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© Stefan Finger

Ins Schloss gewagt

Von STEFANIE VON WIETERSHEIM

29.07.2016 · Junge Leute in alten Häusern: Von Glück, Passion und dem Fluch, in einem historischen Gemäuer zu leben.

Das Klo im Schrank, eiskalte Flure, verfaultes Dachgestühl und Nachbarn, die ihren Schrott auf dem Hof entsorgen. Ständig Geldsorgen, keine Ferien im Süden. Dafür Hausgäste, die beim nächtlichen Wechsel der Schlafzimmer über die halbzerfetzten Wildschweinfelle des Großvaters fallen und ins weit entfernte Krankenhaus gefahren werden müssen – die Liste der alltäglichen Mühsal in Schlössern kann schier unendlich sein. Die Liste der Freuden aber auch. Und deswegen träumen viele Menschen heimlich oder gar nicht so heimlich davon, in einem Schloss, einer Burg oder wenigstens einem Gutshaus zu leben. Die weichgezeichnete Zuckergussvision ähnelt meist einer Sonntagabendromanze im ZDF: Liebe im Rosengarten, Sherry am Kamin, Nacht im Himmelbett.

Also, warum nicht: Statt Loft in Berlin, Reihenhaus in Ebersberg oder Vierzimmerwohnung in Stuttgart ein – Schloss? Wenn jedoch der Trailer mit den schmelzenden Geigentönen im Kopf verklungen ist, erinnern sich die meisten daran, dass die Zeiten von Downtown-Abbey-Herrlichkeit auch in Deutschland seit den beiden Weltkriegen vorbei sind. Und man ahnt, dass für Normalverdiener selbst ein kleines, abgelegenes Schloss wahrscheinlich der Ruin ist und das Ganze ohnehin eine total spinnerte Idee. Aber dennoch, der Traum bleibt.

Aber wie geht es Familien, die ihn sich erfüllt haben und in einem großen historischen Gemäuer leben? Menschen, die ein solches Haus geerbt haben. Und Menschen, die es gekauft haben: die Familien Hammerstein und Löbbecke. Zwei Ortstermine, zwei Lebensentwürfe, die dezidiert um ein altes Haus herum gebaut werden.

Allein zu Löbbeckes zu kommen ist mühselig. Sie wohnen am Rande der Harzhügel in Sachsen-Anhalt. Wir passieren eine Allee und noch eine Allee, dann noch eine Kurve, ein Rapsfeld, holpriges Kopfsteinpflaster, ein Plattenweg aus DDR-Zeiten – uff. Dann da. Ein Gut außerhalb von Halberstadt, wie aus der Zeit gefallen: Im Zentrum des Ensembles das dottergelbe Haupthaus mit grauen Fensterläden aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von massiven Hofgebäuden. Ein wenig Fontane, ein wenig Zonenrandgebiet, ein wenig „Landlust“-Flair. Die stolze Domstadt in der Ferne war im Mittelalter eines der kulturellen Zentren des Heiligen Römischen Reiches. Heute kämpft sie mit Strukturproblemen wie so viele Städte im Osten.

© Stefan Finger Herrenhaus in Dottergelb: Gut Mahndorf bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt

„Wir haben hier vor zwei Jahren mit null angefangen“, sagt Nicolaus von Löbbecke, 50 Jahre, und blickt von der Terrasse aus in den Park hinter dem Gutshaus. Neben ihm sitzt seine Frau Yvonne, 45 Jahre, um sie die vier Kinder Ferdinand, Leopold, Benedikt und die kleine Amélie. Je länger sie ihre Lebens- und Hausgeschichte erzählen, umso deutlicher schiebt sich ein Wort vor das innere Auge: Idealisten. In Großbuchstaben. Denn diese Menschen brennen für eine ganz eigene Vorstellung vom idealen Leben: Platz und Zeit zu haben für einen kreativ gestalteten Alltag, in dem Familie, Freunde, Nachbarn und Gäste in einer besonderen Lebenskultur miteinander verknüpft sind. Eine weit gefasste Art der Hausgemeinschaft, eine großflächige WG für Fortgeschrittene auf einem historischen Areal.

