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Wohnen in Stuttgart – Neues Leben auf der Höhe

Von SUSANNE PREUSS

17.10.2016 · Auf dem Killesberg gibt es weltberühmte Architektur, viel Geld und neuerdings auch Flüchtlinge. Nur auf einen Supermarkt mussten die Bewohner lange warten.

Es muss paradiesisch gewesen sein. Hunderttausende Blumen hatte man in Stuttgart auf dem Killesberg gepflanzt, allein 50.000 Rosen. Große Bäume gaben dem Park den Anschein eines natürlich gewachsenen Garten Edens. Mehr als vier Millionen Menschen pilgerten allein in den ersten drei Monaten nach der Eröffnung der Reichsgartenschau auf den Killesberg. Nicht nur die Natur lockte, auch Architektur und Technik. Ein Höhepunkt muss der 22. Juli 1939 gewesen sein, als der Volkswagen präsentiert wurde, den Ferdinand Porsche in seiner nahe gelegenen Werkstatt entwickelt hatte. Die Gartenschau-Besucher konnten Testfahrten mit dem KdF-Wagen gewinnen und sogar einen Zeppelin-Überflug.

Doch nur wenige Wochen später hatte kaum noch jemand einen Sinn für schöne Blumen. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen begann der Zweite Weltkrieg. Die Rosen im Killesberg-Park mussten Gemüse und Kartoffeln weichen, die Schilfsandstein-Bauten wurden nicht mehr für Bälle und Konzerte genutzt, sondern als Getreidespeicher.

© Imago Weiß und alt: Das Haus von Le Corbusier gehört zum Weltkulturerbe.

Wenn Carola Franke-Höltzermann bei ihren Führungen über den Killesberg zu dieser Zeit erzählt, sind ihre Zuhörer fast immer Architekturinteressierte. Seit jeher sind hier aufsehenerregende Architekturprojekte verwirklicht worden. Auf dem Killesberg stehen zwei Häuser von Le Corbusier, die neuerdings zum Weltkulturerbe zählen – entstanden 1927 als Teil der Weißenhofsiedlung des Deutschen Werkbundes. Hier zeigten 17 international renommierte Architekten, wie Bauen möglich ist: ohne Schnörkel, dafür mit viel Licht und Luft, und das alles zu tragbaren Preisen. Ganz in dieser Tradition steht das „B 10“ genannte Aktivhaus von Werner Sobek, der zeigt, was heute möglich ist: Das ressourcenschonende und komplett recycelbare Fertighaus ist nicht nur energieautark, sondern deckt auch noch den Strombedarf für das benachbarte Corbusier-Haus, in dem heute das Weißenhofmuseum untergebracht ist. Als Forschungshaus vor zwei Jahren erstellt, hat Sobek die Aktivhäuser mittlerweile zur Serienreife gebracht, in der Hoffnung, damit die Fertighausbranche zu revolutionieren.

© Ullstein, dpa Weiß und neu: Die Killesberghöhe hat Infrastruktur auf den Berg gebracht. Besucher des Höhenparks Killesberg und des Killesbergturms

Trotz seiner architektonischen Glanzlichter war der Killesberg nie wirklich ein Vorzeigestadtteil. Wer über den Killesberg fuhr, der wusste zwar, dass hier die reichen Stuttgarter zu Hause sind. Vorstellen konnte man sich das kaum. Optisch prägend war die Stuttgarter Messe, die sich am oberen Ende des Killesberg-Parks in den einstigen Hallen der Reichsgartenschau breitgemacht hatte. Eine echte Mitte aber hatte der Killesberg nicht. So teuer die Wohnlage, so schlecht waren die Menschen versorgt. „Mehr als ein paar Lädchen, wo man mal ein Brötchen kaufen konnte, gab es nicht“, erinnert sich Detlef Kron, Leiter des Amts für Stadtplanung und Stadterneuerung der Stadt Stuttgart.

„Im Immobilienhimmel angekommen“ Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Die wenig schmucken Hallen der Messe sind abgerissen worden. Entstanden ist die „Killesberghöhe“, ein neues Quartier, das Leben auf den Berg gebracht hat. In zwölf Gebäuden ist Wohnraum für rund 250 Menschen entstanden, dazu Büros und Praxen und auch zwei Dutzend Geschäfte: Alnatura und Aldi, Eisdiele und Blumenladen sowie Papeterie, Apotheke und Yogastudio, dazu ein Raumausstatter für höchste Ansprüche.

