https://www.faz.net/-gqe-8owy3

Wohnen in Offenbach : Plötzlich kommen die Frankfurter

  • -Aktualisiert am

Altes und neues Offenbach: In den neuen Wohnhäusern auf der Hafeninsel haben sich vor allem Frankfurter eingekauft. Bild: Patricia Kühfuss

Die einst stolze Industriestadt Offenbach am Main hat harte Jahre hinter sich. Nun wandelt sich das schlechte Image. An die Tatsache, dass jetzt sogar viele Frankfurter zuziehen, müssen sich die Alteingesessenen erst noch gewöhnen.

          5 Min.

          Es sei eher eine Bauchentscheidung gewesen, das Schiff zu kaufen, sagt Gunnar Ohlenschläger. Als er die „Professor Rudolph Wirchow“ auf Ebay sah, schlug er zu: Jetzt liegt das 112 Jahre alte Schiff vor Offenbach. Zusammen mit DJ Marco Sönke hat Ohlenschläger ein Restaurant daraus gemacht, die „Backschaft“. In Offenbach gab es nämlich keines, zumindest keines, das Ohlenschlägers Vorstellungen entspricht, mit internationaler Spitzenküche und regionalen Zutaten und einer richtig guten Bar. Eine halbe Million hat es gekostet, den Dampfer aufzumöbeln, der früher in Potsdam, Berlin und Gelsenkirchen unterwegs war. Die Fenster hat Ohlenschläger aus einem Waggon der DDR-Reichsbahn. Warum macht er das in Offenbach? „Weil es hier keiner erwartet“, sagt er. Und weil er Offenbacher ist.

          Für den Designer Sebastian Herkner steht die „Backschaft“ sinnbildlich für das neue Offenbach. „Als ich vor 15 Jahren herkam, gab es hier nur gutbürgerliche Küche. Das ändert sich.“ Um den Wilhelmsplatz im Zentrum der Stadt, wo dreimal in der Woche der Markt stattfindet, reihen sich mittlerweile ein Dutzend Restaurants. Stetig kommen neue hinzu, vor ein paar Wochen erst ein mit Designermöbeln ausgestattetes Sushi-Lokal. Auf dem Wochenmarkt gibt nun sogar einen Champagner-Stand. „Mit meinen Kunden komme ich gern hierher, die sind alle begeistert“, sagt Herkner, der es als Designer für Moroso, Gubi und Classicon zu internationalem Renommee gebracht hat. Klar rümpften manche seiner Geschäftspartner bei der Ankunft in Offenbach die Nase, aber bisher habe er noch jeden für die Stadt gewinnen können.

          Die alte Rivalität zwischen Frankfurt und Offenbach ist fast vergessen, doch das schlechte Image hängt der Stadt noch an. „Viele Freunde haben Probleme, nach Offenbach zu ziehen, obwohl es ihnen in Frankfurt zu teuer wird“, erzählt Herkner. „Sie gehen dann lieber nach Nied oder Höchst. Das verstehe ich nicht, das ist ja noch weiter weg. Und hier entsteht wenigstens was.“

          „Das soziale Gefälle macht die Stadt aus.“

          Vor 15 Jahren kam Herkner aus einem Dorf in Tauberfranken zum Studium nach Offenbach. Er liebt die „Stadt der kurzen Wege“. Ein Umzug nach Frankfurt stand für ihn nie zur Disposition. „Ich fühle mich wohl, weil Offenbach keine einfache Stadt ist. Dafür gehen, anders als im Frankfurter Europaviertel, am Wochenende auch nicht die Lichter aus. Offenbach ist multikulturell; eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.“

          Im Westend zwischen Ledermuseum und Marktplatz, nicht weit vom Erzeugermarkt, hat er sich eine Neubauwohnung in einer Altbaugegend gekauft. „In unserem Haus werden 50-Quadratmeter-Wohnungen für 900 Euro warm vermietet, das sind Frankfurt-Preise“, berichtet der Designer. Im Februar zieht er in seine Dachgeschosswohnung um. „Im Westend wurde viel renoviert, da stehen jetzt auch Frankfurter SUVs vor den Häusern“, lacht er. Seine jetzige Wohnung über seinem Studio in der Geleitstraße im Nordend behält er, um das Studio zu erweitern. „Die Straße, in der mein Studio ist, zeigt die ganze Bandbreite von Offenbach“, sagt Herkner. „Das Einkommensgefälle, das soziale Gefälle. Das macht die Stadt aus.“

          Wahl-Offenbacher: Designer Sebastian Herkner in seinem Studio Bilderstrecke

          Mit einem Anteil von 36,8 Prozent leben in Offenbach prozentual mehr Ausländer als in jeder anderen deutschen Stadt. 152 Nationen wohnen hier in direkter Nachbarschaft. Die Stadt mit 133.000 Einwohnern wächst zuverlässig um einige tausend Menschen jedes Jahr, die Nachfrage nach Bauland innerhalb der Gemarkungsgrenzen ist kaum zu stillen. In schwindelerregendem Tempo ziehen Leute zu und wieder weg. Offenbach hat den höchsten Bevölkerungsumschlag der Republik. „Weil der Migrantenanteil in Offenbach höher ist als in anderen deutschen Städten, trifft man schnell auf Leute, die aus dem eigenen Land kommen oder die eigene Sprache sprechen, was die Ankunft sehr erleichtert“, sagt die Architektin Anna Scheuermann. Im Rahmen der Ausstellung „Making Heimat“ auf der gerade zu Ende gegangenen Architekturbiennale in Venedig wurde Offenbach als eine von zehn deutschen „Arrival Cities“ vorgestellt. Scheuermann hat die Ausstellung mit kuratiert. Motto: „Offenbach Is Almost All Right“ - Offenbach ist fast in Ordnung. Das ist denn doch reichlich euphemistisch ausgedrückt bei einer Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent im November (der höchsten Hessens). 20 Prozent der Offenbacher empfangen Hartz IV, jedes dritte Kind lebt hier in Armut.

          Weitere Themen

          12,70 Euro in der Spitze

          Neuer Offenbacher Mietspiegel : 12,70 Euro in der Spitze

          Der Zuzugsdruck ins Rhein-Main-Gebiet bleibt groß. Gleichwohl gibt es in der Frankfurter Nachbarschaft auch noch gute Wohnungen für weniger als zehn Euro je Quadratmeter. Das besagt der Mietspiegel für Offenbach. Dabei ist eines aber zu beachten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.