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Wohnen in Zürich : In der Enge die Weite finden

Erst arbeiten, dann schwimmen: Die Enge ist so vielfältig wie sonst kein anderes Stadtviertel. Bild: Gregor Lengler/laif

Kosmopolitisch, zentral und trotzdem beschaulich: Im Quartier Enge lässt sich gut leben, mit Badestrand vor der Haustür - wenn man es sich leisten kann.

          Auf einem Hügel zu leben hat so seine Vorteile. „Es ist luftiger hier oben und immer ein paar Grad kühler“, schwärmt Alexandre Robert. Der gebürtige Westschweizer hat 15 Jahre im Kreis 5 gelebt, gleich um die Ecke der berühmten Langstraße. Dort zeigt sich Zürich, die wohlhabende, adrette Finanzdrehscheibe, von seiner bunten und schrägen Seite. In den Clubs, Bars und Kneipen dieses Viertels, einer Art Kreuzberg in klein, machen die ausgehlustigen Zürcher regelmäßig die Nacht zum Tag. Robert, Creative Director in einer Design-Agentur und selbst Hobby-Musiker, mochte den Trubel. Doch mit der Geburt von zwei Töchtern änderte sich die Perspektive. Gemeinsam mit seiner Frau suchte Robert nach einer ruhigeren Ecke, wobei sie nicht aufs Land ziehen wollten; die neue Bleibe sollte schon in der Stadt sein.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          In Zürich herrscht Wohnungsnot. Und die Mieten treiben nicht nur Ausländern die Tränen in die Augen. Es dauerte vier Jahre, bis die Familie endlich fündig wurde: in der Enge. So heißt dieses Viertel, zu dem der bestimmte Artikel unbedingt gehört. Man wohnt nicht in Enge, sondern in der Enge. Und wer das von sich sagen kann, hat alles richtig gemacht. Denn der Name ist nicht Programm, im Gegenteil: „Obwohl es ,Enge‘ heißt, ist hier die Weite“, sagt Robert. Die Häuser stehen nicht so dicht beieinander wie in anderen Vierteln der Stadt. Sie verteilen sich über einen Hügel, der von großen Parks mit gewaltigen alten Bäumen durchzogen ist. Familie Robert hat eine hübsche Neubauwohnung schräg gegenüber dem Rieterpark ergattert. Von dort sind es nur zwei Minuten bis zum nächsten Spielplatz und - im Sommer ein echter Trumpf - acht Minuten zu Fuß hinunter zum Zürichsee.

          Das klare, saubere Wasser lädt zum Baden ein, ob nun im kleinen Seebad zur Enge, dessen Holzstege in den See ragen, oder im Strandbad Mythenquai mit seinen weiten Wiesen und einem 250 Meter langen Sandstrand. „Wir genießen die Ruhe hier“, sagt Robert, der zugleich aber auch froh darüber ist, wie nah das Zürcher Geschäftszentrum für ihn noch immer liegt: Mit dem Fahrrad braucht er nur fünfzehn Minuten bis zur Arbeit.

          Das edle Restaurant „Belvoirpark“ lockt zur Einkehr

          Die Enge liegt am oberen linken Seebecken und grenzt direkt an die Innenstadt. Im Norden reicht das Viertel bis zum Fluss Sihl. Der Name bezieht sich auf den Engpass zwischen dem Zürichsee und dem Hügel, der die Sihl vom See trennt. Zustande kam dieser Hügel in der Eiszeit, als zwei Gletscher spitz aufeinander zuliefen und einen Moränenzug hochschoben. Diese Erhebung nutzten die Bewohner im Mittelalter zum Anbau von Wein. Von den vielen Weinhängen ist bis heute noch einer übrig geblieben: Oberhalb der evangelisch-reformierten Kirche, die wie ein kleines Sacré-Cœur über dem Quartier thront, stemmen sich malerisch die Weißweinreben in den Hang. Nach der Ernte entsteht aus ihren Trauben ein respektabler Riesling-Silvaner. Es ist unglaublich: Nur einen Steinwurf von der City entfernt, glaubt man sich auf dem Land. Das einzige, was fehlt, ist eine urige - hier sagt man urchige - Weinstube.

          Doch immerhin, ein paar hundert Meter weiter lockt das edle Restaurant „Belvoirpark“ zum Einkehrschwung. Dort steht der Wein aus der Enge natürlich auf der Karte, neben vielen anderen festen und flüssigen Köstlichkeiten. Denn die Geschichte der klassizistischen Villa, in der die Auszubildenden der angeschlossenen Hotelfachschule Zürich ihr Erlerntes hochmotiviert in die Praxis umsetzen, ist nicht nur eng verbunden mit dem Viertel, sondern auch mit dem Wohlstand Zürichs und der ganzen Schweiz.

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