„Das Projekt fand ich toll“, sagt Birgit Greuter, die heute als Centermanagerin der Killesberghöhe in den Diensten des Projektentwicklers Franz Fürst steht. „Ich habe gesagt: das brauchen wir wirklich und ich will dafür arbeiten“, erinnert sie sich. Seit 1984, als es sie von Hamburg nach Stuttgart verschlagen hatte, lebte sie in der Gegend und wusste genau um die miserable Infrastruktur auf dem Killesberg. Fürst verpflichtete die gelernte Verlagskauffrau, die sich zuerst um Kommunikation und Werbung kümmerte und mittlerweile die Seele des Quartiers ist: Wenn die Äpfel von der kleinen Streuobstwiese zwischen den Häusern geerntet werden müssen, kümmert sie sich darum und auch, wenn es mal Ärger wegen nächtlicher Ruhestörung gibt. Sie organisiert verkaufsoffene Sonntage und Nachbarschaftstreffen, sei es mit den Bewohnern der Senioren-Residenz Augustinum, mit Studenten und Professoren der Kunstakademie oder mit den Verantwortlichen des Tennisclubs Weißenhof, den man von den ATP-Tennisturnieren („Mercedes-Cup“) kennt. Von einer klaren „Win-win-Situation“ spricht Stadtentwickler Kron mit Blick auf diese neue Mitte, und von einem Vorbildcharakter des Projekts für weitere Vorhaben der Stadtentwicklung: Die Lebensqualität für alle habe deutlich zugenommen durch das lebendig gewordene Wohnviertel.

Quelle: Jones Lang LaSalle © F.A.Z.-Karte sie.

Für die Anlieger der umliegenden Straßen macht sich diese Veränderung in einem deutlichen Wertzuwachs ihrer Grundstücke und Häuser bemerkbar. „Wer hier wohnt, ist im Immobilienhimmel angekommen“, lautet die Lagebeschreibung der Werber für eine Wohnung am Killesberg. Doch der Himmel hat seinen Preis. Eine Vierzimmerwohnung mit 136 Quadratmetern wird für 2350 Euro Kaltmiete angeboten. Eine andere, nur wenig kleiner, gibt es schon für 1800 Euro kalt, vermietet aber offenbar von wählerischen Eigentümern: „Ein Mindestgehalt von 4000 Euro wäre wünschenswert“, heißt es im Inserat, und es sollten bitte schön nicht mehr als drei Menschen auf den 125 Quadratmetern wohnen. Wer kaufen will, sollte sich darauf gefasst machen, dass selbst für Wohnungen ein Preis in Millionenhöhe nicht abwegig ist. Wenn man überhaupt etwas findet. Immerhin, ein einziges Angebot gibt es auch im Quartier Killesberghöhe: ein Penthouse mit Swimmingpool, Verhandlungsbasis 2,2 Millionen Euro.

Fraglos hätte der Eigentümer eine traumhafte Sicht über den Stuttgarter Talkessel und ins Grüne des Parks. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen war – im Gegensatz zur Mission der Weißenhofsiedlung anno 1927 – nicht die Absicht des Projektentwicklers Fürst, als er die Siedlung konzipierte. Lediglich in der Optik schlägt die „Weiße Stadt im Grünen“ den Bogen zur weltberühmten Nachbarschaft. Schlichte Eleganz in Weiß sollte dominieren, und wie einst wurden Stararchitekten engagiert: David Chipperfield, Ortner und Ortner aus Wien, KCAP aus Zürich und Baumschlager Eberle haben sich zu der Architektengemeinschaft gesellt, die das letztlich 170 Millionen Euro teure Ensemble entwarfen.