„Wir möchten nicht einfach die ganze Anlage restaurieren, sondern die Tür bildlich und physisch aufmachen. Der Region sagen: Wir sind da, kommt auch her!“, erzählt Nicolaus von Löbbecke. „Unser Ziel ist es, das Konzept des Salons neu zu beleben, Menschen zu Konzerten und literarischen Abenden zusammenzuholen, miteinander zu diskutieren und zu essen“, erklärt er. „Hier gibt es keine Sperrschilder im Garten und auf dem Hof, wir leben öffentlich.“

Löbbeckes lieben es, Menschen um sich zu haben, das spürt man. Zehn Jahre lebten sie zuvor am Niederrhein. Ein großer Freundeskreis, feste Bindungen, ein romantischer Vierkanthof als Heim. All das gaben sie auf und zogen 2014 zu sechst erst einmal in eine Zweizimmerwohnung in das 100-Seelen-Dorf und begannen einen Teil des Gutshauses für sich zu renovieren. Dazu Nebengebäude, auf 18 Hektar Park und Hof. „Es war ein totaler Neuanfang, und ich kam in eine selbst gewählte Einsamkeit, da Nicolaus ja in der Woche noch am Niederrhein arbeitete“, sagt Yvonne. Auch ihr Ehemann begann noch einmal ganz neu. In der strukturarmen Gegend gab es keinen passenden Job für ihn, und da zum Haus kein Land mehr gehört, das ein regelmäßiges Einkommen bringt, arbeitet er weiterhin im Westen, um Geld für die sechsköpfige Familie zu verdienen. Er steht montags um halb vier in der Früh auf, fährt fast 500 Kilometer und kommt Donnerstagnacht wieder.

  • © Stefan Finger Das Wohnzimmer der Familie von Löbbecke
  • © Stefan Finger Familie von Löbbecke mit ihren drei Söhnen und Töchterchen Amélie
  • © Stefan Finger Flur der Familie von Löbbecke

„Wir haben diesen Besitz nicht geerbt, sondern ihn uns bewusst ausgesucht“, sagt der Hausherr. „Dass es ein alter Löbbeckscher Kasten ist, ist natürlich besonders schön. Aber das war nicht mein Hauptgrund, ihn zu kaufen.“ Seine Frau widerspricht: „Wenn du mir gesagt hättest, dass du ein Haus in Sachsen oder Brandenburg kaufen willst, hätte ich das nicht gemacht! Wir hatten schon drei Söhne und damit eine Vision, dass es ein echter Familienbetrieb wird.“ Sie kauften 2012 das Haus von Nicolaus’ Bruder Konstantin, der es nach der Wende erworben und mit seiner Frau Isa bewirtschaftet hatte. Mahndorf war nicht irgendein „Haus mit Charme und großem Potential“ aus dem Maklerschaufenster für Landhäuser, sondern ein Ort, an dem Vorfahren ihre Spuren hinterlassen hatten, seitdem der Kaufmann Wilhelm Löbbecke das Gut im Jahr 1828 gekauft hatte. Damals errichtete er das bis heute erhaltene Gutshaus und den Landschaftspark. 1945 wurde der Besitz enteignet, dann folgte der typische Lebenslauf eines Gutshauses zu DDR-Zeiten, wenn es nicht zerstört wurde: Jugendclub, Kindergarten, Kneipe. Trotz der Aufbauleistung von Nicolaus’ Bruder waren viele Gebäude in einem schlechten Zustand. „Eine Mischung aus Fünfziger- und Siebziger-Jahre-DDR-Charme, lauter Schrott, und dazu gab es Probleme mit Altmietern. Wir mussten das Zusammenleben erst einmal neu strukturieren, und ich habe wochenlang Gebäude von Schutt befreit, der immer wieder abgekippt worden war“, sagt Yvonne. Dem Projekt des neuen Mahndorf kommt zugute, dass sie Absolventin der Fachschule für Restaurierung in Potsdam ist, Fachgebiet Wand- und Deckenmalerei. „Ich kann verputzen, streichen, malen, kenne mich mit Fachwerk, Leinwand, Silikaten, Secco- und Fresco-Techniken aus und kann Epochen der Wandschichten bestimmen“, sagt sie. Heute haben sie zehn renovierte Wohnungen vermietet.

Als semiprofessionelle Sängerin begann die Hausherrin schon kurz nach dem Einzug, Hauskonzerte im Gartensalon zu organisieren, zu denen Nachbarn aus einem Umkreis von 100 Kilometern kommen. „Das sind totale Null-Budget-Nummern“, erklärt sie. Die Besucher geben nur eine freiwillige Spende für die auftretenden Künstler. Die drei Söhne begrüßen an diesen Abenden die Gäste, verkaufen Getränke und Sandwiches.

