewohner nach dem Stand der Wolken das Wetter deutet oder Schlüsse aus dem Flug der Bienen zieht. Das sind die Dinge, die auf dem Land wichtig sind: die Erde, die Sonne, der Wind. Wichtig ist auch, dass sich die Gemeinschaft mitten im Dorf befindet. Jeder, der im Ort wohnt, kommt vorbei, und jeder kommt gern.

Das Leben der Bewohner Rina, Teresa, Marino, Luigi, Angelo und Corrado verläuft in der Gemeinschaft, und wie wichtig die ist, erlebt Roxana auch, wenn jemand verstorben ist. Die Verwandten rufen auch weiterhin zu den Feiertagen an, erkundigen sich nach dem Wohl der anderen.

Zu Roxanas Begleitung im Alltag kommen weitere drei Stunden Hilfe am Tag beim Waschen und Anziehen und bei der Wohnungsreinigung sowie wöchentlich sechs Stunden für das, was man hier animazione nennt. Dazu kommt das Pflegepersonal der Kooperative Aurora herauf. Die Bewohner zahlen 600 Euro für Miete und Grundbetreuung, was sich auf 700 Euro erhöht, wenn der Wohnsitz außerhalb der Kommune Borgotaro lag. Die Kommune trägt etwa den gleichen Betrag dazu bei. Nebenkosten zahlt jeder selbst. Roxana kauft für alle ein, was etwa 180 bis 200 Euro pro Person im Monat ausmacht. Der monatliche Betrag von 600 bis 700 Euro setzt sich aus der niedrigen Sozialmiete und den Betreuungskosten zusammen, die aufgrund der Flexibilität ebenfalls niedrig sind. Die Kommune ist Träger des Projekts „Le case di Tiedoli“, die Kooperative Aurora stellt das Personal.

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