Flüchtlingsunterkunft neben Luxusquartier Eine Wohnung mit Blick auf die „grüne Fuge“, eine aus riesigen Rasenkissen gestaltete Verbindung zwischen dem Park und dem darüber liegenden Wohnbezirk, kostete 10.000 Euro je Quadratmeter. Die günstigste Wohnung wurde für 4000 Euro je Quadratmeter verkauft, auch das teurer als die sonst in Stuttgart üblichen Preise, die damals, bei Fertigstellung des Projekts, noch deutlich niedriger lagen als heute. Durchschnittlich 3900 Euro je Quadratmeter seien im ersten Halbjahr 2016 für eine Eigentumswohnung in Stuttgart verlangt worden, hat der Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle (JLL) ermittelt – das waren 82 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Anhaltspunkte für eine Trendumkehr am Markt gebe es nicht, sagt JLL-Bewertungsfachmann Sebastian Grimm.

„Auch wenn wir ein Ventil öffnen und noch mal Baufläche ausweisen, ändert sich daran nichts“, ist Stadtentwickler Detlef Kron überzeugt. Ein Ventil war schon das kurz nach der Killesberghöhe entstandene benachbarte Gebiet, wo die Bebauung von Ein- und Zweifamilienhäusern zugelassen wurde. „Bei dem Flächenmangel, den wir in Stuttgart haben, können wir uns so etwas eigentlich nicht leisten“, sagt Kron. Aber dann habe der Gemeinderat doch zugestimmt: Die florierende Wirtschaft im Umfeld von Daimler, Porsche und Bosch schafft eine Nachfrage nach Top-Grundstücken, die man wenigstens zum Teil in der eigenen Stadt befriedigen wollte. Die Grundstücke wurden zum jeweiligen Höchstgebot verkauft, mit entsprechenden Folgen: Mancher Bauherr hat allein schon eine Million Euro für sein Grundstück bezahlt, berichtet Kron. Für schöne Häuser habe das Geld dann nicht mehr gereicht, bemerkt spöttisch Carola Franke-Höltzermann auf der von ihr veranstalteten „Architektour“ über den Killesberg, die auch durch das eklektische Neubaugebiet führt.

Auf der Straßenseite gegenüber wird es ganz anders sein. Die „Rote Wand“, einstmals ein Steinbruch, dann Parkplatz für die Messe, wird ein anderes Konzept bekommen, verspricht Kron. „Ich will mich nicht festlegen, aber da könnten dann mehr als die 30 Prozent Sozialwohnungen entstehen, die wir mittlerweile im Durchschnitt wollen“, sagt Kron – es gilt schließlich in der Stadt nicht nur den Wohnbedarf der Wohlhabenden zu bedienen. Von mehrgeschossigen Holzhäusern ist die Rede, aber ohnehin ist alles noch im Fluss. Im Moment sind dort Container aufgebaut, als vorläufige Bleibe für 130 Flüchtlinge.

© dpa Containerdorf für Flüchtlinge auf dem Killesberg

Eine Flüchtlingsunterkunft direkt neben einem Luxusquartier, kann das gutgehen? Offenbar schon. Lange bevor die ersten Flüchtlinge überhaupt eingezogen waren, hatte sich ein großer Freundeskreis gebildet, der den Fremden im Juni ein herzliches Willkommen bereitete. Täglich von morgens bis abends geben Ehrenamtliche in der Brenzkirche Deutschunterricht, das „Café Welcome“ lädt zweimal wöchentlich zum Kennenlernen ein und hat auch schon ein Sommerfest veranstaltet. Mittlerweile kennt man sich, manchmal beobachte er sogar schon Kinder vom Killesberg, die zum Spielen in die Containersiedlung kämen, berichtet Pfarrer Karl-Eugen Fischer. Er freut sich über das große Engagement der Gemeinde und über die Chancen zu neuen Kontakten: So manchen, darunter auch wirklich Wohlhabenden, habe er überhaupt erst durch deren Hilfsangebote kennengelernt. Das Gegenteil hat er allerdings auch erlebt. Ein Mann sei aus Protest aus der Kirche ausgetreten, ein anderer habe seine Wohnung auf dem Killesberg verkauft – weil er Angst habe, dass die Immobilie in der Nachbarschaft von Flüchtlingscontainern an Wert verlieren könnte. Sinkende Hauspreise - eine eher seltene Sorge in Stuttgart.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.10.2016 16:27 Uhr