„Den Gewinn dürfen sie behalten, und werden die Brote nicht aufgegessen, gibt es sie am nächsten Tag mit in die Schule“, sagt die energische Mutter. Am Anfang war es für die Halberstädter Gäste sehr ungewohnt, in einem privaten Wohnzimmer bei bisher unbekannten Menschen zu Gast zu sein. „Ihr könnt doch nicht Fremde bei euch spionieren lassen!“, sagten die Nachbarn. Sie kamen trotzdem: „Zu unserem ersten Dinner-Konzert war es dann rappelvoll“, berichtet Yvonne. „Die Leute saßen mit Tränen in den Augen da und sagten: ,Dass es so etwas gibt! Dass man mit Menschen zusammensitzt, die man nicht kennt!‘“

© Stefan Finger Einblicke in Bad, Schlafzimmer und Wohnzimmer des Herrenhauses

In Zukunft ist auch weiterhin viel zu tun, da sind noch eine alte Mühle, ein Speicher, eine Reithalle und Ställe. Sie planen ein Hofcafé, möchten Ferienwohnungen ausbauen, den alten französischen Garten wieder anpflanzen, Kaminabende mit allen Bewohnern und Public Viewing organisieren. „Uns geht es um Gemeinschaft und Geselligkeit. Nicht um die immer gleichen Leute, eine gewisse Gesellschaft!“, sagt Yvonne. „Und ich will nie, dass wir vergessen, was für ein Privileg es ist, hier zu wohnen.“ Natürlich habe sie auch mal eine „Ätzphase“ gehabt. „Wir hatten am Anfang nichts, mussten uns alles zusammenverdienen und erarbeiten. Und wir können den Kindern einiges nicht ermöglichen, fahren nicht in den Urlaub wie früher, und ich kann mir zudem keine Spülmaschine kaufen, weil es an Geld fehlt. Aber es ist wunderschön, Mahndorf erhalten zu dürfen.“

Nicht alle großen alten Häuser werden bewusst gekauft. Oft werden sie vererbt - und das kann die Ouvertüre sein für ein Drama in mehreren Akten. „Beim Erben eines Schlosses entsteht immer eine vielschichtige Situation“, sagt Alexander Fürst Sayn-Wittgenstein-Sayn, Ehrenpräsident der Deutschen Burgenvereinigung, ausgewiesener Kenner der Szene und Berater der jungen Generation. „Es hängt ab von der Anzahl der Kinder, vom Wohlstand und von den Objekten, die zu ererben sind.“ Bis 1923 galt das Fideikommissgesetz: Der älteste Erbe bekam alles, musste aber seine Geschwister in der Not versorgen und ihnen ein Zuhause bieten. „Als das abgeschafft wurde, gab es über Jahrzehnte eine Zwischensituation, in der die jüngeren Geschwister oft aus Familiensinn dazu gezwungen wurden, auf das Vermögen zu verzichten“, erklärt Sayn-Wittgenstein. „Das hat viel ungutes Blut und Ärger gegeben. Heute ist man vernünftiger geworden, wählt den Erben oder auch eine Erbin viel nüchterner nach Fähigkeiten aus und findet Regelungen mit den Geschwistern.“ Ein solches Schloss-Erbe anzutreten sieht er als Privileg. „Nicht im Sinne von früher, als man sechsspännig durch die Gegend fahren durfte und Steuererleichterungen hatte, sondern dass man etwas so Schönes besitzen darf! Man sollte im biblischen Sinne mit diesem Pfund wuchern“, erklärt er. Jede Generation brauche neue Nutzungskonzepte. Vor allem dürfe man die historischen Gebäude und Kunstgegenstände nicht stark mit Hypotheken belasten, rät Sayn-Wittgenstein. Manche Leute dächten, „wir sind doch reich, wir haben ein Schloss und Kunst!“ Doch seine Erfahrung ist ernüchternd: „In der Regel geht es in die Hose, das zu belasten.“

Burgen, Schlösser und Herrenhäuser. Wie viele Exemplare dieser Immobilien-Trias es in Deutschland gibt, kann einem niemand genau sagen, auch Experten nicht. „Ich schätze die Gesamtzahl dieser drei Gattungen auf 30 000 bis 40 000“, sagt Reinhard Friedrich, der Leiter des Europäischen Burgeninstituts. „Es stehen wohl aktuell noch 5000 bis 10 000 Burgen. Ich schätze, dass maximal 5000 noch bewohnt sind.“ Er sieht das Faible der Deutschen für Burgen auch als Folge der besonderen nationalen Burgenromantik des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit restaurierte das Haus Preußen die drei Rheinburgen Stolzenfels, Rheinstein und Sooneck und nutzte sie als Residenzen. „Damit initiierten die Preußen eine Mode, denn ihrem Vorbild folgte der neue Industrieadel, der seinerseits viele verfallene Burgen wieder aufbaute und dort ein neues Lebensmodell pflegte“, erklärt der Fachmann. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Erwerb einer Burg Erfüllung eines Lebenstraums, Ausweis des eigenen Erfolgs und Statuserhöhung der Familie, unter anderem für Vertreter aus Kultur und Showbiz. Man denke nur an Thomas Gottschalk, dem von 2004 bis 2013 das neugotische Rheinschloss Marienfeld gehörte.

