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Wohnen in Moskau : Die Schlaflose

Moskau ist Kraftzentrum - und im richtigen Licht durchaus pittoresk. Bild: Whitenightpress

Moskau lärmt und glitzert, fasziniert und ermüdet. Im Stadtteil Chamowniki geht es vergleichsweise ruhig zu. Nicht nur das macht ihn zur begehrten Lage.

          Wer nach Moskau reist, passiert auf der Fahrt ins Stadtzentrum lange Reihen von Hochhäusern. Rund 15 Millionen Menschen wohnen im Ballungsraum um die russische Hauptstadt. Mehr als zwölf Millionen Einwohner hat Moskau selbst und ist damit die größte Stadt, die ganz in Europa liegt - Istanbul liegt teils in Asien. Und Moskau wächst weiter, scheinbar unaufhaltsam. Die Möglichkeiten im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum ziehen Bewohner aus anderen Teilen Russlands an, aber auch Einwanderer gerade aus anderen postsowjetischen Staaten. Wanderarbeiter aus Zentralasien schuften im Sommer auf den Baustellen der Hauptstadt. Manche kommen auf Zeit, andere bleiben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Moskau ist ein Schmelztiegel - und ein Kraftzentrum mit eigentümlicher Energie. Durch Moskaus Innenstadt führen vielspurige Straßen, auf denen man 80 Stundenkilometer fahren darf. Von Frühling bis Frühherbst heulen Motorräder mit mindestens doppelt so hoher Geschwindigkeit durch Straßenschluchten zwischen bombastischen Wohnblocks. Viele Geschäfte haben immer geöffnet. Rund um die Uhr lärmt und glitzert die Stadt, fasziniert und ermüdet zugleich. Die Datscha vor - oft weit vor - der Stadt ist für viele Bewohner ein wichtiges Refugium. In der Stadt ist Ruhe erst recht kostbar. Man findet sie etwa in dem berühmten Gorki-Park im Zentrum, dem Sokolniki-Park im Nordosten, dem Fili-Park im Westen oder einem der vielen kleineren Parks der Stadt. Oder in Klosteranlagen, zum Beispiel dem Neujungfrauenkloster am Fluss Moskwa, der Moskau den Namen gab.

          Das im 16. Jahrhundert gegründete Kloster, eines der bekanntesten Klöster Russlands, liegt im Stadtviertel Chamowniki. Nach Westen, Süden und Osten ist die Moskwa die natürliche Grenze des Bezirks. Im Nordosten grenzt Chamowniki an den Kreml. Auch die wieder errichtete Christ-Erlöser-Kathedrale liegt in dem Bezirk; ihr Vorgängerbau wurde 1931 unter Stalin gesprengt. An Stelle der Kathedrale sollte ein „Palast der Sowjets“ entstehen, wuchs aber nicht über die Fundamente hinaus. Sie dienten jahrzehntelang als Freibad, ehe Mitte der neunziger Jahre der Wideraufbau begann. 2012 war die Kathedrale dann Schauplatz des „Punk-Gebets“ der Aktivistinnen von Pussy Riot, einem Protest gegen die Unterstützung der Herrschaft Wladimir Putins durch die Russische Orthodoxe Kirche.

          Das Leintuch gibt dem Viertel seinen Namen

          In Chamowniki liegen einige der begehrtesten Wohnlagen Moskaus und damit ganz Russlands; die Zahl der Einwohner des Viertels steigt denn auch seit Jahren, von gut 97.000 im Jahr 2002 auf aktuell mehr als 107.000. „Cham“ bedeutet Rüpel oder Flegel, war einst aber eine Bezeichnung für ein Leintuch. Denn auf diesem Gebiet lebten über Jahrhunderte Weber, die entsprechend „Chamowniki“ genannt wurden. Sie arbeiteten in Höfen. Einen dieser massiven Steinbauten kann man noch immer an der Leo-Tolstoi-Straße im Zentrum des Bezirks bewundern. Direkt daneben lebte einst der Schriftsteller selbst. Längst ist sein Anwesen, ein schlichtes braunes Holzhaus, ein Museum. Im Garten der Tolstois stehen Bäume, die mehr als hundert Jahre alt sind. Im Haus sieht es aus, als könnte die Familie sofort wieder einziehen. Da stehen nicht nur die Möbel, sondern auch ein schwarzes Fahrrad, auf dem Tolstoi fuhr, und Stiefel, die er zur persönlichen Erbauung für Familie und Freunde anfertigte.

          So sieht es aus in Chamowniki Bilderstrecke

          Eine moderne Visitenkarte Russlands liegt dem Museum direkt gegenüber: In einem verspiegelten Bau ist die Zentrale von Yandex. Das Unternehmen betreibt die führende Online-Suchmaschine in Russland und bietet etwa auch mobile Anwendungen zu Navigation im Straßenverkehr und Taxiruf an. Die Yandex-Zentrale grenzt an ein Backsteinensemble aus dem 19. Jahrhundert namens Krasnaja Rosa, „rote Rose“ oder auch „Rosa“: Das frühere Stoffwerk wurde nach der Verstaatlichung nach Rosa Luxemburg benannt. Es liegt zwischen der Tolstoi-Straße und der Timur-Frunse-Straße, die nach einem 1942 im Alter von 18 Jahren im Zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetischen Jagdflieger benannt wurde. Im Zweiten Weltkrieg fertigte man hier Fallschirme für die Rote Armee. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war es auch mit der Stoffproduktion in Chamowniki vorbei. Einst galten die Straßenzüge um die „Krasnaja Rosa“ als düster und heruntergekommen. Das ist längst vorbei. Das Backsteinensemble beherbergt Büros etlicher Unternehmen. Im Innenhof lockt eine Pizzeria. Junge Leute wischen zu italienischem Sprudel und Cappuccino über ihre Smartphones.

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