https://www.faz.net/-gqe-8n3ii

Wohnen in Singapur : Im Schmelztiegel der Stadt

Wohnsilo trifft Art déco: Die „Flugzeughäuser“ sind heute auch bei Besserverdienern beliebt. Bild: Thomas Linkel/laif

Das Art-déco-Viertel Tiong Bahru überlebte den Bauboom der Metropole. Heute ist es heiß begehrt. Und kann sich nur mit Mühe dem Ansturm der Cafés und Boutiquen entgegenstemmen.

          6 Min.

          Mit Händen und Füßen hat er sich gewehrt. Und trotzdem landete Desmond Chen 1994 in Block 71 in der Seng Poh Road. Gut fünfzig Jahre vorher hatten seine Vorfahren einen Eisenwarenladen in der Club Street Singapurs gegründet, mitten im brummenden Chinatown, direkt am alten Hafen. Heute ist sie die heiße Meile der Tropeninsel - hier ziehen die Jungen und Schönen, und jene, die sie bewundern, von Bar zu Bar. „Damals war das eine ganz normale Straße. Aber die Regierung zwang uns, wegzuziehen“, erzählt Chen. „Sie bot uns 70.000 Singapur Dollar, wenn wir in den Laden in der Seng Poh Road umzögen.“ Chen hatte schlaflose Nächte. Schließlich ist die Seng Poh Road weit weg vom Geschäftsbezirk, in einem damals völlig unterentwickelten Viertel mit vielen Sozialbauten. Der neue Laden sollte 600.000 Singapur Dollar (heute 394.730 Euro) kosten. „Mit dem Geld der Regierung konnte ich eine Hypothek finanzieren. Am Ende schlug ich also ein.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Und dann lächelt er: „Ich habe alles richtig gemacht.“ Wenn er sich bald zur Ruhe setzt, will der Händler sein Geschäft für rund drei Millionen Singapur Dollar abgeben. Dafür bekommt der Käufer einen ebenerdigen Laden in der Form einer Garage, einen Kundenstamm, und gut 100 000 Artikel - von der Klobürste über Lampenbirnen bis zum Bohrhammer. „Unsere Waren gehen immer. Sie verderben nicht, und früher oder später braucht sie jeder“, wirbt Chen. Vor allem aber zählt der Laden: Denn inzwischen ist Tiong Bahru, das die Seng Poh Road durchschneidet, das angesagteste Viertel der Stadt. Nach dem Verkauf dürfte es nur Wochen dauern, bis aus Chens Traditionshandel ein Café werden wird. Ob ihn das stört? „Eigentlich nicht. Die Zeiten ändern sich. Und letztlich ist es für unser Geschäft ja gut, wenn mehr Menschen umziehen, sich etwas bewegt. Sie alle brauchen Schrauben, Nägel und Werkzeug“, sagt der chinesische Pragmatiker. „Ich habe also nur Vorteile davon.“

          Die Karawane zieht weiter, auch Tiong Bahru wird noch moderner und damit teurer werden. Auch wenn Chen das bei seinem erzwungenen Umzug vor 22 Jahren anders sah: Heute ist offensichtlich, dass Tiong Bahru praktisch im Stadtzentrum liegt. Dennoch wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Noch bietet der Stadtteil diese in Singapur seltene Mischung, die Architekten, Designer und Medienleute anzieht: Tradition, Vielfalt und Perspektive. Rund um das Viertel schießen die Wohntürme in die Höhe. Deren Mieter wollen modern und mit Klimaanlagen wohnen, aber durch die schönen Gassen von Tiong Bahru vor der Haustür flanieren. Mit seinen Bäckereien und Boutiquen, seinem jungen und weltgewandten Publikum erinnert der Stadtteil eher an eine deutsche Universitätsstadt wie Münster oder Heidelberg als an die glitzernde Millionärsmetropole Singapur.

          In den engen Straßen herrscht bunter Trubel. Hier werden Historien-Filme gedreht, gerade samstags treffen Anwohner und Touristen in den zahlreichen Cafés, Kneipen und Restaurants aufeinander. Sie wechseln ab mit Buchhandlungen, Boutiquen oder Bars; immer öfter wird aufgrund der hohen Mieten aus demselben Ort, der bis zum frühen Abend als Café firmiert, nachts eine Szene-Bar. Nur so lassen sich Mieten von 20.000 oder 30.000 Singapur Dollar im Monat aufbringen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwierige Zeiten für Studierende

          Wohnungsmarkt in Uni-Städten : Studenten-Buden werden fast unbezahlbar

          Der Wohnungsmarkt für Studierende ist trotz der Corona-Pandemie noch teurer geworden. Gleichzeitig bricht vielen der Nebenjob weg. Das Ergebnis: Jeder vierte muss sich Geld von Freunden oder der Familie leihen.
          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.

          Hugh Laurie im Interview : „Gin hilft“

          Der frühere „Dr. House“-Darsteller Hugh Laurie erzählt, was ihm geholfen hat, den Lockdown in England zu überstehen, wie er Charles Dickens’ „David Copperfield“ wiederentdeckte und warum er heute leichter mit seinem Perfektionismus umgehen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.