© Stefan Finger Schloss Hammerstein: Kleinod der Weserrenaissance

Der Schlösserexperte des Immobilienmaklers Engel & Völkers, Christoph von Schenck, sagt: „Menschen, die Schlösser kaufen, sind überwiegend erfolgreiche Unternehmer, zunehmend auch aus der Start-up-Szene, oder einfach Erben. Immer mehr sind relativ jung, 35 bis 40 Jahre alt.“ Neu sind auch Seniorengruppen, die zunehmend ernsthaft überlegen, eine Alters-WG in einem Schloss zu gründen. Schenck hat solche potentiellen Käufer schon öfter beraten, aber kein Projekt zu einem konkreten Abschluss begleitet. „Das Hauptproblem ist der Unterhalt. Nicht umsonst sprechen Makler und Denkmalschützer von ,Bewirtschaftung‘.“ Denn fast alle privat genutzten Häuser müssen arbeiten: Als Event-Location, als Gartenparadies, als Museum. Die Nebengebäude werden vermietet.

So ist es auch in Schloss Hammerstein, im Ort Apelern in der Nähe von Bückeburg. Vor vier Jahren übernahm Sophie von Hammerstein-Gossler gemeinsam mit ihrem Ehemann, Andreas von Gossler, das Renaissanceschloss aus dem Jahr 1590 von ihrem Vater Börries. Dazu 65 000 Quadratmeter Garten und Park, je 75 Hektar Land- und Forstwirtschaft. Einen männlichen Nachfolger gab es in der 12. Generation nicht, die beiden älteren Schwestern hatten andere Lebenspläne. Sophie zog 2010 hierher zurück, ihr Ehemann pendelte bis 2013 zwischen Frankfurt und Apelern, einige Monate täglich, 800 Kilometer hin und zurück. Nach der Geburt der Tochter nahm er Elternzeit und managte zusammen mit seiner Frau Familie und Restaurierung.

  • © Stefan Finger Verwunschene Sommerpracht. Zum Renaissanceschloss aus dem Jahr 1590 gehören 65.000 Quadratmeter Garten und Park.
  • © Stefan Finger Die Orangerie des Schloss Hammerstein
  • © Stefan Finger In der Orangerie
  • © Stefan Finger Der „Salon der vier Elemente“ des Schloss von Hammerstein.
  • © Stefan Finger Das zukünftige Wohnzimmer der Familie. Bevor denkmalgerecht renoviert wird, müssen Styropor, Linoleum und Spanplatten weichen.

„Hier war immer relativ wenig Geld“, sagt Sophie von Hammerstein-Gossler und läuft rasch durch den Park, der in fast unwirklicher Sommerpracht an diesem Samstag erblüht ist. Die junge Hausherrin ist wie jeden Tag seit frühmorgens auf den Beinen. Die 35-Jährige hat um 8 Uhr eine kunsthistorische Führung durch die gerade restaurierte Beletage des Schlosses gemacht, außerdem finden zwei Hochzeiten im Trausaal der Orangerie und im Park statt. In den Festsälen und im Anbau wird später eine große Feier steigen. Hammersteins werden bis spät in die Nacht an Deck sein. Kaum vorstellbar, dass das kleine Renaissance-Schloss jahrzehntelang im Dornröschenschlaf lag, die Gärten verwuchert, die Wassergräben zugewachsen waren. Über mehrere Generationen wurde am meisten Wert auf die Landwirtschaft, nicht auf Haus und Garten gelegt. „Die Schweine hatten eher Heizung als das Haus“, sagt Sophie über den Ort, an dem sie aufgewachsen ist, und lacht. Als sie das Haus übernahm, hatte das Dach 600 Löcher. „Meine Mutter war ganz verzweifelt und sagte ständig: ,Ich kann einfach nicht mehr diese ganzen Eimer ausleeren!‘“ Der Vater, im Brotberuf Richter, hatte das Erdgeschoss zuletzt in den siebziger Jahren modernisiert und alles, so gut es ging, erhalten. Die prachtvollen Räume mit ihren Originalkaminen waren zuvor von jeder Generation behelfsmäßig deren Lebenssituationen angepasst worden: Filzmatten bedeckten alten Stein und Holzböden, Spanplatten und Teer an den Wänden, Linoleum, Styropor und Tapetenmuster aus den sechziger Jahren.

