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Wohnungsmarkt : Warum nicht Wiesbaden?

Gediegene Pracht: Viele Zugezogene schätzen die historische Bausubstanz. Bild: Frank Röth

Einst mondän und lebenslustig, heute hübsch, aber ein bisschen bieder: Wiesbaden ist keine Stadt, die von ihren Bewohnern glühende Liebesbekenntnisse verlangt. Für manche ist gerade das ihre Stärke.

          Vor einer Woche fand in Wiesbaden das Kranzplatzfest statt. Wenn es nicht gerade hagelt, bedeutet das: beschwingte Atmosphäre vor altehrwürdiger Kulisse. Dazu gehört der Kochbrunnen, aus dem noch immer das Thermalwasser sprudelt, das Wiesbaden im 19. Jahrhundert groß gemacht hat. Dostojewskis Roman „Der Spieler“ handelt von einem fiktiven Kurort, der mit einiger Wahrscheinlichkeit Wiesbaden zum Vorbild hat. Beim Stichwort Kur dachte man damals nicht an Burnout oder Bandscheibe, sondern an Highlife. Von diesem Image hat Wiesbaden wenig in die Gegenwart mitgenommen. Die Stadt gilt als gediegen, gesetzt, langweilig. Als sich am Fronleichnamstag die Dunkelheit über den Kranzplatz und sein schönes Fest legte, sagte ein Bandleader, der von der Bühne herab zaghaft zuckende Menschen sah: „Die Wiesbadener tanzen erst, wenn es dunkel wird. Dann sieht es keiner.“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wobei: Es ist schwierig, von „den Wiesbadenern“ zu sprechen, schon allein deshalb, weil etwa zwei Drittel der knapp 300.000 Einwohner Zugezogene sind. Das spricht für die Stadt, in der man tatsächlich ausgezeichnet wohnen kann - wenn auch nicht gerade billig. Der Durchschnittspreis für Bestandswohnungen liegt laut Analysehaus Bulwiengesa bei 2500 Euro je Quadratmeter. In Villenvierteln wie dem Nerotal oder Sonnenberg sind die Preise jedoch deutlich höher. Anders als in Frankfurt oder Mainz gibt es in Wiesbaden noch reichlich historistische Bausubstanz aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Bei Mitarbeitern des in Mainz ansässigen ZDF ist sie ähnlich beliebt wie bei den höheren Dienstgraden der US Army. Deren europäisches Hauptquartier ist mittlerweile in Wiesbaden. Der Nachteil an den vielen Zugezogenen: Sie machen die Suche nach einer gemeinsamen Identität nicht gerade einfacher. Das Thema beschäftigt die vergleichsweise junge Stadt schon lange. Um das Jahr 1800 verloren sich hier, zwischen Rhein und Taunus, gerade einmal 2500 Menschen, hundert Jahre später waren es an die 100.000. Grund war der Kurboom. Leute aus aller Herren Ländern kamen und gingen, Wiesbaden wurde zur Dienstleisterstadt. Das hieß auch: Die Einheimischen kümmerten sich mehr um die Gäste als um sich selbst. Oberbürgermeister Sven Gerich, seit frühester Kindheit in Wiesbaden, hat die Themen Identität, Engagement und Bürgerbeteiligung zu seinen gemacht und im Rathaus eigens Mitarbeiter dafür abgestellt. „Die Identifikation mit der Stadt ist ausbaufähig. Wir brauchen mehr Wir“, sagt Gerich. Die Frage sei: „Nutze ich die Stadt nur - oder ist es meine Stadt?“

          Was könnte nun der Quell einer Wiesbadener Identität sein? Vielleicht der Reichtum, von dem etwa die Wilhelmstraße oder die genannten Villenviertel künden? Kaum. Denn die sozialen Unterschiede, die man an einzelnen Straßenzügen festmachen kann, sind durchaus beträchtlich. Dann vielleicht: Wiesbaden - Stadt der Lebensqualität? Schon eher. Gute Restaurants gibt es hier für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel. Auch kulturell kommt man als Normalinteressierter auf seine Kosten. Aber wenn man gespeist oder die Vorstellung am Staatstheater besucht hat und dann noch weiterziehen will, fängt es an, schwierig zu werden. Dann merkt man auch, dass Wiesbaden keine Universität hat. Die Hochschule Rhein-Main erfreut sich zwar steigenden Zuspruchs, und die private Hochschule Fresenius will ihren Fachbereich „Wirtschaft und Medien“ nach Wiesbaden verlegen. Aber die Studenten prägen eben nicht das Gesicht der Stadt. Das sieht man etwa an der Kneipen- und Barszene, die nur punktuell, etwa am Sedanplatz, konkurrenzfähig ist. Ein anderes Beispiel ist der Fahrradverkehr. Der scheint, nach der nötigen Infrastruktur zu urteilen, in Wiesbaden nicht vorgesehen.

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