Die junge Generation riss die Einbauten ab, renovierte nach den Regeln der Denkmalkunst und legte so ein Schmuckstück der Weserrenaissance frei. Sie selbst übernahmen die Bauüberwachung und beschafften Material, um Geld zu sparen. Die Festräume wurden mit Fundstücken von Auktionen und Antiquitätenmärkten bestückt, und das Paar sprüht immer noch vor Begeisterung, wenn es die Suchgeschichten über ein Sofa, einen Florentiner Mosaiktisch oder von den selbstgerahmten Pflanzenbildern erzählt. Sie selbst leben zurzeit in einem Provisorium im ehemaligen Pferdestall, da sie das Erdgeschoss noch für sich renovieren müssen.

© Stefan Finger Blick aus dem Park auf das Schloss, in den „Blumensalon“ und ins zukünftige Arbeitszimmer. Hier hat Andreas von Gossler mit Styroporplatten schon einmal den Kamin simuliert.

Im Park, in dem bereits Sophies Mutter Lydia 5000 Gewächse in Staudenbeeten gepflanzt hatte, legten Hammersteins fünf Kilometer Hecken an, um Gartenräume nach dem Vorbild der früheren Lustgärten aus der Zeit um 1800 zu schaffen. Sie pflanzten einen Irrgarten mit 2500 Hainbuchen, die sie sich zu ihren runden Geburtstagen gewünscht hatten, dazu kam ein Knotengarten. Drei Gärtner helfen heute, die Anlagen zu erhalten. „Als Privatgarten kann man sich so etwas gar nicht erlauben, er arbeitet mit seiner Schönheit für sich und zieht Gäste an.“ Auch das Haus muss arbeiten, als Location für Feiern mit bis zu 100 Personen. Heute sind 95 Prozent der Buchungen Hochzeiten. Sophie gestaltete die Homepage, machte auf Hochzeitsmessen Werbung. Sie hat eine Doppelausbildung in Betriebswirtschaft und Kunstgeschichte. Und was früher für Ehefrauen von Schlosserben galt, gilt heute genauso für die Lebenspartner von Erbinnen: „Trage gerne Gummischuhe, rechne wie ein Controller, und sei ein Ass in Denkmalkunde!“

© Stefan Finger Sophie von Gossler-Hammerstein und Andreas von Gossler mit dem gemeinsamen Sohn Louis-Henri an der Allee des Schlosses.

Den historisch interessierten Ehemann erfüllt seine Aufgabe in Apelern, und er kennt die Historie des Hauses und seiner Bewohner wie seine eigene Lebensgeschichte. Wenn man Andreas von Gossler auf das Leben im Unternehmen Hammerstein anspricht, sagt er trocken: „Excel-Sheets sind in unserem Alltag schon sehr präsent.“ Auch er ist ausgebildeter Betriebswirt, arbeitete im Investmentbanking, dann als Manager von Immobilienfonds in Frankfurt.

Das Finanzierungsmodell in Schloss Hammerstein steht auf drei Säulen: Einnahmen aus Land- und Forstwirtschaft, Einkünfte aus der Vermietung der Festräume und das Gehalt des Hausherrn aus seinem Beruf als Fondsmanager. Dazu kommen öffentliche Zuschüsse für die Erhaltung von Denkmälern. 17 Wohneinheiten sind nun in Nebengebäuden vermietet. Immer wieder betont das Paar, wie wichtig ihm ist, dass noch die Elterngeneration mitarbeitet. „Ich bin auf dem Papier die Eigentümerin, aber ich empfinde uns alle als Eigentümer, vom Baby bis zum 70 Jahre alten Großvater“, sagt Sophie von Hammerstein. „Und auf jeden Fall ist es ein gutes Zeichen, dass unsere Tochter bereits mit 18 Monaten aufgehört hat, Mittagsschlaf zu machen. Hier kann man nicht lange schlafen, man muss viel schaffen am Tag!“, sagt sie und rennt die steile Wendeltreppe hinauf in den Festsaal. Die nächste Braut kommt. „Heute ist sie die Prinzessin bei uns, und ich will, dass sie hier ihren schönsten Tag erlebt.“ Und weg ist Sophie, unterwegs für ihren ganz persönlichen Schlosstraum.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.07.2016 08:27 Uhr